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Replay: Fußballer im Football-Trikot: Burgsmüller, Anderbrügge, Kruse und Co.

Ex-Fußballer und Kult-Kicker von Rhein Fire: Manfred Burgsmüller Ex-Fußballer und Kult-Kicker von Rhein Fire: Manfred Burgsmüller IMAGO / Team 2
Um die Spiele der NFL-Europe für ein noch breiteres Publikum interessant zu machen, setzte die National Football League ab Mitte der Neunziger Jahre auch auf europäische Prominenz aus anderen Sportarten. Was lag da näher, als die Idee, auf dem alten Kontinent nach Fußballspielern zu suchen. So war Manfred Burgsmüller 1996 der erste deutsche Ex-Fußballer, der den runden Ball gegen den eiförmigen tauschte und mit Düsseldorf RheinFire zweimal den World Bowl gewann.



Nationalspieler, Bundesliga-Torschützenkönig, Deutscher Meister, 447 Bundesliga-Spiele, 213 Bundesliga-Tore. Die Vita von Manfred Burgsmüller und seiner Profi-Fußball-Karriere liest sich gut. Doch als "Manni“ Burgsmüller 1990 seine Karriere bei Werder Bremen beendete, ahnte er noch nicht, dass er sechs Jahre später nochmal mit einem neuen, durchaus härteren Mannschaftssport durchstarten sollte. Immerhin war Burgsmüller bei seinem Rücktritt vom Fußball bereits 40 Jahre alt und vom Football dürfte er allenfalls "mal etwas gehört“ haben.

Doch 1995 änderte sich das. Burgsmüller arbeitete zu der Zeit als Repräsentant des Sportausrüsters "Reebok“, der die NFL Europe zu diesem Zeitpunkt ausstattete, und war damit beauftragt, einen früheren Bundesliga-Fußballer zu finden, der mit seinem Namen und als Kicker auf dem Spielfeld die NFL Europe promoten sollte. Irgendwie kam Burgsmüller dann auf sich selbst, trainierte, landete dann tatsächlich bei Düsseldorf RheinFire und wurde zur Kultfigur.

Insgesamt sieben Jahre kickte Burgsmüller dann das Ei zugunsten der Düsseldorfer durch die gegnerischen Torstangen und entwickelte dabei eine enorme Präzision. Nachdem er in seiner Rookie-Saison im zarten Alter von 46 Jahren noch zwei von drei Fieldgoal-Versuchen sowie zwei PATs verschossen hatte, steigerte sich seine Leistung fast jährlich. Wie ein guter Wein wurde "Manni“ von Jahr zu Jahr besser. In seinen Spielzeiten drei bis sieben verschoss er insgesamt ebenfalls zwei PATs – bei 119 Versuchen war seine Statistik dabei aber auch nicht schlechter als von manchen NFL-Kicker.


Ein Faden hilft


Mit zwei World-Bowl-Titeln samt der für die NFL üblichen Ringe und einer Erfolgsquote von 96,32 Prozent bei PATs sowie 81,67 Prozent bei Fieldgoals nahm Burgsmüller, der mit 52 Jahren als ältester Football-Profi galt, den Abriss des alten Düsseldorfer Rheinstadions zum Anlass, seine Football-Karriere zu beenden. Die Organisation zog für zwei Jahre in die frisch errichtete ArenaAufSchalke nach Gelsenkirchen. Vielleicht wollte Burgsmüller es sich ersparen als alter Spieler von Borussia Dortmund ausgerechnet das Schalker Stadion seine Heimat nennen zu müssen. Ursprünglich hatte Burgsmüller bis zu seinem 60. Lebensjahr für RheinFire kicken wollen, wenngleich er das ob des Liga-Endes 2007 sowieso nicht geschafft hätte. Bis maximal 57 hätte es klappen können.

Für einen Fußballer ist die Umstellung vom Fußball auf das Football-Ei nicht einfach. Dem Spiegel beschrieb Burgsmüller einmal den Unterschied: "Als Fußballer ist man gewohnt, dem geschossenen Ball hinterherzugucken. Beim Football dagegen muss man den Kopf unten lassen, sonst trifft man das Ei nicht richtig.“ Dabei wusste er sich zur Eingewöhnung mit einem Trick zu helfen: "Anfangs habe ich mein Helmgitter durch einen Faden mit der Gürtelschnalle verbunden und bin in so einer erzwungenen Büßerstellung über den Platz gerannt. Bis irgendwann der Kopf automatisch unten blieb - vermutlich, weil ich schon eine Verkrümmung am Hals bekam“, erinnerte sich Burgsmüller damals.

Dafür sah Burgsmüller, der 2019 im Alter von 69 Jahren viel zu früh verstarb, aber auch Vorteile für einen ursprünglichen Fußballer. Football-Kicker gehen ihre Schritte vor einem Kick genau ab: Meist zwei Schritte nach hinten und dann eineinhalb zur Seite. Er selbst hatte das Distanzgefühl indes im Blut gehabt und konnte auf dieses Ritual verzichten.


Anderbrügge folgt auf Burgsmüller


Burgsmüllers Erbe bei RheinFire trat aber ebenfalls ein Ex-Bundesligaprofi an. Und wer hätte in der ArenaAufSchalke besser gepasst als Ingo Anderbrügge, der von 1988 bis 1999 das königsblaue Trikot getragen hatte, zu den "Eurofightern“ von 1997 gehörte, die den UEFA Cup mit dem FC Schalke 04 gewonnen hatten, und der für seine enorme Schusskraft bekannt war? Und auch Anderbrügge wurde schnell vom Football-Virus infiziert. "Das Spiel selbst bietet knallharte Aktion, tolle Pässe, spektakuläre Läufe. Dann sind da die tollen Fans, die drei Stunden tanzen und singen. Das Größte ist der Einlauf durch den riesigen Fire-Helm, wenn alle Zuschauer wie aus einer Kehle Deinen Namen rufen“, sagte er einst der Rheinischen Post. Ein Football-Titel war Anderbrügge trotz aller Euphorie für die neue Sportart unterdessen nicht vergönnt.

Diesen holte stattdessen Axel Kruse – gleich zweimal. Ein weiterer Ex-Fußballer, der sich zu einem Gastspiel in der NFL Europe hinreißen ließ. Wobei das Gastspiel von Kruse zwischen 1999 und 2003 fünf Saisons dauerte. Und in dieser Zeit gewann er mit Berlin Thunder, dem Nachfolgeteam der London Monarchs, wie Burgsmüller, zwei World Bowls. Nachdem Kruse in seiner Debütsaison noch Anlaufschwierigkeiten hatte und 20 Prozent seiner PATs verschoss, avancierte er in den folgenden Jahren zum treffsichersten Kicker unter den Ex-Fußballern. 97 von 98 PATs und 15 von 17 Fieldgoals verwandelte der Ex-Profi von Hertha BSC, Eintracht Frankfurt und dem VfB Stuttgart zwischen 2000 und 2003. Wobei zur Ehrenrettung der NFL-Kicker gesagt sei, dass weder Burgsmüller noch Anderbrügge noch Kruse jemals ein Fieldgoal jenseits der Entfernung von 40 Yards verwandelt haben. Burgsmüllers 36 Yards waren das Höchste der Gefühle.

Das Modell "Fußballer im Football-Trikot“ funktionierte aber nicht nur bei den deutschen Teams. Clive Allen, der zwischen 1984 und 1988 fünf Länderspiele für die Fußball-Nationalmannschaft Englands gemacht hatte und von 1978 bis 1995 für Mannschaften wie Tottenham Hotspur, Manchester City und den FC Chelsea gespielt hatte, kickte 1997 die Bälle für die London Monarchs.


Rugby-Spieler bei den Claymores


Was den Deutschen und den Engländern ihr Fußball, ist den Schotten ihr Rugby. So verwundert es nicht, dass bei den Scottish Claymores Rugby-Spieler angeheuert wurden, um als Kicker die Werbetrommel der NFL zu rühren. Mit der Verpflichtung von Andrew Gavin Hastings gelang den Claymores aber ein besonderer Coup. Hastings war mit 667 Punkten in 61 Länderspielen Rekordhalter der schottischen Rugby-Nationalmannschaft als er 1996 als Kicker der Schotten das Feld betrat. "Big Gav“, so sein Spitzname, holte dann sogleich den World Bowl im heimischen Murrayfield von Edinburgh gegen Frankfurt Galaxy. Nach Hastings schoss Gary Parker, ein weiterer Ex-Rugby-Spieler die PATs und Fieldgoals für die Claymores, holte allerdings keinen Titel.

Ebenso wie eben jener Anderbrügge, der zwei Jahre bei RheinFire aktiv war und 33 von 37 Extrapunkt-Versuchen sowie 12 von 15 Fieldgoal-Schüssen verwandelte. 2003 wurde er darauf angesprochen, wo er die NFL Europe in fünf Jahren sehen würde und antwortete: „Bis dahin haben sich mindestens acht Teams in Europa etabliert. Eines davon spielt in blau-weiß auf Schalke und heißt Ruhr Miners oder ähnlich. Rhein Fire ist wieder zurück in Düsseldorf und in jedem Team stehen mindestens zehn Nationals.“ Schade, dass es anders gekommen ist. 2022 tritt nun Ex-Fußball-Profi Thomas Zampach die verspätete Nachfolge seiner berühmten Vorgänger an.

Anmerkung: In unserer Rubrik "Replay" blicken wir auf frühere Artikel unserer Print-Ausgaben zurück. Gefallen Dir die Artikel und willst Du sie direkt bei Veröffentlichung lesen, dann schau doch in unseren Online-Shop und hole Dir das aktuelle Magazin oder gleich ein kostengünstiges Abo.
Markus Schulz

Markus Schulz arbeitet seit 2009 beim Sport-Informations-Dienst in Köln. Seine Leidenschaft für den American Football entdeckte der Familienvater bereits mit elf Jahren während Super Bowl XXIII. 2017 schloss sich Schulz TOUCHDOWN24 zudem als Chefredakteur an. Außerdem hat der gebürtige Mönchengladbacher mehrere Bücher über den US-Sport publiziert und engagiert sich ehrenamtlich als Pressesprecher bei seinem örtlichen Football-Verein Remscheid Amboss.
Twitter: @ELFinsider
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