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Spiel des Lebens - Eine Kurzgeschichte (3/5)

geschrieben/veröffentlicht von/durch  19.07.2021
Ob für den Urlaub oder zu Hause, im Sommer nehmen wir uns gern eine Auszeit und lesen die ein oder andere Geschichte. TOUCHDOWN24-Autor Moritz Wollert nutzt seine Leidenschaft für American Football und begleitet uns in die Welt des High School Footballs im Westen von Texas. “Spiel des Lebens” nimmt uns für eine Weile mit in das Leben des jungen Linebackers Nolan Carter.

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In der kommenden Woche bereiten sich die Spartans auf das vielleicht wichtigste Duell des Jahres vor. Ihr jährliches Aufeinandertreffen mit den Greenwood Bears ist seit jeher eines der bedeutsamsten Spiele der Saison, entscheidet es doch zumeist über den Sieg in der gemeinsamen Division und damit die Möglichkeit, in den Playoffs nach der sagenumwobenen State Championship zu greifen. Dementsprechend groß ist der Druck auf die Teenager, die Freitagnacht die Hoffnungen einer ganzen Gemeinde auf ihren Schultern tragen sollen.  

„Greenwood ist in diesem Jahr echt stark“, sagt ein schweißnasser Quarterback Ken Jamison zu seinem Center Mitch Demps während einer Trinkpause. Zweifel stehen ihm ins Gesicht geschrieben, dem Spieler, der diese als offensiver Spielführer am wenigsten hegen sollte. Dann spürt er die Hand  seines Teamkollegen auf der Schulter. 

„Mach dir keine Sorgen, Kenny, wir haben ihn.“ 

Demps zeigt auf Nolan, der sich ein paar Meter weiter den glühenden Kopf mit einer Dusche aus seiner Wasserflasche kühlt. 

„Er ist der beste Linebacker, den dieses County, ja vielleicht dieser Staat je gesehen hat. Hast du mal im Spiel in seine Augen geschaut? Ich meine ihm wirklich in die Augen geblickt? Ich sage dir, so viel Entschlossenheit habe ich noch nirgendwo sonst in meinem Leben gesehen. Sein Blick sieht aus, als könnte er Stahl und Beton durchdringen. Solange Nolan auf unserer Seite steht, mache ich mir keine Sorgen. Überhaupt keine.“ 

Kurz darauf fliegt Nolan wieder durch die nächste Übungseinheit, ganz genau beobachtet von denen, die ihm folgen werden. Getreu nach Demps‘ Worten pflanzt er mit jeder Bewegung mehr Ruhe in die jugendlichen Gewissen seiner Mitspieler. Sie spüren, dass ihr Anführer für sie da sein wird, komme, was wolle.

  

Zum vollmundigen Gesang der Coaches beenden die Spartans ihre Einheit in mehreren Durchläufen von „Seven on Seven“, sieben Angreifer spielen gegen sieben Verteidiger anstatt der üblichen elf Akteure auf beiden Seiten. Bei nur leichtem Kontakt schärft die Übung das Verständnis für Laufwege, merzt kleinere Ungenauigkeiten in der Abstimmung aus und schafft Gewissheit über die Abläufe bei verschiedenen Spielzügen.Nolan gleitet dabei mit der ihm eigenen Leichtigkeit durch jeden einzelnen Angriff. Trotz seiner enormen Körpermaße ist er pfeilschnell auf den Beinen, kein noch so ausgeklügelter Schachzug der Offensive erwischt ihn auf dem falschen Fuß. Beim letzten Spielzug lässt er sich ein wenig ins Hinterfeld fallen, sieht kurz nach dem Snap seinen Freund Jason Cooper über die Mitte kreuzen und setzt im genau richtigen Moment zum Angriff an. Den Bruchteil einer Sekunde ist Nolan vor dem Ball bei Jason, bremst im letzten Augenblick sein Momentum und klopft seinem Mannschaftskollegen lediglich im Flug kräftig mit beiden Händen auf den Brustkorb. Als er  landet und der Ball hinter ihm harmlos zu Boden fällt, zuckt er kurz zusammen. Verwirrung vernebelt abermals seinen Verstand, während seine Teamkollegen sich zur Umkleidekabine aufmachen. Das Kribbeln, es ist wieder da. Dann ist es wieder fort. Langsam trottet Nolan als letzter gen Seitenlinie und trifft auf seinen Head Coach. Pat Garrison ist in Hamilton eine lebende Legende, spätestens seit er die Spartans in jüngeren Jahren zu ihrer letzten State Championship geführt hat. Der goldene Meisterschaftsring glitzert noch immer jeden Tag an seinem Finger, er wird es tun, bis er das Zeitliche segnet. Bis dahin wird es dauern, knurrende alte Haudegen wie Garrison sind nicht leicht klein zu  kriegen. Selbst Vater Zeit tut sich mit ihnen schwer. 

„Was ist los, Nolan?“ 

Garrisons Stimme ist tief, sein Verstand scharf. Seine Prinzipien sind unumstößlich, dafür schätzt ihn Nolan sehr. 

„Ich weiß es nicht, Coach“, entgegnet der junge Linebacker. „Manchmal spüre ich so ein Kribbeln in meinen Fingern. Und hier, mein Bein fühlte sich letztens ein wenig taub an.“ 

Garrison hebt den Kopf und blickt musternd unter seiner abgewetzten Mütze hervor. „Ein Kribbeln, sagst du?“ 

„Ja, aber es ist schon wieder weg.“ 

Die Gedanken kreisen in Garrisons Kopf, ein Ausdruck der Sorge schleicht sich auf seine faltige Stirn. Kurz überlegt er, was er tun soll. So kurz vor dem Spiel gegen Greenwood, denkt er. Doch da zerbricht in seinem Innern auch schon eine unsichtbare Scheibe und hinterlässt einen Haufen Scherben. Er legt seine rechte Hand mit dem Meisterschaftsring auf den massigen Brustkorb seines Kapitäns. 

„Wir müssen reden.“ 


Fortsetzung folgt am 26.07.21

Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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