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Spiel des Lebens - Eine Kurzgeschichte (5/5)

Friday Night Lights Friday Night Lights Imago Images / ZUMA Wire / Terry Pierson
Ob für den Urlaub oder zu Hause, im Sommer nehmen wir uns gern eine Auszeit und lesen die ein oder andere Geschichte. TOUCHDOWN24-Autor Moritz Wollert nutzt seine Leidenschaft für American Football und begleitet uns in die Welt des High School Footballs im Westen von Texas. “Spiel des Lebens” nimmt uns für eine Weile mit in das Leben des jungen Linebackers Nolan Carter.

6,50 € inkl. MwSt. TD24 Heft 52 - DEZ 2021 Noch 57 vorhanden Zum Produkt



Die „Friday Night Lights“ scheinen am nächsten Abend heller, als sie es je zuvor getan haben. Die Spieler blicken aus dem Dunkel der Katakomben hinaus, saugen die Szenerie in sich auf. Wie einst die Gladiatoren im alten Rom verspüren sie allesamt Angst, bangen vor dem Druck eines Spiels, dass sie ihr gesamtes Leben von nun an verfolgen wird. Adrenalin und Begeisterung ringen die furchtvollen Gefühle nieder, mit eben jener Gewalt, welche die Spieler Minuten später auf dem Feld entfesseln wollen. Bis auf den letzten Platz ist das Hamilton Memorial Stadium ausverkauft, dicht an dicht drängen sich die frenetischen Zuschauer. Als die Spieler zu ohrenbetäubenden Lärm auf das Feld hinauslaufen, blicken sie in eine Wand aus tausenden Menschen, die majestätisch in den texanischen Himmel emporragt. Sie begräbt die untergehende Abendsonne, den Horizont und die gesamte  restliche Welt unter sich, es scheint, als gäbe es für die Jungen nur dieses Feld, diese Lichter, diesen Moment. So wie es nur den einen Nolan gibt, der sie stolz und begeisternd wie eh und je in die Schlacht führt. Wild entschlossen streckt er seine Faust in den Himmel, seine Teamkameraden tun es ihm in ähnlichen Gesten gleich. Überall, überall hin würden sie ihm folgen. 

Nachdem der Kickoff in der Endzone landet formieren sich die Mannschaften auf  gegenüberliegenden Seiten, Hamiltons Defense steht als erstes auf dem Feld. In ihrer Mitte bezieht Nolan Position, ruft ein paar letzte Anweisungen. Er spürt, wie sich die ersten Schweißtropfen auf seiner Stirn formen, konzentriert versucht er, jede noch so kleine Bewegung von Greenwoods Angreifern zu deuten. Auf einmal wird es um ihn herum ganz ruhig. Er sieht, wie sich die Münder der anderen Spieler bewegen, wie sie gestikulieren. Er sieht an ihnen vorbei, auf die Ränge, wo ebenfalls unzählige Menschen laute Rufe in die Nacht hinausschicken. Aber er hört nichts, die Welt bewegt sich wie in Zeitlupe. Er sieht zur Seitenlinie, in die Gesichter der Coaches, auch in das von Nick  Garrison, der seinem Blick ausweicht. Dann schaut er die Tribüne entlang auf der Suche nach seiner Familie, zunächst kann er sie nicht sehen. Da erblickt er sie, sie jubeln so wie alle anderen. Auch die kleine Alicia ist dabei, ganz stolz und hoffnungsvoll wedelt sie mit einer kleinen Fahne. Nolan versucht sich wieder auf das Spiel zu konzentrieren, er merkt, wie die Play Clock für den nächsten Spielzug gnadenlos hinuntertickt. Drei. Gleich geht der Ball ins Spiel. Zwei. Nolan hält den Atem an. Eins. 

Dann schießt er aus seiner Verteidigungsposition, richtet sich auf, wie ein Titan, der sich den Weg aus dem Innern der Erde hinausbahnt. Mit aller Kraft ruft er im letzten Augenblick: „Auszeit!“ 

Wochen sind vergangen, seit Hamilton das Spiel des Jahres gegen ihre Erzrivalen aus Greenwood verloren hat. Die Saison war damit vorbei, Träume platzten, Namen gerieten in Vergessenheit. Nolan Carters blieb zunächst, übertraf doch die Verwunderung über seine Auswechslung für viele sogar die Trauer über das verlorene Spiel. Später wurde nach weiteren Untersuchungen bekannt, dass der Held Hamiltons an einer schweren Verletzung litt, einer potenziell fatalen Verletzung, die ihn zum Ende seiner Football-Karriere zwang. Manche verstanden, andere nicht. Für Nolan persönlich brach die Welt zusammen, die, die er liebte, die er kannte, für die er bestimmt war. Vom Heldenstatus war wenig bis nichts geblieben, bald erkannte man ihn kaum noch, Menschen grüßten ihn auf der Straße nicht mehr. Wechselten öfter die Straßenseite. Er wurde innerhalb von Tagen zu einer  Vergangenheit, die ohne Meisterschaft für viele keiner Erinnerung würdig war. So wie seine Zukunft  keine Briefe oder Angebote mehr wert war. 

Nolan hört das Klingeln und erhebt sich von seinem Bett. Es ist ein weiterer unproduktiver Tag, in Gedanken versucht er, Scherben aufzukehren, findet aber keinen Besen dafür. Wieder klingelt es, dann ist er an der Tür und öffnet sie. Vor ihm steht ein kräftiger Mann, auf seinem orangenen Poloshirt ist deutlich das Logo der University of Texas zu erkennen, ein breiter Longhorn-Schädel. Überrascht sieht Nolan den Mann an, den er als Nate Anderson wiedererkennt. Er ist Assistenztrainer an der U of T, einer der Universitäten, die ihm einst ein Stipendium angeboten haben. Sie war aufgrund der räumlichen Nähe in Nolans engerer Auswahl, hätten ihn seine Mutter und seine Geschwister doch regelmäßig besuchen können. Er hatte oft mit Alicia darüber gesprochen. Damals, als Träume noch Träume waren. 

„Wollen wir ein paar Schritte gehen?“ fragt Anderson. 

„Warum nicht“, entgegnet Nolan und schließt die brüchige Tür hinter sich. 

Die beiden gehen im Sonnenschein durch menschenleere Straßen. Hier und da blicken ein paar Seelen hinter kaputten Fensterläden hervor, aber sie stammen aus einer noch dunkleren Welt, als es  das Viertel ohnehin schon ist. 

„Es tut uns sehr leid, was dir passiert ist, Nolan“, sagt Anderson mit ruhiger Stimme. „Nick Garrison ist ein alter Freund von mir und hat mir alles genau erzählt. Wirklich schlimm. Unter diesen Umständen können wir dir natürlich leider kein Football-Stipendium anbieten.“ Als ob er das nicht schon gewusst hätte, denkt Nolan, und blickt bloß emotionslos zu Boden. Am liebsten hätte er Anderson angeschrien, dass er ihn in Ruhe lassen solle. Dass er jeden Tag daran denke, was aus seinem Leben geworden ist, sich vorwirft, überhaupt über dieses verfluchte Kribbeln gesprochen zu haben. Was würde er nur dafür geben, wieder zu spielen. 

„Aber in all den Gesprächen, die wir mit dir und über dich geführt haben, ist uns mehr als deutlich geworden, dass du ein junger Mann bist, den wir auch ohne American Football gerne an unserer  Universität begrüßen würden. Jemand, der seinen Weg weitergehen sollte, ganz egal, wohin er führt.“ 

Nolan bleibt stehen. 

„Ist das Ihr Ernst?“ 

„Mein voller Ernst.“

Wieder formt sich eine Träne in Nolans Auge, es folgen dutzende, als er den Assistenztrainer in seine  immer noch kraftvollen Arme schließt. 

Weit über sich erkennt Nolan einen Vogel, der dann im Rinnen seiner Tränen verschwindet. Dabei fliegt er weiter, immer weiter durch den unendlichen Himmel. Irgendwann ist es Abend und danach finstere Nacht, in welcher der kleine Flieger abermals mit weit ausgebreiteten Flügeln in das Firmament hinaufsteigt. Er sieht unter sich die Dunkelheit, überall umschließt sie die Welt. Aber da ist auch Licht, unendlich viele kleine Lichter, die Geschichten von tausenden Leben erzählen. Und jedes dieser noch so winzigen Lichter ist so hell, dass nicht einmal die unendliche Finsternis es unter sich begraben könnte.

Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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