Oft ist der Safety in der NFL die letzte Hoffnung der Verteidigung. Credit: Imago Images / Icon Sportswire / Chris Williams

"Safety" heißt übersetzt Sicherheit, genau diese sollen die zentralen Männer einer NFL-Secondary ihrem Team defensiv bescheren. In Zeiten hochexplosiver Passoffensiven müsste ihr Berufsprofil daher eigentlich gefragter sein denn je, doch die Realität sieht vielerorts anders aus. Auch der neue Mega-Deal für Derwin James kann noch nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Mannschaften die Safety-Position eher stiefmütterlich vernachlässigen!

Das Grinsen bekommt Derwin James in diesen Tagen kaum aus seinem fröhlichen Gesicht. Gründe hat der Premium-Verteidiger der Los Angeles Chargers dafür ungefähr 76,4 Millionen Stück, alle in Form von kleinen wedelnden Dollar-Scheinen, die ihm sein Arbeitgeber in den kommenden vier Jahren für sein Tun auf dem Football-Feld überweisen möchte. So steht es in seinem neuen Vertrag, der damit der voluminöseste ist, den jemals ein Safety in der Geschichte der NFL unterschrieben hat. Was aber über eine ganz bestimmte Tatsache in der heutigen Zeit nicht hinwegtäuschen kann: Die Safeties der Liga zählen eigentlich immer noch zum eher minder wertgeschätzten Personal auf dem Gridiron.

Trotz Derwin James: Als NFL Safety klingelt selten die Kasse

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Es ist ein Schicksal, dass sie sich mit einigen anderen Positionen teilen, zum Beispiel den Runningbacks oder den Tight Ends. Es gibt zwar hier und da Ausreißer nach oben oder nach vorne, Mister Gronkowski oder ein gewisser Christian McCaffrey lassen grüßen, generell gelten aber einige ungeschriebene Gesetze immer noch in der Judikative der NFL: Man draftet Safeties nicht mit Top Fünf Picks, man bezahlt ihnen nicht so viel Geld wie den meisten anderen Positionen und nicht selten sind die Herren im Hinterfeld der Verteidigung nicht die ersten, über die man sich bei der Kaderzusammenstellung Gedanken macht.

Durchschnittsgehälter und die Entwicklung ihrer Kompensation sprechen dabei in den vergangenen Jahren eine deutliche Sprache, Safeties hinken weiter hinter anderen ihrer Kollegen zurück. Mangelnde Anerkennung mag innerhalb des Locker Rooms nicht unbedingt vorherrschen, schon gar nicht wenn ein Top Safety die eigenen Farben trägt, der Markt an sich spricht in Sachen harter wirtschaftlicher Fakten dennoch eine deutliche Sprache. Der Vertrag von Derwin James hin oder her.

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Dabei verraten unterschwellige Zahlen durchaus, dass der Safety in der modernen NFL eine enorm wichtige Rolle innehat. So ergab eine Evaluation aus dem Jahr 2020, bei welcher der analytische Wert der "Wins Above Replacement" (frei übersetzt die Wichtigkeit eines Spielers für die Mannschaft in Siegen ausgedrückt) der 32 Top-Spieler auf jeder Position in Augenschein genommen wurde, dass gute Safeties die drittgrößte Auswirkung auf den Teamerfolg ihrer Mannschaften haben – direkt hinter dem Cornerback und natürlich dem Quarterback.

Safety Position wesentlich bedeutender als oftmals gedacht

Auch aus der Makroperspektive und vor dem zeitgenössischen Hintergrund machen derartige Ergebnisse Sinn. Moderne NFL-Offensiven stützen sich immer mehr auf ein variables Passschema, operieren mit immer herausfordernden Personalgruppierungen und werfen den Ball mehr denn je. Da ist es nicht verwunderlich, wenn vor allem die primären Passverteidiger besondere Aufmerksamkeit und Wertigkeit erhalten. Bei den Cornerbacks ist eben dies schon lange der Fall und bewies sich erst jüngst wieder durch zwei Top-Fünf-Picks namens Derek Stingley und "Sauce" Gardner. Safeties in derartigen Drafthöhen? Fehlanzeige.

Dabei sind sie auf dem Feld nicht selten genau da, wo die entscheidenden Plays gemacht werden. Als "Last Line of Defense" operieren Safeties sowohl in den tiefen Zonen, sind die auserwählten Gegenspieler für Receiving Backs oder Hybrid Tight Ends und sie gelten als ein bindendes Element zwischen Lauf- und Passverteidigung. In dieser Rolle sind die Anforderungen an die Safety-Position ebenfalls exponentiell gestiegen, sogar so weit, dass sie für eine gewisse Zeit immer schwieriger zu erfüllen waren. Hier hat die Evolution der Position nicht ganz Schritt gehalten mit der Weiterentwicklung des Spiels.

Denn so sehr ein kompletter Safety quasi der Inbegriff eines "positionslosen" Verteidigers ist, der in allen drei Ebenen der Verteidigung und gegen jegliche Form von Offensive mit Wirkung agieren kann, so groß ist auch die innerpositionelle Diskrepanz von früher oft spezialisierten Rollen. Strong und Free Safety hatten immer markant unterschiedliche Jobs, was aber in der Moderne nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Ein perfektes Beispiel dafür ist Jamal Adams von den Seattle Seahawks. Vor ein paar Jahren noch als einer der beste Safeties der Liga angesehen, weiß man mittlerweile um seine eklatanten Schwächen gegen den Pass. Ein Manko, was ihn in Kombination mit seinem Vertrag zusehends zum Problem in Seattle macht.

Ein moderner NFL Safety muss viel mitbringen

Die harte Realität: Kann ein Safety nur gegen den Run oder den Pass gut aussehen ist er fast nicht mehr einsetzbar für heutige NFL-Teams. Dafür sind die meisten Offensivreihen einfach zu variabek und stellen zu hohe Herausforderungen an die gesamte Verteidigung. Gleichzeitig ist es unheimlich schwierig, die verlangten Fähigkeiten eines Single High Center Fielders mit denen eines Hard Hitting Rovers nahe der Line of Scrimmage zu kreuzen, da beide Rollen in sich sehr unterschiedlich sind. Von den enormen Räumen, in denen sich Safeties bewegen, einmal ganz zu schweigen.

Dass es geht zeigt unter anderem der eingangs erwähnte Derwin James, der jüngste in einer langen Liste von kompletten Safeties, welche schon immer ihre Rolle in der National Football League prominent ausgefüllt haben. Ein Überathlet, der mit seinem Instinkt und seiner Beweglichkeit in jeder Coverage Akzente setzen kann, der aber gleichzeitig auch den Hammer im footballerischen Werkzeugkasten mit dabei hat. Damit ist er sozusagen der Prototyp eines modernen Safety, jener Art von Spieler, den NFL Verteidigungen händeringend als Antwort auf das Passspiel der Neuzeit suchen. Dem Verlangen dürften gewisse Entwicklungen in den nächsten Jahren folgen.

Ob James oder andere Spieler wie er, die mit zunehmender Veränderung des Spiels immer häufiger auch aus dem College nachkommen dürften, die Verdienste von NFL-Safeties damit aber schon bald nachhaltig verändern werden ist abzuwarten. Eines aber ist wohl sicher: Wenn es so wäre, würde es seinem derzeitigen Grinsen sicherlich keinen Abbruch tun…