EQ St. Brown und seine Chicago Bears hatten in der Week One eine Menge Spaß. Credit: Imago Images / ZUMA Wire / Mike Wulf

Der Großteil eines verrückten ersten NFL-Spieltages ist vorüber und bescherte den Zuschauern genau die Art Spektakel, auf die man eine gesamte Offseason sehnsüchtig gewartet hat. Nervenaufreibende Foto-Finishes, spektakuläre Aktionen hüben wie drüben und die Faszination einer durchaus ausgeglichenen Liga sprachen für sich. Was aufgrund der ergebnisorientierten Natur des Sports aber zumindest die Hälfte der Mannschaften nicht besonders interessieren dürfte!

Die viel zitierte „Überreaktion“ ist ein ganz normales menschliches Gefühl, vielleicht sogar ein sehr begrüßenswertes, zeugt es doch von einem hohen Maß an Emotionalität, Begeisterungsfähigkeit und dass man Dingen einen Wert beimisst. Nicht groß anders ist es in der NFL, wo die Teams sich und ihre Anhänger manchmal von einem Spielzug zum anderen auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle mitnehmen. Wohl an keinem Spieltag sind diese seelischen Regungen stärker ausgeprägt als in der Week One, wenn man aus Mangel an Vergleichswerten ein mittel- und langfristig oft weniger aussagekräftiges Resultat komplett überhöht und versucht, daraus Schlüsse über das Schicksal dieser oder jener Franchise zu ziehen.

Erste Niederlagen verbreiten nicht selten Panik

Würde man bei den San Francisco 49ers, den New York Jets oder auch den Cowboys in Dallas am heutigen Montagmorgen anrufen, dann dürften am anderen Ende der Leitung ziemlich verkaterte und übermüdete Stimmen erklingen, denn der Frust ihrer Niederlagen lud bestimmt zum vermeintlich Kopf befreienden Hochprozentigen ein und ließ die Beteiligten mit Sicherheit die ein oder andere Stunde im eigenen King-Size-Bett vor sich hin grübeln. Den Cincinnati Bengals geht es sicher nicht anders, ihr Puls dürfte nach dem Wahnsinns-Auftakt gegen Pittsburgh ohnehin immer noch auf 179 pochen. Von Green Bay und ihrem bösen Erwachsen in Minnesota oder dem trotz einwöchiger Vorbereitung vor Ort vollkommen misslungenen Strandausflug der New England Patriots in Miami braucht man gar nicht erst reden.

Diese Niederlagen erscheinen – gerade für die Teams mit höheren Ansprüchen – auf den ersten Blick wie vernichtende Pleiten, von denen man sich mit einer ganzen langen Woche vor der Brust nur schwer erholen kann. Das Gegenteil ist natürlich der Fall, kaum eine Liga verändert sich von einer Woche auf die andere so sehr wie die NFL es tut. Die Packers kennen sich bestens damit aus, auch 2021 starteten sie mit einer Niederlage in die Saison. Niederlage ist vielleicht ein zu schwaches Wort, das damalige 38-3-Desaster in New Orleans lässt ihre diesjährige 16-Punkte-Schlappe bei den Vikings wie ein Sahnestück großer Football-Kunst erscheinen. Am Ende der vergangenen Saison standen dann bei Aaron Rodgers und Co. bekannterweise 13 Siege in der regulären Spielzeit zu Buche. Die dann natürlich wieder sehr wenig wert waren, nachdem man keinen weiteren in den Playoffs dazu packen konnte.

Offensive Lines brauchen in der NFL Zeit

Die große Frage ist nun hier: Was von dem in Woche Eins gezeigten Vorführungen ist eine Anomalie, was deutet auf einen vielleicht länger andauernden Trend hin? Oftmals zeigen sich Fans erschrocken über ihre gruseligen Offensive Lines, so geschehen gestern in Cincinnati (sieben Sacks gegen Joe Burrow), Dallas oder bei den beiden New Yorker Teams (trotz Sieg der Giants). Die Bengals hatten dabei ordentlich nachgebessert in der Offseason, um ihren Franchise-Quarterback trotz gen Boden ziehender Goldkette auf den Beinen zu halten. Nun ist gerade die offensive Frontlinie die Positionsgruppe, in der es vielleicht am meisten auf Chemie ankommt. Diese kann in Woche Eins noch nicht so da sein wie zum Beispiel in Woche Acht. Eine Gruppe schwergewichtiger Quarterback-Beschützer braucht Zeit, um sich aufeinander einzustellen, die richtigen Calls im entscheidenden Moment sowie ohne Verzögerung zu machen oder sich gegenseitig in brenzligen Situationen zu unterstützen.

Besonders schwer wird so etwas, wenn man nur Wochen vor Ligastart noch Tackles wie Unterhosen hin und her tauschen muss wie bei den Jets oder den Cowboys. Ganz unschuldig sind die Franchises an ihrer Situation natürlich nicht, denn keiner hat auch nur ein Team der Liga dazu gezwungen, an genau dieser Stelle wenig Kapital in ihre Backups zu investieren. Dass Tyron Smith oder Mekhi Becton auf der Verletztenliste landen war eher eine Wahrscheinlichkeit als ein Zufall. Dementsprechend zählt das Front Office der Jets sowie der Coaching Staff um Robert Saleh auch zu denjenigen, die sich nach der Week One ein wenig mehr Sorgen machen müssen. Salehs Defense spielte gegen Baltimore zwar viel besser als letztes Jahr und so ziemlich alle von Joe Douglas‘ gezogenen, hochgepriesenen Rookies schlugen ein, aber dies bedeutet aus der Makroperspektive wenig wenn eine fragwürdige Offensive-Line-Zusammenstellung (und Vorbereitung mit zu später Verpflichtung eines angeschlagenen Duane Brown) Sorgenfalten auf der Quarterback-Position beschert, wo Zach Wilson wahrscheinlich jetzt schon Angst um seine Knie hat.

Wentz als NFL-MVP-Kandidat? Not so fast

Weitaus besser geht es da Jungs wie Justin Fields, Carson Wentz oder auch Kirk Cousins nach ihren ersten Erfolgen der neuen Spielzeit. Kann es tatsächlich sein, dass die Washington Commanders mit Carson „vier Touchdowns in einem Spiel“ Wentz ihren neuen Anführer gefunden haben? Das „Abwarten“ klingt hier in etwa so laut wie ein Arrowhead Stadium beim Monday Night Game. Fields führte zwar ein beeindruckendes Comeback für die Bears gegen San Francisco an und zeigte bei schwierigen Bedingungen abermals „Guts“, wie es die Amerikaner nennen. Dass er diesen Schneid hat stellte er aber schon letztes Jahr unter Beweis, der nächste Schritt muss für ihn ordentliches und konstantes Passspiel sein. Sein Kollege etwas weiter nördlich in schönem Lila hat ihm da noch einiges voraus, aber das ist einerseits ein Segen als auch ein Fluch. Jeder auch außerhalb von Minnesota weiß schließlich, dass Kirk Cousins verdammt gut aber eben auch nicht überragend gut ist, was die durch den Sieg gegen Green Bay geschürten Hoffnungen eventuell etwas relativiert. Sein Kumpel Justin Jefferson allerdings ist vielleicht dagegen so gut, dass er die „Vikes“ ganz allein auf ein anderes Level heben kann.

Wie so viele andere Dinge wird man das erst einmal sehen müssen. Eine alte Regel in der NFL besagt, dass man erst nach dem vierten Spieltag wirklich Prognosen machen kann und mit ein wenig mehr belastbarer Information Schlüsse über die anstehenden Monate wagen darf. Alle Verlierer der ersten Woche brauchen sich jetzt noch nicht gleich abmelden, wenngleich der Druck auf Kollegen wie Mac Jones, Trey Lance oder Kyler Murray am nächsten Spieltag schon ein wenig größer sein wird, denn jeder will doch schon gerne sehen, dass die ersten Leistungen eher Ausrutscher waren.

Andernfalls wird aus der Überreaktion schnell ein dauerhaft mulmiges Gefühl in der Magengegend…