HEFT #50

Ausgabe OKTOBER 2021

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Spiel des Lebens - Eine Kurzgeschichte (2/5)

Friday Night Lights Friday Night Lights Imago Images / ZUMA Wire / Terry Pierson
Ob für den Urlaub oder zu Hause, im Sommer nehmen wir uns gern eine Auszeit und lesen die ein oder andere Geschichte. TOUCHDOWN24-Autor Moritz Wollert nutzt seine Leidenschaft für American Football und begleitet uns in die Welt des High School Footballs im Westen von Texas. “Spiel des Lebens” nimmt uns für eine Weile mit in das Leben des jungen Linebackers Nolan Carter.

6,50 € inkl. MwSt. TD24 Heft 50 - OKT 2021 Noch 111 vorhanden Zum Produkt



Manche dieser Leute trifft er am nächsten Tag wieder, wenn er in Gedanken versunken durch die Straßen Hamiltons zieht. Nolan mag die Samstage nach einem Spiel, sie ermöglichen ihm Momente der Ruhe, in denen er verbrauchte Kräfte wiederentdecken kann. Die Erinnerungen an das Spiel und seine Heldentaten, sie brodeln noch in ihm, aber der Druck, das Spektakel und die hellen Lichter der vergangenen Nacht sind jetzt weit weg. Er denkt über Vieles und Nichts nach, während er den grünen Town Square hinter sich lässt und in die geschäftige Main Street einbiegt. Hier trifft er immer wieder auf Gratulanten, höflich bedankt er sich bei jedem Einzelnen. Ein vielleicht zehnjähriger Junge kommt ihm entgegen, auf sein T-Shirt hat er mit einem Filzstift die Nummer 50 geschrieben. Ein begeisterter und doch schüchterner Blick verrät Nolan, dass damit seine Trikotnummer gemeint ist, und er schenkt dem Jungen ein sanftes Lächeln. Eine kleine Geste, so wenig und doch so viel. Ein alter Mann in einem schlecht sitzenden Anzug hält ihn kurz darauf an, erzählt ihm von den guten  alten Tagen, als er selbst noch gespielt hat. 

„Das waren Zeiten, Junge“, sagt er und kann dabei den Whiskey in seinem Atem nicht verschleiern. „Damals gab es noch nicht so viele wie dich.“ 

Nolan sieht ihn nur an. 

„Oh, nein, ich meine so kräftige, athletische Spieler wie dich“, schickt der Alte hinterher. Dann  wünscht er Nolan alles Gute, er solle die Stadt und all die Menschen hier stolz machen. Einige Meter weiter trifft er auf ein Ehepaar mittleren Alters. Er erkennt sie wieder, auch sie waren in der vergangenen Nacht im Stadion. Demonstrativ schauen die beiden gen Bürgersteig, beschleunigen ihren Schritt. Dann wechseln sie die Straßenseite, schon sind sie an Nolan vorbei. Manchmal ist es seine Erscheinung, denkt er sich, manchmal aber auch die Farbe seiner Haut. Immer wieder erinnert er sich daran, zwingt sich dann aber zu vergessen. Und zu vergeben, so wie Götter es eben tun. 


„Heute sind wieder viele Briefe für dich gekommen“, sagt das kleine Mädchen und blickt Nolan aus großen, unendlichen Kulleraugen an. 

Ein kurzes Blinzeln und schon werden seine Knie weich. Ihr Name ist Alicia, sie ist die kleinste seiner vier Schwestern und seine liebste. Er lächelt und streckt seinen Körper dann auf dem Boden des winzigen Zimmers aus, welches Alicia sich mit ihrer nächstälteren Schwester teilt. Er nimmt eines der Holzpferde der Fünfjährigen in seine riesige Hand und betrachtet es eine gefühlte Ewigkeit. Das kleine Tier zieren bereits etliche Kratzer, seine Mutter und er selbst hatten damit in ihrer Kindheit bereits gespielt. Spielzeug ist eben teuer. 

„Es werden weitere Briefe kommen“, murmelt er und lässt das Pferd spielerisch über seinen kräftigen Oberschenkel reiten. „Du weißt, was einer von ihnen irgendwann bedeuten wird?“

Alicia nickt. Noch bevor das Geräusch von Nolans schwerem Durchatmen zu ihr durchdringt, sieht sie ihn wieder aus ihren wunderbaren Augen an. 

„Natürlich, du wirst zum College gehen, ein großer Star werden und dann ganz viel Geld bei den Profis in der NFL bekommen.“ 

Genauso stellt Nolan es sich vor. Er will nicht wie sein Vater etliche Jahre und schließlich ein ganzes  Leben auf den Ölfeldern in der Gegend verbrennen. Ein Schicksal, in dem eine Familie irgendwann nicht mehr vorkommt. So wie sie sich in den Gedanken des Vaters verloren haben, so einsam und verlassen liegt Hamilton in der kargen Wüste, mitten im texanischen Nirgendwo. Ihr Haus hinter den  Gleisen, auf der dunklen Seite der Stadt, steht noch weiter weg von jeglicher Bedeutung und davon, was andere Menschen Leben nennen. Football ist hier für viele das einzige Licht am Ende des Tunnels. Nicht mehr lange, denkt Nolan. Ein paar Jahre noch, dann holt er seine Familie hier heraus. „Und dann kaufst du mir ein Pony.“ 

Nolan blickt wieder in die fröhlichen Kinderaugen seiner Schwester, die lächelnd und mit aller Unschuld dieser Welt vor ihm sitzt, und kann nicht anders als zu lächeln. Alicia schafft es immer, aus  seinem wilden Löwen ein zahmes Kätzchen zu machen. Manchmal ist er froh, dass er nie auf dem Football-Feld gegen sie antreten muss. Er schlingt seine muskulösen Arme um sie, das zierliche Geschöpf verschwindet fast vollständig in der Umarmung. In seinem Nacken spürt er eine wohlige Wärme, es ist die Sonne, die zum Fenster hereinscheint. Sie rahmt den Moment zu einem Gemälde, für welches er jeden Tag alles Geld dieser Erde bezahlen würde. 


Fortsetzung folgt am 19.07.21

Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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