Die Miami Dolphins und Tua Tagovailoa zählten zu den Comeback Kings in Week Two. Credit: Imago Images / USA Today Network / Tommy Gilligan

Auf dem Papier hielt der gestrige NFL-Nachmittag eigentlich nicht die absoluten Gassenhauer bereit, aber zum Glück bedeutet das im Sport ja ziemlich wenig. Erst recht, wenn die National Football League in zwei eigentlich schon gegessenen Spielen ihre unglaubliche Faszination entfaltet und damit zumindest zwei Mannschaften etwas bekamen, was einen nachhaltigen Effekt haben könnte.

Die Eckdaten sind relativ schnell geklärt: Ein Team liegt bei noch knapp 13 Minuten zu spielen mit 14:35 zurück, die andere Mannschaft sieht sich mit ungefähr 1:30 Minute einem 17:30-Rückstand gegenüber. Zwei ziemlich deutliche Geschichten, möchte man meinen.

Dolphins und Jets mit Mega-Comebacks

Die Miami Dolphins und die New York Jets eint aber in diesen Stunden nicht nur ihre Herkunft aus der AFC East, sie können sich wohl beide auch nur schwer das Grinsen aus den müden Gesichtern wischen. Sie rissen nämlich der sicher geglaubten Niederlage unfassbare Siege aus den Klauen und ließen die Baltimore Ravens, die Cleveland Browns und eigentlich auch die gesamte NFL mit offenem Mund zurück. Es sind zwar nicht einmal zwei ganze Spieltage absolviert, aber beide Teams dürfen sich schon jetzt durchaus berechtigte Chancen auf den Titel „bester Comeback-Sieg der Saison“ ausrechnen.

Ob es nun die „Fins“ oder die „Gang Green“ gestern im letzten Viertel schwieriger hatten ist eine müßige Diskussion, Helden sind sie heute irgendwie alle. Tua Tagovailoa, seine beiden Monster-Receiver Jaylen Waddle und Tyreek Hill, Joe „Grandpa“ Flacco, Justin Hardee, Garrett Wilson… die Erfolge haben viele Väter, sie alle haben trotz schlimmster sportlicher Ausgangslagen noch an die minimale Siegchance geglaubt. Der Stimmung auf dem Heimflug und dem Konsum des einen oder anderen Kaltgetränks dürfte es ganz sicher zuträglich gewesen sein.

So verlockend es sein mag, zu viel sportliche Schlüsse darf man aus den beiden Siegen eigentlich gar nicht ziehen, auch wenn das nach den Wahnsinnsleistungen und etlichen Big Plays aller Beteiligten auch vollkommen verrückt erscheinen mag. Zunächst einmal bugsierten sich die Dolphins und die Jets ja höchst selbst in eigentlich aussichtslose Situationen und offenbarten damit doch gewisse Lücken im eigenen Panzer. Natürlich deutete Tua Tagovailoa ein ordentliches Potenzial mit seinen beiden Star-Receivern an, sechs Touchdowns sind ein echtes und lautes Ausrufezeichen. Allerdings auch nur eines, schließlich kann selbst ein uralter und ziemlich eingerosteter Joe Flacco in dieser Liga noch für einen Tag die Uhr zurück drehen und derer vier Scores auflegen. Dass hierbei auch ein paar sehr indisponierte Verteidigungen beteiligt waren dürfte auch jedem Jet oder Dolphin nach einem lauten wie inbrünstigen Siegesschrei bewusst sein.

Potenziell enormer psychologischer Effekt

Trotz jeglicher Relativierung liegt in den beiden Wahnsinnscomebacks allerdings trotzdem eine große Aussagekraft, sowohl sportlich wie auch psychologisch. Und die gezeigten Aufholjagden haben dazu auch noch das Potenzial, nachhaltig Wirkung auf die gesamte Saison für beide Mannschaften zu haben. Fangen wir mit Miami an, die nach einer überzeugenden Leistung gegen New England nun schon wieder auf dem Boden der Tatsachen schienen. Ein Blowout hätte den von vielen als Offseason-Champions definierten Delfinen doch arg den Wind aus den Segeln genommen und den ohnehin hohen Druck auf die Mannschaft nur noch erhöht. Natürlich kann man in Baltimore verlieren, aber mit einem anfangs schwachen Tua und einer komplett löchrigen Defense? Da hätte es so manche Frage zu beantworten gegeben.

Mike McDaniel als neuer Coach findet in dem emotionalen Sieg genau die Art von Bestätigung, die für einen neuen Trainer unbezahlbar ist. Nicht nur verschafft sie ihm Bonuspunkte bei der Fanbase und der Presse, sie gibt ihm auch eine ganz andere Position im Umgang mit seinen Spielern. Gerade in einer oft martialisch anmutenden NFL, in der immer wieder von Bruderschaft und markigem Machismo die Rede ist, verbinden derartige Erlebnisse auf ganz besondere Weise. Sie spenden Mut, sie lassen die Spieler einander ein klein wenig anders in die Augen schauen, egal wann, egal wo. Ein Comeback wie dieses schenkt Glauben.

Kaum jemand kann diesen wohl besser gebrauchen als die Jets. Sie sind eines der jüngsten Teams der Liga, ein ganzes Sammelsurium an vielversprechenden Talenten, die alle in den ersten beiden Partien ihre Momente hatten, letztendlich aber schon fast realisieren mussten, dass sie das Grün und das Weiß der vermeintlich verfluchten Jets tragen. Dieses Damoklesschwert geschichtlichen Versagens, von einer der am häufigsten beschriebenen Verlierermentalitäten der Liga, es schwebt über dem Team wie eine dunkle Wolke, aus der es ständig regnet. Unter diesen Umständen ist es ein Leichtes, das Selbstvertrauen zu verlieren und im alltäglichen Tun in einem Strudel negativer Energie unterzugehen.

McDaniel und Saleh können darauf aufbauen

Ob er es zugeben würde oder nicht, diese Gefahr war für Head Coach Robert Saleh komplett real. Der empathische Übungsleiter war mit großen Vorschusslorbeeren in New York gestartet, seine enthusiastische Art kam an und er gefiel als Menschenfänger. Dass dies aber noch keine Siege bringt, weiß man auch nicht erst seit gestern und für Saleh drohte es nach einer traurigen Auftaktniederlage gegen Baltimore langsam ungemütlich zu werden. Vor allem, weil die Parolen und Floskeln immer leerer schienen, der Verweis auf Einsatz, Hingabe oder „Execution“ nicht mehr wirklich zog. Jetzt aber hat Saleh, für den das Zwischenmenschliche ein ganz wichtiger Teil seiner Philosophie ist, wieder einen Ansatzpunkt, er hat etwas, dass die jungen Spieler gebraucht haben.

Denn egal wie talentiert, spritzig oder fokussiert Akteure wie Sauce Gardner, Breece Hall oder Garrett Wilson auch sind, Niederlagen höhlen noch jeden Stein. Letzterer hatte gestern fast so einen Moment mit einem späten Drop, einen typischen Jets-Moment. Dann aber kam er zurück und fing den spielentscheidenden Touchdown. Wieviel dies für die Psyche des Youngsters bedeutet, kann mit Gold nicht aufgewogen werden. Ganz egal, wie viel Glück in dabei in diese Situation gebracht hat. Das Erlebte ist da, man kann es ihm nie wieder nehmen. So wie auch der gesamten Mannschaft der Jets und der Dolphins.

Gleiches gilt natürlich auch für die Gegenüber – die Baltimore Ravens und die Cleveland Browns. Es ist im Moment alles Spekulation und vielleicht gelingt auch diesen beiden Teams in den kommenden Wochen ein Sieg, der eine ganz besondere Kraft entfalten kann. Vielleicht stolpern die Jets und Dolphins auch bald und niemand wird sich mehr groß an die Erfolge vom Sonntag erinnern. Dennoch steht fest, dass beide Mannschaften nicht nur großes Herz bewiesen haben, sondern sie haben jetzt auch die Möglichkeit in ihrem Reifungsprozess genau daran anzuknüpfen und einen nächsten Schritt zu machen. Manchmal braucht es gar nicht so viel, um die Geschicke einer Franchise auf lange Sicht zu verändern. Eventuell war gestern so ein Tag.

Zumindest war es ein Tag, an dem zwei deutliche Geschichte nicht ganz so deutlich waren, wie es zunächst aussah.