Die Bälle werden in der NFL wieder aus dem Schrank geholt. Credit: Imago Images / Icon Sportswire / Robin Alam

Die NFL nimmt endlich wieder Fahrt auf, zumindest mit angezogener Handbremse. Die just gestartete Preseason gibt dabei Football hungrigen Fans echte Action nach Monaten der Abstinenz vom ovalen Leder und ruft nicht selten überbordende Euphorie hervor. Bei allem Enthusiasmus ist es aber wichtig, eine vernünftige Perspektive auf die doch oftmals wenig aussagekräftigen Leistungen der Vorbereitung zu behalten und nicht den alljährlich wiederkehrenden Plattitüden seiner liebsten Teams auf den Leim zu gehen!

Erinnert sich noch jemand an David Clowney? Oder vielleicht an die Saison, als Jarrett Stidham für die New England Patriots wie der designierte Nachfolger von einem gewissen Tom Brady aussah? Nein? Klingelt etwas bei Ryan Nall, Chris Warren III oder Mack Brown, letzterer seines Zeichens Runningback und nicht der legendäre Trainer der University of Texas? Falls die Antwort auf bestehende Fragen negativ ausfällt ist trotzdem auf nachdrücklichen Gram zu verzichten. Besagte Namen trumpften schließlich nicht an Sonntagen der regulären NFL-Saison auf und zementierten damit ihren Status bis ans Ende aller Football-Tage, sondern eben zu einer anderen ganz bestimmten Zeit: Der Preseason.

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Die Tage der Vorbereitungsspiele sind in der NFL zumeist begleitet von allerlei leicht zu deutendem Hype, flimmert doch zu jener Zeit die erste "wirkliche" Football-Action seit ungefähr einem halben Jahr über die Bildschirme und die natürliche Reaktion hierauf in jedem Fan-Herz kann lediglich kindliche Freude sein. Es spielen tatsächlich wieder echte Mannschaften echten Football gegeneinander! Auch wenn das Ergebnis letztendlich keinen interessiert fliegt jedwede Rationalität im Stil einer Josh Allen Hail Mary über Bord und macht Raum für allerlei erkenntliche Schnellschüsse. Welchen Eindruck machen die Rookies, wie sieht der Starting Quarterback aus, hat Spieler XY abgenommen oder herrschen hüben wie drüben im Kader dieselben Probleme wie im letzten Jahr vor? Fragen über Fragen, welche vor allem in sozialen Medien für Traffic sorgen, der jeder Rush Hour in Los Angeles alle Ehre machen würde. Dieses manchmal vor allem emotionale Stop-N-Go sorgt langfristig nicht selten für Frustration, weshalb man sich an einem kleinen Preseason-Fahrplan mit ein paar wichtigen Tipps für die Vorbereitung versuchen könnte.

Wenn ein Team schlecht aussieht steckt selten ein Masterplan dahinter

Etwas kommt zum Beispiel oft so sicher wie das Amen in der Kirche: Wenn ein Team oder ein Spieler sich in der Preseason einen zurechtstolpern, dann hämmert mancher die Worte "it’s just preseason" schneller in die Tasten als wie der gegnerische Verteidiger die Interception in die Endzone tragen kann. In sich stimmen diese Worte natürlich und am Sonntag direkt auch noch zweimal. Das heißt allerdings nicht, dass man Leistungen nicht auch unter einer vernünftigen Perspektive bewerten kann.

Klar spielen viele Mannschaften nur mit einem auf Diät gesetzten Playbook und hüten sich, ihren Gegnern in unbedeutenden Matches all ihre hinterlistigsten Tricks zu präsentierten. Und sicherlich steckt in einer oftmals nur einstelligen Anzahl von Snaps, bei denen die Starter sich von der Ersatzbank erheben, nicht selten wenig Aussagkraft. Nur kommt es immer darauf an, wer hier was den Zuschauern präsentiert. Ein gestandener Quarterback muss ob einer brutalen Interception keine Kopfschmerzen bekommen. Ein junger, aufstrebender Signal Caller, der noch nichts bewiesen hat und schon im Vorjahr Probleme mit Turnovern hatte vielleicht schon.

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Gleiches gilt für die Mannschaften und ihre Coaches. Wenn Bill Belichick oder Mike Tomlin ihre Jungs nicht bis in die Haarspitzen motiviert haben und die Truppe unvorbereitet wirkt ist es eigentlich kein Problem. Wenn bei anderen weniger namhaften Übungsleitern die erste Game Action seit gefühlten Ewigkeiten aussieht wie ein Sommerturnier der lokalen F-Jugend, dann darf man schon mal nachhorchen, was da eigentlich den ganzen Sommer gemacht wurde.

Wann passiert was und wann eben auch nicht

Ebenfalls klein aber fein ist der zeitliche Unterschied individueller Leistungen. Gelingen einem jungen Wide Receiver im ersten Viertel direkt als Teil der Starting Lineup ein paar Plays sind jene meist wesentlich wertvoller, als wenn er drei Mal so viele Yards in der Garbage Time gegen zukünftige Supermarkt-Kassierer abliefert. Deren Anstrengungen – vor und nach der sportlichen Karriere – sind aller Ehren wert, nur eben nicht besonders aussagekräftig bei der Evaluation eines potenziellen NFL-Profis. Was wiederum nicht heißt, dass sich junge Spieler nicht auch in der dritten Reihe mit guten Leistungen nach vorne katapultieren können.

Eine durchaus interessante Betrachtung ist die Verteilung von Spielzeit besonders deshalb, weil diese Hinweise auf das künftige Depth Chart geben kann. Welcher vermeintliche Starter muss auch noch mit den Reservisten auf dem Feld stehen und dabei seinen Coaches irgendetwas zeigen, was sie von ihm bisher noch nicht gesehen haben? Welche Offensivspieler bekommen keine Snaps mit der ersten Mannschaft, welche Defensivspieler kommen erst nach dem Abgang der Starter auf das Feld? In jenen Tatsachen lassen sich regelmäßig zumindest Nuancen erkennen, die auf die Denkweise der Head Coaches hinweisen.

Schmallippige Coaches halten sich erstmal zurück

Apropos Coaches: Die „armen“ Jungs blicken in diesen Tagen in unzählige mediale Augenpaare und sollen doch bitte besonders wortreich ihre Strategie, ihre Bewertungen und auch noch ihre Gemütslage zum Besten geben. Part of the job, sure! Dementsprechend routiniert wiegeln die Übungsleiter Fragen zu den Preseason-Spielen ab. Die Intensität im Training stimmt eigentlich immer, es gibt immer eine Menge zu tun, sie sind sehr zufrieden wie ihre Jungs mitmachen, das andere Team ist toll, der eigene Kampfgeist noch viel toller und andere Floskeln dieser Art hört man zuhauf.

Ein Stück weit ist diese „Coach Speak“ Selbstschutz, bevor die Medien mit wirklich scharfen Patronen ihre Kolumnen schreiben. Die NFL Trainer haben schließlich auch alle im teaminternen PR-Seminar besonders gut aufgepasst. Gleichzeitig aber gibt es oft einfach nichts Substanzielles zu einem Preseason-Spiel zu sagen, zumindest nicht, wenn man eine politisch-korrekte Contenance bewahren möchte. Wobei, ein Coach, der auf die Frage, was denn "seine takeaways" nach einem Preseason Game seien, mit "überhaupt keine" antwortet hätte auch etwas. Ganz gerecht wäre auch das allerdings nicht.

Für manche wird die Preseason zum Super Bowl

Denn bei aller Relativierung vom Preseason-Football hat die Vorbereitungszeit für eine ganze Reihe von Spielern eben doch eine geradezu monumentale Bedeutung. Es sind die David Clowneys, die Ryan Nalls oder Mack Browns, für die ein früher viertes und heute drittes Preseason Game ihren persönlichen Super Bowl bedeutet, spielen sie doch oftmals um nicht weniger als um ihr sportliches Überleben und den Fortbestand ihres großen Traumes.

Ein gutes Special Teams Tackle, eine Verletzung eines direkten Positionskollegen, der eine richtige Schritt während ein anderer den falschen macht – alles kann letztendlich entscheidend sein, wenn es darum geht, wer noch als Nummer 53 in einen Kader mit hineinrutscht und wer auf Jobsuche gehen muss. Für nicht wenige ist es eine lebensverändernde Auswahl, im Guten wie im Schlechten. Unter dieser Prämisse lässt sich die Euphorie dann doch wieder ganz gut nachvollziehen.

Auch wenn es "just preseason" ist…