Joe Burrow und seine Cincinnati Bengals legten zum NFL-Saisonauftakt eine Bauchlandung hin. Credit: Imago Images / ZUMA Wire / Jake Mysliwczyk

Vor gut einem halben Jahr schwebten die Los Angeles Rams und die Cincinnati Bengals als Super Bowl Teilnehmer auf der footballerischen Wolke Sieben, sie waren das Beste, was die NFL zu bieten hat. Nach bitteren Niederlagen zum Saisonauftakt 2022/2023 hat sie der Ligaalltag wieder und manch einer fragt sich, ob die beiden Mannschaften an einem „Super Bowl Hangover“ leiden!

Die neue NFL-Saison hatte noch gar nicht richtig angefangen, da trottete Bengals-Quarterback Joe Burrow schon arg missmutig nach einem weiteren erfolglosen Angriff zur Bank zurück. Er hatte gerade seine dritte Interception in nur fünf Offensivserien geworfen, eine weitere endete für ihn und seine Katzen-Kumpels in einem Strip-Sack mit anschließend verlorenem Fumble. Da konnte auch der zwischenzeitliche Field Goal Drive nicht wirklich trösten, denn unter dem Strich wusste Burrow natürlich sehr deutlich: Diesen Saisonauftakt haben wir gründlich verbockt.

Fehlstarts für die Rams und die Bengals

Nicht wirklich anders erging es den Los Angeles Rams ein paar Tage zuvor, die es sich für die meiste Zeit beim NFL Kickoff Game gegen die Buffalo Bills in der ersten Reihe mit Popcorn gemütlich machten und der Josh Allen Lauf und Wurf Show zuguckten, die für einen kurzen Auftritt in der Stadt der Engel ihre Zelte aufgeschlagen hatte. Die Rams verteilten dabei fleißig Freiräume, schenkten den Ball mehrfach her und konnten nur ganz selten etwas mit den ausgesuchten Gastgeschenken der Bills anfangen.

Sowohl für die amtierenden Super Bowl Champions aus L.A. als auch für ihre letztmaligen Endspielgegner aus Cincinnati begann die neue NFL Saison mehr als ernüchternd, resultierten ihre über weite Strecken schwachen Leistungen doch in bitteren Auftaktniederlagen. Dabei zählen sie für viele Experten ganz klar zum engen Kreis derer, die man im kommenden Jahr im ultimativen Spiel in Glendale, Arizona, am 12. Februar 2023 erwarten könnte. Das kann natürlich immer noch klappen, es ist ja erst ein Spiel absolviert, aber den von einigen Kritikern zitierten „Super Bowl Hangover“ sollten sowohl die Rams als auch die Bengals schleunigst bekämpfen.

Die Psychologie des Super Bowl Hangovers

Was ist das eigentlich genau, dieser Endspiel-Kater? Einerseits ist es nur eine von der Presse geliebte Formulierung, doch andererseits steckt auch ein klein wenig Wahrheit in dieser viel bemühten Floskel. Man sagt, dass es im Sport sehr schwer ist, an die Spitze zu kommen, dort zu bleiben ist allerdings noch schwerer. Selbst überragende Mannschaften haben es manchmal schwer, auf einen langen Postseason-Run oder gar einen Titel im kommenden Jahr ebenfalls maximale Leistungen folgen zu lassen. Der Hunger, die Motivation, der innere Druck – sie alle müssen sich seelischen Versuchungen erwehren, die in einer neuen Einordnung manchmal dazu führen können, eben nicht das allerletzte Prozent oder die richtige Entscheidung im Bruchteil der richtigen Sekunde zu treffen.

Die Ausgangslagen beider Teams haben sich dementsprechend mit ihren letztjährigen Erfolgen deutlich geändert, alleine schon, weil sie nun von den Jägern zu den Gejagten werden. Ihre Gegner vom vergangenen Wochenende aus Buffalo und Pittsburgh hatten bei ihren Auswärtsspielen weniger zu verlieren und gingen gleichzeitig weit hungriger ins Spiel als ihre Gegenüber. Das würden wahrscheinlich viele auf Seiten der Bengals und Rams so nicht offen zugeben, schon gar nicht die Coaches, doch irgendwo im stillen Kämmerlein meldete sich sicherlich hier und da die Gewissheit um die letztjährigen Erfolge sowie das Gefühl des massiv gestiegenen Erwartungsdrucks. Es ist eine ganz menschliche Reaktion und neue Einordnung, die auch ganz schnell wieder verschwinden kann, die aber jeder, der irgendwann einmal Sport getrieben hat, kennt.

Cincinnati und L.A. auch mit spielerischen Problemen

Nun sind besagte Bills und Steelers natürlich auch alles andere als NFL-Laufkundschaft. Buffalo geht als vielleicht der Top-Favorit in die Saison und sie hatten scheinbar mehr zu beweisen als die Rams vor heimischem Publikum, das sich als auch sein Team ohnehin schon noch einmal selbst feierte aufgrund der Meisterschaft. Die Steelers waren gewillt, ein Ausrufezeichen gegen einen Divisionsrivalen zu setzen und waren von ihrem ausgebufften Coach Mike Tomlin bis in die Haarspitzen motiviert. Es ist sicherlich nicht so, dass die Bengals dies nicht waren, aber ein paar Prozentpunkte fehlten einfach.

Psychologie ist aber nur die eine Seite der Medaille, denn sowohl Los Angeles als auch Cincinnati sehen sich auch ein paar spielerischen Fragezeichen gegenüber, die es über kurz oder lang zu beantworten gilt. Die Rams zum Beispiel müssen sich etwas einfallen lassen, wie sie das gigantische Loch stopfen wollen, welches der nach Buffalo abgewanderte Von Miller hinterlassen hat. Miller ist einer der überragenden Verteidiger dieses Jahrhunderts, ein absoluter Eckpfeiler des letztjährigen Titel-Erfolgs und dazu noch ein Anführer im Locker Room. Das so jemand fehlt steht außer Frage. Offensiv verlor man mit Andrew Whitworth ebenfalls einen wichtigen Leader, dessen Karriereende gepaart mit dem Abgang von Austin Corbett ins Kontor schlägt.

Offensive Line braucht in Cincy noch Zeit

Cincinnati kennt derartige Offensive Line Probleme, eigentlich wollten sie diese in der Offseason aber mit prominenten Verpflichtungen wie zum Beispiel Ted Karras ad acta gelegt haben. Nun musste Joe Burrow in Woche Eins direkt sieben Mal Gras futtern, natürlich gegen einen durchaus brutalen Steelers-Rush, aber letztendlich viel zu oft für die Ansprüche eines Titel-Contenders. In Kombination mit den unkonzentrierten Turnovern, die schon Anfang der letzten Saison zeitweise Probleme bereiteten, schaufelten sich die Bengals ihr eigenes spielerisches Grab. Auch wenn sie unter anderem dank der arg stotternden Pittsburgh-Offense mehrfach sogar die Chance hatten, die Kohlen noch aus dem Feuer zu holen.

Derartige Chancen werden auch in den kommenden Wochen kommen und wie viele wissen, ein „Hangover“ ist manchmal schneller vorbei als er gekommen ist. Im Sport kann er allerdings auch fix aus dem Ruder laufen, wenn zum Beispiel Rückschläge nicht korrekt eingeordnet oder Probleme mit einem bloßen „Weiter so“ abgetan werden. Alles umwerfen muss und darf man im Gegenzug natürlich auch nicht. Ganz egal wie frustrierend die letzten Tage für Joe Burrow, die Bengals und die Rams waren…