Anmelden



- Werbung -

Spiel des Lebens - Eine Kurzgeschichte (1/5)

Friday Night Lights Friday Night Lights Imago Images / ZUMA Wire / Terry Pierson
Ob im Urlaub oder zu Hause, im Sommer nehmen wir uns gern eine Auszeit und lesen die ein oder andere Geschichte. TOUCHDOWN24-Autor Moritz Wollert nutzt seine Leidenschaft für American Football und begleitet uns in die Welt des High School Footballs im Westen von Texas. “Spiel des Lebens” nimmt uns für eine Weile mit in das Leben des jungen Linebackers Nolan Carter.

6,50 € inkl. MwSt. TD24 Heft 52 - DEZ 2021 Noch 57 vorhanden Zum Produkt


Der junge Vogel weiß, dass er nicht so hoch fliegen sollte, doch das schummrige Licht des Mondes über West Texas entzündet die innere Flamme seiner tiefsten Sehnsüchte. Er liebt es, den kühlen Wind zwischen seinen Federn zu spüren, nach den heißen Stunden des Tages, mit weit ausgebreiteten Flügeln und getragen von den sanften Böen einer endlosen Welt. Unter ihm herrscht  die Dunkelheit, eine scheinbar undurchdringliche Dunkelheit, in der es so einfach wäre, sich zu  verlieren. Sie verschluckt nicht alles, immer wieder durchbrechen kleine Inseln des Lichts die Finsternis, die für den jungen Vogel heller scheinen als alles, was er je in seinem kurzen Leben zu Gesicht bekommen hat. Es sind die „Friday Night Lights“, wie die Menschen sie hier nennen. In Odessa und Midland. In Garden City und Coahoma. In Lubbock und Abilene. Und könnte der kleine Vogel über ganz Texas fliegen, so würde er sie überall in diesem Staat aller Staaten sehen. Jede dieser hellen Welten dringt dem Vogel direkt ins Herz, das sich auftuende Lichtermeer unter ihm zieht ihn in  seinen Bann. Ewig scheint ihm die Zeit, vollkommen losgelöst von jeglichen Grenzen dieses großen Universums. Seines Universums. 


Nolan Carters Universum liegt direkt im Angesicht jener hellen Lichter, die der Vogel aus großer Höhe sehen kann. Auch an diesem Freitagabend scheinen sie auf ihn hinab, hier auf dem Feld seiner Träume, wie der Segen eines unsichtbaren Gottes auf den Auserwählten. 100 Yards grünes Gras sind seine Bühne, das Drama des Herbstes sein Meisterstück. Niemand vor ihm spielte es hier so schön und mit solch unnachahmlicher Gewalt, die nicht von dieser Erde zu sein scheint. Die Menschen in Hamilton verfolgen jeden neuen Akt, als ob es darin um ihr eigenes Leben gehen würde. Nie schlägt ihr Herz schneller als in diesen Augenblicken, wenn der Ball im Spiel ist und ihre jungen Helden ihm nachjagen. Woche für Woche, Jahr für Jahr. Die Menschen auf den Rängen brüllen aus tausenden Kehlen, voll Stolz wollen sie ihr Team zum Sieg tragen und damit auch irgendwie sich selbst. Nolan hört nichts davon, er ist ganz bei sich, in seinem Element. Auf der Jagd. Langsam beugt er die Knie, nimmt Verteidigungsposition ein, so wie es jeder große Linebacker tut und schon immer getan hat. Seine Augen wandern über die Positionen seiner Gegner, von denen viele aus tiefen Augenhöhlen irgendwo weit hinten in ihren Helmen direkt auf ihn schauen. Er spürt ihre Angst, er sieht sie in all ihren Bewegungen, er hört sie in ihrem schweren Atem. Seine Gegenwart ist der Grund dafür, sie ist es immer, wenn er auf dem Feld steht. 


Der gegnerische Quarterback ruft letzte Signale in die kühle Herbstluft und auf einmal wirft der Center ihm den Ball zu. Ein nicht hörbarer Startschuss fällt, alle 22 Spieler schnellen los. Für ein paar schicksalhafte Sekunden tanzt fortan das brutale Ballett American Football zu seiner ganz eigenen Melodie. Der Runningback bekommt den Ball und folgt den wuchtigen Körpern seiner Offensive Line, die ihm den Weg in die Endzone bahnen sollen. Eine Welle roter Trikots bricht über Hamiltons in Schwarz gekleidete Verteidigung herein, bevor sich ein einzelner Spieler den Massen in den Weg stellt. Wie ein Blitz schießt Nolan aus dem Getümmel junger Körper nach vorn, senkt seine Schultern und nähert sich in gebückter Haltung dem Ball, wie ein Raubtier seiner Beute. Der fast 130 Kilogramm schwere Lineman, der sich ihm verzweifelt in die Seite wirft, prallt einfach an ihm ab. Auch den Block des Fullbacks pulverisiert Carter, stemmt dann seine Füße in den Boden und setzt zum Tackle an. Sein Helm rammt mit voller Wucht auf die Brust des Ballträgers, der Schmerz explodiert in dessen Brust und er bleibt nur wie durch ein Wunder bei Bewusstsein. Das Stadion schreit auf in einer Mischung aus Begeisterung und Schock über den Zusammenstoß, wie ein Schuss geht der Knall in die Nacht hinaus. Für einen winzigen Augenblick drückt die Wucht des eigenen Schlages Nolans Kinn auf seine Brust. Ein brennendes Gefühl durchfährt seinen Körper, es verschwindet so schnell, wie es gekommen ist. Als er auf den niedergeworfenen Gegner blickt, spürt er etwas, was nicht sein sollte. Ein Kribbeln schleicht sich durch seine Gliedmaßen bis in seine Finger,  unaufhaltsam bahnt es sich seinen Weg. Dann fühlt er, wie sein rechtes Bein taub wird. Verwundert greift er danach, dann ist das Gefühl wieder verschwunden. Im Jubel seiner Mitspieler geht der Moment vorbei und ist bereits an der Seitenlinie vergessen.


Der Sieg der Hamilton Spartans ist an diesem Abend zu keiner Zeit in Gefahr. Das Spiel soll ein weiterer Schritt sein auf dem Weg zum großen Ziel, der ungeschlagenen Saison und der State Championship. Es wäre die erste seit einem Vierteljahrhundert, an einem Ort, wo das braune Leder mehr bedeutet als anderswo. Hier, wo High School Football einer Religion gleichkommt, der man jeden Freitag während der Saison huldigt. Und wo ein junger Mann wie Nolan Carter verehrt wird  wie ein wahrhaftiger Gott. Die Menschen scharen sich vor dem Stadiontor um ihn, turmartig sticht er mit seinen 1,90 Meter Körpergröße aus ihnen heraus, ein 105 Kilogramm schwerer Fels, der scheinbar direkt aus einem massiven Berg herausgehämmert wurde. Seine Haut schimmert in den vereinzelten Lichtern der Nacht, während in seinen Augen ein Funkeln liegt, welches direkt in seinem  warmen Herz zu entspringen scheint. Kleine Mädchen lassen sich mit ihm fotografieren, alte Damen sehen in ihm Ebenbilder ihrer einstigen Jugendlieben, Scharen von hartgesottenen Männern klopfen ihm auf die breiten Schultern. Sie alle wollen ein Stück von ihm haben, einen kleinen Moment in seinem Glanz baden und mit ihm träumen. Im Augenwinkel erblickt er einige der Talentsucher der Colleges, die von weit hergekommen sind, um ihn zu sehen. Ihre Briefe stapeln sich in seinem Zimmer, sie kommen aus South Bend, aus Athens, aus Tuscaloosa und aus irgendwelchen anderen Winkeln dieses riesigen Landes, in denen eine große Football-Uni ihn zu ihrem neuen Messias machen möchte. Mit einem Nicken quittiert Nolan ihre Anwesenheit, badet dann weiter in der  Menge und gibt den Menschen geduldig die Zeit, die sie verdienen. 


Fortsetzung folgt am 12.07.21

Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

Nach Oben