Der Kickoff zur NFL Saison 2022 wird mit Spannung und viel Hoffnung herbeigesehnt. Credit: Imago Images / ZUMA Wire / Cory Royster

Das lange Warten hat ein Ende: Die NFL-Saison 2022 steht endlich vor der Tür und verspricht nach mehr oder minder tristen Offseason-Monaten wieder wöchentliches Spektakel für die Football-Seele. Dabei genießt die Week One einen ganz besonderen Status, bündelt sie doch flächendeckend die Hoffnungen und Träume der gesamten Liga für das kommende Jahr und schafft ein Gefühl, wie es Kinder nicht selten an Weihnachten vor der Bescherung haben!

Tim Robbins‘ Charakter Andy Dufresne sagt in dem meisterhaften Film-Epos "The Shawshank Redemption" (deutscher Titel: "Die Verurteilten") einmal über die Hoffnung: "Hope is a good thing, maybe the best of things, and no good thing ever dies." Auch wenn die zitierte Unsterblichkeit der Hoffnung in der Realität nicht immer vergönnt sein mag oder die Fans der NFL in diesen Tagen nicht wie Dufresne und seine Kameraden hinter meterhohen Gefängnismauern ihrer Zukunft entgegen blicken, so lässt sich doch eine Verbindung herstellen zwischen den Worten aus dem Film und der Gegenwart in der stärksten Liga der Welt. Denn wenn es eines gibt, was die Week One in der National Football League bestimmt und ihren wunderbaren, jovialen Charakter ausmacht, dann ist es die Hoffnung.

Die Besonderheit der Week One in der NFL

In der ersten Woche einer jeden NFL-Saison sind nämlich noch alle Teams gleich, sie haben noch keine Siege gefeiert, noch keine Niederlagen erlitten. Theoretisch hat noch jeder die Chance auf den Super Bowl, die Divisionskrone oder eben jedes andere Ziel, welches die jeweilige Mannschaft in der spielfreien Zeit ausgegeben hat. Es geht hierbei tatsächlich nicht nur um die Titelträume der Contender wie Los Angeles, Green Bay oder Denver. Es dreht sich genauso um die jungen Teams aus Jacksonville oder New York, wo die Entwicklung eines ungeschliffenen Quarterbacks oberste Priorität hat, wo bisher unbeschriebene Rookie-Blätter auf einmal mit fulminanten Erfolgsgeschichten gefüllt werden sollen oder ein bis dato unbekannter Coach ein Händchen offenbart, was für die nächsten Jahre positiv stimmt. Allen diesen Situationen liegt in Woche Eins eben die Hoffnung als Gefühl zugrunde, die sich in kindlicher Vorfreude und über Monate unterdrücktem Enthusiasmus ergibt.

Diese Vorfreude gilt es für die Fans verschiedenster Teams festzuhalten und zu genießen. Denn es wird schneller als man denkt eine Zeit kommen, in der sie einfach nicht mehr da ist. Die düsteren Tage nach den ersten Niederlagen oder einer schweren Verletzung eines Superstars sind meist schon der Moment, an dem die Träume von gestern zu den Albträumen von morgen werden. Dann wenn alles, was man sich in der Offseason ausgemalt hat, irgendwie nicht seinen Weg auf das Feld gefunden hat, der vielgepriesene Neuzugang eher Mittelmaß statt Unterschiedsspieler ist oder sich bei anderen Akteuren dieselben Fehler wiederholen, die das Fanhaupt schon im Jahr zuvor etliche Haare gekostet haben. Das eine wie das andere ist natürlich eine Überreaktion auf eine ergebnisorientierte Momentaufnahme, die in sich keineswegs final oder auch zwingend aussagekräftig ist. Eine NFL-Saison ist schließlich ein Marathon, kein Sprint, die Antizipation vor dem ersten Snap einer neuen Spielzeit gleicht aber halt eben doch eher jener eines 100-Meter-Finals mit Usain Bolt in der Mitte.

Rams und Bills sollen Lust auf mehr machen

Die mit Spannung erwarteten ersten Spiele sind aber nicht nur Wasser auf die lange trockenen Mühlen des Fan-Herzens, welches in der Regel nur für ein einziges Team voller Inbrunst schlägt. Jedes Jahr birgt das Leben in der NFL auch wieder unzählige interessante Neuerungen, auf welche die Zuschauer in Week One erstmals ihre Augen legen können. Die über Monate gepriesenen Rookies betreten erstmals das Feld und können einer breiten Öffentlichkeit vorspielen. Für manche Fanbase kann dies enorme Wirkung für die kommenden Jahre haben, wenn sich zum Beispiel ein hochgepickter Spieler entsprechend seinem Draft-Status präsentiert. Gleichzeitig ist gerade zu Beginn einer Saison der Blick über den Tellerrand spannend, um Stars in neuen Farben und Systemen zu sehen, um Regeländerungen zu evaluieren, neue Dynamiken innerhalb etlicher Teams zu identifizieren oder neue Spieler beim Griff nach vorher nicht vorhandenen Chancen zu beobachten.

In dem Wissen um die Vorfreude der Massen liefert die NFL mit ihrem Kickoff Game einen vermeintlich mehr als angemessenes Matchup, welches wie kein anderes Spiel des Wochenendes den Mund für den Rest der Saison wässrig machen soll. Die amtierenden Super Bowl Champs aus Los Angeles empfangen in der Nacht zum Freitag mit den Buffalo Bills eine Mannschaft, die zu den heißesten Anwärtern auf die Nachfolge der Rams gilt. So sie denn ihren mühsam erklommenen Thron überhaupt räumen werden. Wie auch immer das Duell der Schwergewichte im SoFi Stadium ausfallen wird, es ist lediglich ein kleiner Teil vom Ganzen in der ersten Saisonwoche, ein Rädchen in einer großen Maschine, welche wohl erst am Sonntag 19:05 Uhr mitteleuropäischer Zeit auf Hochtouren läuft. Dann wenn es wieder Sonntag ist und man auch das echte Lebensgefühl jenes besonderen Wochentags wieder leben kann.

American Football ist wieder Lebensgefühl

Wenn die heimelige Couch zum Cockpit eines sportlichen Fluges durch die Stadien der NFL mutiert und Chips, Burger oder Kaltgetränke zum Treibstoff werden, der einen viel zu spät ins Bett gehen lässt. Das eigene Telefon fährt quasi die Dauerleuchte dank etlicher Nachrichten aus dem ebenfalls Gridiron-interessierten Freundeskreis, der himmelhochjauchzend sein Leid klagt oder ob des ersten Touchdowns des eigenen Teams schon nach Super Bowl Tickets googelt. Fantasy-Football ist dann nicht mehr nur Theorie und Planung, sondern es werden wieder praktisch und tatsächlich Punkte gemacht, mit denen man Gegner in den virtuellen Staub zwingen kann. Natürlich kann man auch schneller als man denkt selbst auf der Verliererseite sein, egal ob in der Fantasy-Liga oder in den wirklichen Standings, am ersten Sonntag der Saison ist das aber zunächst einmal völlig egal. Genau, es besteht schließlich noch diese unglaublich tolle Erfindung namens Hoffnung.

Und mit ihr im Gepäck lässt sich wohl eines für jeden NFL-Fan in den kommenden Tagen sagen: In der Week One sind alle zunächst einmal irgendwie Gewinner. Das Spiel, dem man mit Liebe nacheifert und das man mit der Zuneigung einer Löwenmutter im Herzen trägt, wird für einige Stunden alles vergessen machen, was sonst in den aktuellen Tagesnachrichten berechtigterweise auf die Stimmung schlägt. Es ist ein Umstand, für den man dankbar sein kann, der glücklich stimmt. Und der es gerade deshalb tut, weil zwar die Hoffnung entgegen Andy Dufresnes Worten auch im Football sterben kann, letztendlich aber irgendwann immer wiederkommt... spätestens in der nächsten Week One.