HEFT #50

Ausgabe OKTOBER 2021

Jetzt kaufen

Spiel des Lebens - Eine Kurzgeschichte (4/5)

Friday Night Lights Friday Night Lights Imago Images / ZUMA Wire / Terry Pierson
Ob für den Urlaub oder zu Hause, im Sommer nehmen wir uns gern eine Auszeit und lesen die ein oder andere Geschichte. TOUCHDOWN24-Autor Moritz Wollert nutzt seine Leidenschaft für American Football und begleitet uns in die Welt des High School Footballs im Westen von Texas. “Spiel des Lebens” nimmt uns für eine Weile mit in das Leben des jungen Linebackers Nolan Carter.

6,50 € inkl. MwSt. TD24 Heft 50 - OKT 2021 Noch 111 vorhanden Zum Produkt



Der nächste Tag ist ein schöner, frischer Donnerstag, an dem sich hier und da die Sonne mit zarten Strahlen an den Wolken vorbeidrängelt. Die Straße führt nach Midland, das Schild verrät, dass es nur noch wenige Meilen sind. Assistenzcoach Nick Garrison, Pats einziger Sohn, der irgendwann einmal in die großen Fußstapfen seines alten Herrn treten soll, steuert das Auto ruhig seinem Ziel entgegen. Neben ihm sitzt Nolan, dessen Blick verloren aus dem Fenster schweift und den ein Albtraum der Ungewissheit plagt. Am Abend zuvor hatte ihm sein Coach im Beisein des Teamarztes unterbreitet, dass er schon öfter von diesem Kribbeln gehört hat und dass es Anzeichen für etwas wirklich Ernstes sein könnten. Seitdem sieht Nolan fast im Minutentakt auf seine Hände, fleht den ihm so treu ergebenen Körper nach Antworten an, die sein langjähriger Weggefährte aber Mal um Mal mit  Schweigen quittiert. 

„Wie geht es denn bei dir zuhause?“ 

Die Frage reißt Nolan aus seiner Trance, verwundert wendet er sich von den Bildern der  vorbeirauschenden Außenwelt ab. Nick ist ein unsportlicher Mittdreißiger mit lichtem Haar, dessen  leichtes Übergewicht auch das schwarze Team-Shirt nicht mehr kaschieren kann. Die Sonne spiegelt sich in seiner unmodischen Hornbrille, die ihn gleichermaßen intelligent wie auch spießig erscheinen lässt. Nolan hat ihn auch als beides kennengelernt, wenn er ihn denn zu Gesicht bekam. Am liebsten entzieht sich Nick im dunklen Videoraum der High School dem langen Schatten seines übermächtigen Vaters, trotzdem mag ihn Nolan irgendwie. Allein schon deshalb, weil viel vom alltäglichen Wahnsinn in Hamilton an ihm vorüberzugehen scheint und er sich dadurch stets ein gewisses Maß an Menschlichkeit bewahrt. Eine Menschlichkeit, die in diesem Moment dennoch überraschend kommt. „Es ist ganz okay“, entgegnet Nolan nach längerem Zögern. „Die Mädchen schlagen sich in der Schule durch, Mom arbeitet viel. Alicia ist bald mit dem Kindergarten fertig.“ 

„Gut, das freut mich zu hören. Sag ihnen einen schönen Gruß von mir.“ 

„Mach ich.“ 

So hölzern die Konversation der beiden in der stickigen Wagenluft anmutet, so real ist doch die Verbindung, die Nolan in diesem Moment spürt. Er ist es nicht gewohnt, persönliche Fragen zu  hören, noch dazu von jemandem, der wahres Interesse an ihm, seinem Leben und seinen Liebsten bekundet. Nicht nur deshalb keimt in ihm Wehmut auf, als Nick den Wagen wenige Minuten später auf den Parkplatz des Midland Medical Centers steuert.

In allen der eigentlich immer gleich aussehenden Räume herrscht dasselbe unangenehme Licht,  welches mit jeder weiteren Untersuchung tiefer unter Nolans angespannte Haut kriecht. Die grell scheinenden Gefängnismauern kommen immer näher, ganz egal welch beruhigende Worte die Krankenschwestern oder Ärzte ihm auch als Balsam offerieren. Auf die erste Magnetresonanztomographie folgen anschließende Tests, dann noch ein MRT und weitere Befragungen. Gespräche über das Gefühl im Körper, wie es sich anfühlt, was Nolan als kleiner Junge erlebt hat. Mit der Zeit kann er kaum noch folgen, die Sehnsucht nach Klarheit überstrahlt jeden einzelnen Gedanken. Football. Er will einfach nur wieder Football spielen. Das tun, wozu er geboren wurde. 

Nach einer gefühlten Ewigkeit des Wartens sitzt Nolan in einem stilvoll eingerichteten Büro in einem der oberen Stockwerke, dessen Fenster über die Dächer hinweg weit in die texanische Landschaft hinausblicken. Der Stuhl vor dem Schreibtisch wirkt viel zu leicht für den schweren Körper des  Modellathleten, der das Möbelstück durch sein unruhiges Herumrutschen mehrere Male leise um Gnade flehen lässt. Nick Garrison steht mit dem Rücken an die Wand gelehnt, so wie er schon den ganzen Tag im Hintergrund und trotzdem ganz dicht bei Nolan gewesen ist. Besorgt trifft sein leerer Blick den Boden, als würde er dort etwas suchen, es letztendlich aber doch nicht finden. Da öffnet sich die Tür, ein schlanker, leicht ergrauter Mann im weißen Kittel betritt den Raum. Er ist Neurochirurg, bewegt sich langsam und besonnen, unter dem Arm trägt er eine Mappe. Seine  Begrüßung ist freundlich, sein Händedruck fest. Das Lächeln auf seinen Lippen ist jedoch so schnell  verschwunden, wie es gekommen war. Schwer atmend nimmt er hinter dem Schreibtisch Platz und  sieht seinem Patienten dann direkt in die Augen, mit einem Ausdruck, dessen Schwere Nolan mit der schieren Wucht eines Güterzuges trifft. Er spürt sofort, dass etwas nicht stimmt. 


Dr. Wilson holt ein weiteres Mal tief Luft. 

„Nolan, wir haben heute mit dir eine ganze Reihe von Untersuchungen gemacht“, sagt der Arzt mit  leiser, ruhiger Stimme. „Die Symptome, welche du uns beschrieben hast, gaben Anlass dafür und nun haben die Tests das bestätigt, was ich Eingangs vermutet habe. Wir haben bei dir eine Form von Spinalkanalstenose entdeckt. Ich werde dir zeigen, was es damit auf sich hat.“ Dr. Wilson präsentiert Nolan und dem näherkommenden Garrison die Aufnahmen des MRT, sie zeigen Nolans Genick und Teile seiner Wirbelsäule. „Sieh einmal hier, dort kann man genau die Verengung des Wirbelkanals sehen“, fährt er fort. „Hier verlaufen die Nerven. Was du gespürt hast, ist der Druck auf die Nerven der Wirbelsäule. Diese Gefühle, die bei den sogenannten Neurapraxie auftreten, das sind Signale der Nerven und sie geben Grund zur Besorgnis.“ 

Nolan versteht und dann versteht er eigentlich auch nicht. Er stellt die alles entscheidende Frage. „Kann ich damit Football spielen?“ 

Dr. Wilson sieht ihn besänftigend an und bemüht sich vergebens, keinerlei Regung zu zeigen. Nolans Pupillen weiten sich leicht, die Momente erfrieren im Angesicht der Stille. Der Arzt setzt sich wieder hinter seinen Schreibtisch und faltet die knochigen Hände vor seinem Körper. „Ich will ganz offen sein, ich kann dir diese Frage nicht beantworten“, sagt Dr. Wilson und sieht dann an Nolan vorbei aus dem Fenster. „Es mag sein, dass alles gut gehen wird und du mit dieser Erscheinung viele Jahre spielen kannst. Andererseits ist das Risiko in meinen Augen für eine dauerhafte Schädigung des Rückenmarks erhöht. Wenn dich auf dem Spielfeld auch nur ein falscher Schlag trifft, dann…“ 

„Was dann?“ 

„Dann könntest du gelähmt sein und den Rest deines Lebens im Rollstuhl verbringen.“ Es folgt langes Schweigen, wie leichte Federn hängen die Worte des Arztes im Raum, schweben  langsam zu Boden und werden dort zu bitterer Realität. 

„Ich sage nicht, dass dies wahrscheinlich ist, ich sage nicht, dass du nie wieder spielen kannst. Aber ich muss dich mit Nachdruck davor warnen, dieses Risiko einzugehen. Du hast noch dein ganzes Leben vor dir, Junge.“ 

„Aber… Football ist mein Leben.“

In Nolans rechtem Auge hat sich bereits eine Träne gebildet, ein flüssiger Klageruf aus tiefstem Herzen, der unaufhaltsam gen Abgrund unterwegs ist. Und irgendwann einfach aufhört zu sein. 


Es ist bereits dunkel, als Nick und Nolan sich wieder auf den Rückweg nach Hamilton machen. Die beiden sprechen zunächst keinen Ton miteinander, verwirrte Eingebungen in einem Wirbel aus Schock vermögen keine Worte zu formen. Die Welt und ihre Lichter ziehen an Nolan vorbei, der abwesend aus dem Seitenfenster starrt. Als die Stadtgrenze von Hamilton noch etwa drei Meilen entfernt ist, wendet er sich an Nick und bittet ihn, anzuhalten. 

„Lass mich hier raus, ich gehe den Rest des Weges.“ 

„Aber…“ 

Ein Blick genügt, dann merkt Nick, dass seine Einwände vergebens sein werden. Er parkt den Wagen kurz darauf auf dem Seitenstreifen. 

„Eines noch, bitte sag deinem Vater nichts davon. Versprich es mir, ich werde das Ganze schon regeln.“ 

Der Assistenztrainer versteht und nickt. Die zuschlagende Wagentür holt ihn zurück in die Realität. Im Scheinwerferlicht sieht er die Umrisse eines jungen Gottes in die Nacht hineingehen, mit jedem weiteren Schritt werden sie langsam eins mit der Dunkelheit. Kurz darauf sind sie verschwunden. 


Der Knopf des Fernsehers ist warm, als Nolan das Gerät ausschaltet. Im Schwarz des Bildschirms spiegelt sich seine Mutter, die auf der Couch eingeschlafen ist. Mal wieder, denkt Nolan. Vorwürfe macht er ihr nicht, ihr, die alles versucht, die Welt für ihn und seine vier Schwestern zu etwas Besserem zu machen. Auch nicht dafür, dass es ihr zumeist nicht gelingt. Leise geht Nolan über den plüschigen Teppich, klappt die Pappschachtel über dem erkalteten Take-Away-Essen zu und löst dann vorsichtig die Pillendose aus der verkrampften Hand seiner Mutter. Die kleinen bunten Kugeln sehen harmlos aus, doch haben sie eine so starke Wirkung. Sie vertreiben den Schmerz für ein paar Stunden und schaffen im Körper zumindest zeitweise das, was sie in der Seele nicht vermögen. Mit stoischer Miene stellt Nolan die Dose ins Regal und schreitet auf möglichst leisen Sohlen durch das unaufgeräumte Wohnzimmer. Dann geht er zu den Zimmern seiner Schwestern, blickt für ein paar  Augenblicke hinein. Wie Engel liegen sie unter ihren Decken, ein Schein von nächtlicher Zufriedenheit ziert ihre jugendlichen Gesichter. Dann geht Nolan in sein Zimmer, jeder Schritt fällt ihm schwer, seine Gedanken liegen endlos schwer auf seinem Gemüt. Selbst seine kräftigen Schultern helfen ihm in diesem Moment nicht. Auch nicht beim Rest der Nacht, die er mit weit aufgerissenen Augen an die Decke starrend verbringt. Wie gerne wäre er ein Vogel, denkt er sich irgendwann. Er könnte einfach davonfliegen. Aber nein, einfach wäre auch das nicht. 



Fortsetzung folgt am 02.08.21

Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

Nach Oben