Der Skandal um Deshaun Watson zeigt eine dunkle Seite der National Football League. Credits: Imago Images / Icon SMI / Robin Alam

Es vergeht fast kein Tag während der aktuellen Offseason, an dem nicht ein weiteres Detail zum größten NFL-Skandal der vergangenen Jahre bekannt wird. Deshaun Watson wollte eben jenen bei den Cleveland Browns eigentlich hinter sich lassen, doch wie sich herausstellt, holt ihn nicht nur seine Vergangenheit an vermeintlich neuer Wirkungsstätte ein, sie schreibt auch ein weiteres düsteres Kapitel einer Liga, die seit langer Zeit schon ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Moral hat!

Der große Schriftsteller Ernest Hemingway hat einmal gesagt: "Ich weiß lediglich über Moral, dass man sich nach etwas Moralischem gut fühlt und nach etwas Unmoralischem schlecht." Auch wenn manche den depressiven Lebemann mit der Jahrhundertfeder nicht als Experten dafür zu Rate ziehen würden, was nun richtig oder falsch sein sollte, so steckt in seinen hier zitierten pragmatischen Worten ähnlich viel Wahrheit wie in seinen Romanen Genialität. Zumindest fühlen sich derzeit wohl weder Deshaun Watson, die Cleveland Browns oder die NFL wirklich gut, wenn sie auf die moralischen Abgründe des seit letztem Jahr brodelnden Skandals zurückblicken, der alle Beteiligten mit schmerzhafter Regelmäßigkeit beschäftigt. Und dies wohl auch noch auf lange Sicht tun wird.

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In einer Zeit, in der Empörung und das Moralisieren alltäglicher Debatten zum Volkssport geworden ist, soll diese Betrachtung nicht mit einem erhobenen Zeigefinger beginnen. So gerne wir die Welt immer wieder schwarz und weiß sehen würden, so sollten uns nicht erst viele jüngste Ereignisse gezeigt haben, dass diese Aufteilung nicht nur selten angebracht ist, sondern sich meistens einfach schlichtweg als unmöglich offenbart. Mehr noch, der inflationäre Gebrauch von Haltungsidealen und Wertvorstellungen verwässert eben jene oft nur und entzieht ihnen dabei ihre eigentlich so dringend benötigte Kraft.

NFL wird den eigenen Standards meist nicht gerecht
Dennoch spielt die Betrachtung der ethisch-sittlichen Perspektive im Fall Deshaun Watson (HIER eine detaillierte Timeline) natürlich eine gravierende Rolle, in Teilen vielleicht sogar die wichtigste nebst harten juristischen Fakten. Sie sagt nämlich nicht nur eine Menge über die Protagonisten der gesamten Geschichte aus sondern wirft auch ein Licht auf die teilweise komplett verrutschte Wahrnehmung im Milliardengeschäft National Football League, in welcher zwar tagtäglich hohe ethische Standards angemahnt aber nicht wirklich mit der sich gebietenden Ernsthaftigkeit verfolgt werden.

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Andernfalls wäre es schlichtweg unmöglich, dass sich ein Spieler, der einerseits seit vielen Jahren für sein philanthropisches Engagement gelobt wurde, vor die Presse stellt und sein Verhalten weder erklären kann noch wirklich eine Intention vermittelt, der Öffentlichkeit das gesamte Bild oder einen Anflug echter Reue zu präsentieren. Es wäre ebenso unmöglich, dass sich direkt mehrere Mannschaften um jenen Spieler bemüht haben, über dessen Kopf zum damaligen Zeitpunkt zahlreiche Zivilklagen wegen sexueller Übergriffe, Nötigung und Belästigung baumelten. Von denen ein Team ihm hinterher einen der größten Verträge der NFL-Geschichte auf einem Silbertablett servierte inklusive eines quasi finanziellen Freibriefes im ersten Jahr bei einer drohenden Suspendierung.

Nicht nur die Cleveland Browns bemühten sich um Deshaun Watson
Die jüngste Vergangenheit zeigt aber, dass all diese Dinge möglich sind, so schwer das auch manchmal zu glauben sind. Dabei sind der letztendliche Wahrheitsgehalt von Anschuldigungen oder letztendliche juristische Urteile hier sogar in gewisser Betrachtungsweise irrelevant. Selbst wenn sich irgendwann doch einmal herausstellen sollte, dass Watson zu Unrecht beschuldigt wurde oder sich andere düstere Wahrheiten auftun (was längst nicht das Erste mal in einem solchen Falle vorkommen würde), so spricht die komplette Zügellosigkeit, mit der Mannschaften das Risiko einer Verurteilung hinnehmen würden Bände. Suspendierung, ruinierter Vorbildcharakter, moralische Abgründe – alles egal, solange du uns in ein paar Jahren vielleicht zum Super Bowl führen wirst. Ganz tief fallen hier natürlich die Cleveland Browns, denen spätestens mit ihrem Deal das Mantra der "lovable losers" auf unbestimmte Zeit abhandenkommen wird.

Die NFL mag derzeit eher als Außenstehender betrachtet werden und gibt sich gerne mit Drohungen über eventuelle zukünftige Strafen als moralische Instanz, letzten Endes ist sie es aber, die genau diese Kultur schon seit Jahren und Jahrzehnten entstehen lässt. Skandale werden unter den Tisch gekehrt, Schwerstkriminelle mit zweiten und dritten Chancen bedacht und das Bewahren des eigenen Images über alles gestellt. Ein paar tausend Dollar als verletzter Spieler zu wetten geht aber gar nicht und zieht eine einjährige Sperre nach sich, zahlkräftige Wettanbieter Schrägstrich Sponsoren könnten ja Unmut bekunden und die Glaubwürdigkeit von Ergebnissen in Frage gestellt werden. Es geht hier nicht um die Moral, sondern dass die Gelddruckmaschinen weiterlaufen sollen, das Spektakel steht im Vordergrund. "The Show Must Go On" – da gibt es wenig, was bombastische Inszenierungen oder zeitweilige Imagekampagnen nicht hinfort spülen könnten.

NFL muss Vorbildcharakter ernst nehmen
Eben jenen präsentiert sich die NFL gerne als familienfreundlich, als zukunftsorientiert sowie als wichtigen Teil einer aufgeklärten Gesellschaft. Es stimmt, dass die größte Sportliga der Welt die Chance hat, ihre Vorbildrolle auf ganz besondere Art und Weise zu definieren, nicht zuletzt weil sie längst fest in der Identität der Amerikaner verankert ist. Diese Chance und ihre unendlichen Möglichkeiten nehmen sie wie eigentlich alle anderen großen Sportligen und Veranstaltungen auch in die Pflicht, ihrer Rolle als Wertevermittler, als prägendem Einfluss auf die Jugend gerecht zu werden.

Was bei der Betrachtung des ganzen Skandals natürlich niemals vergessen werden darf, ist dass es sich hier um einen Teil eines großen Ganzen handelt und dass die NFL letztendlich auch ein Abbild der Gesellschaft an sich darstellt. Will sagen, dass es auch hier eine gewaltige Menge an Dingen gibt, die richtig laufen, die jene unabdingbare Liebe erwecken, welche der Liga zu Teil wird. Gleichzeitig aber ist die Causa Deshaun Watson derartig wirkmächtig, dass sie potenziell das gesamte Konstrukt NFL auf Jahre beschäftigen könnte.

Man denke nur einmal, er würde wann auch immer tatsächlich einmal wieder das Trikot der Cleveland Browns tragen und sie vielleicht sogar in den so lange ersehnten Super Bowl führen. Und man stelle sich vor, ihn vielleicht sogar gewinnen. Wie würden sich die Fans der NFL und die Fans der Cleveland Browns dann frei nach Hemingway fühlen?