ELF: Mehr Chance als Gefahr für den deutschen Football

geschrieben/veröffentlicht von/durch  Dirk Kaiser 29.04.2021
Seitdem Patrick Esume zum Ende des vergangenen Jahres sein Projekt der European League of Football (ELF) vorgestellt hat, reißt die Kritik hartgesottener Fans der German Football League (GFL) nicht ab. Der Fokus der Beschwerde: Da die Franchises der ELF keine Jugendarbeit verfolgen, greifen sie den GFL-Teams ihre besten Spieler ab, gar von der “Kannibalisierung des deutschen Footballs“ ist die Rede. Der Fall von Danny Farley, der im Februar als Offensive Coordinator und Quarterback der Frankfurt Universe in der GFL vorgestellt wurde, um dann zwei Monate später bei den Cologne Centurions in der ELF aufzutauchen, spitzte die Gemengelage nochmal zu. Ist die ELF Fluch oder Segen für den deutschen Football?
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Wenn es um die Entstehung der ELF geht, fällt immer wieder das Argument, dass der AFVD die Entwicklung selbst verschuldet hat. Der deutsche Dachverband hat schlichtweg verschlafen, den NFL-Hype für sich zu nutzen und den eigenen Sport in Richtung Professionalisierung zu treiben. Vorwürfe, dass vor allem AFVD-Präsident Robert Huber durch ein Konstrukt an GmbHs den deutschen Football nutzt, um sich selbst die Taschen vollzumachen, halten sich im deutschen Vereinsfootball hartnäckig. In den letzten Jahren ist so der Eindruck entstanden, dass der AFVD gar kein Interesse an Wachstum hatte. Lieber keine Aufmerksamkeit auf die Verbandsstrukturen und Machtverhältnisse lenken, lieber ein großes Stück von einem kleinen Kuchen abbekommen, als am Ende vielleicht gar nichts mehr von einem größeren Kuchen.

Und dieser Schein ist nicht ganz von der Hand zu weisen, schließlich hat ein deutsches Gericht die im Verhältnis zum Gesamtbudget des Verbandes sehr hohen Funktionärsentlohungen als Begründung erkannt, eine Klage des AFVD auf Förderung durch das Bundesinnenministerium abzulehnen. Die Intransparenz des Verbandes in jeglicher Hinsicht tat jahrelang ihr Übriges hinzu, damit sich Argwohn entwickeln konnte. Nicht umsonst hat sich die Restart21-Initiative gegründet, um Huber aus dem Amt zu heben und den AFVD in Richtung Zukunft zu lenken. Weit ausgeholt? Ja, weil die Machenschaften des AFVD-Präsidiums immer wieder als Hauptgrund für die Entstehung der ELF genannt werden. Ob das wirklich der Ursprung war, wissen nur die ELF-Protagonisten Patrick Esume und Zeljko Karajica selbst.

“Fünf vor zwölf“ für die GFL

Offenbar hat aber zwischenzeitlich auch die GFL erkannt, dass der AFVD einer Professionalisierung der höchsten deutschen Football-Liga eher im Weg steht. Axel Streich, seit Jahren als Pressesprecher der Schwäbisch Hall Unicorns in der GFL aktiv, gehört dem neuen Liga-Vorstand an. Mit der Installierung der “Schnittstelle Liga-Vorstand“ zwischen Liga und Dachverband hoffen Streich, der innerhalb des Gremiums für Strategie und Kommunikation zuständig ist, und Co. der Liga einen Schub in Richtung Professionalisierung zu geben.

Dass die Bestrebungen in eine Zeit fallen, in der sich auch die ELF gegründet hat, zeigt, dass das Fass der Geduld bei vielen Ehrenamtlern im deutschen Footballsport schlichtweg übergelaufen war, an Zufall mag man da aufgrund der zeitlichen Nähe nicht glauben. Für die GFL war es einfach bereits “fünf vor zwölf“, sich noch in Richtung Professionalisierung zu bewegen und um nicht im Schatten einer neuen Liga noch weiter in der Versenkung zu verschwinden. Verdient hätten es die vielen Vereine, in denen seit Jahren großartige Arbeit geleistet wird, mehr Beachtung zu erhalten. Indes: Beschwerlichkeiten, die die Auswirkungen der Corona-Pandemie bei allen Anstrengungen ausüben, beeinträchtigen die Pläne beider Ligen gleichermaßen.

Das Ende des Footballs in Deutschland?

Wie aber können ELF und GFL nebeneinander koexistieren, gar voneinander profitieren? Zunächst einmal hilft es allen Schwarzmalern und Beschwerdeführern, den Fuß vom Gas zu nehmen. Denn die Wahrheit liegt wie so häufig in der Mitte. Kurzfristig kann man dabei die Kritiker der ELF nur unterstützen. Die Europen League of Football setzt sich auf die in Deutschland vorhandenen Strukturen drauf und greift mit einigen erbauten Luftschlössern, die altehrwürdige Namen wie “Galaxy“ oder “Thunder“ mit sich bringen, die Sahnehaube des deutschen Footballs ab. Viele Topspieler der GFL werden sich den sechs deutschen ELF-Teams anschließen und ihre alten Teams so bluten lassen. Das Beispiel Danny Farley ist da allzu präsent, die Cologne Crocodiles erheben schwere Vorwürfe gegen die Abwerbungsversuche der Centurions. Aber ist das das Ende des Footballs in Deutschland?

Nein, natürlich nicht. Es ist aber immerhin eine Momentaufnahme. Es werden bei einer Rostergröße von 50 bis 60 Spielern und unter Abzug internationaler Akteure rund 300 deutsche Football-Spieler in den sechs deutschen ELF-Franchises spielen – mutmaßlich überwiegend die Besseren ihres Fachs, erstmal. Setzt man das ins Verhältnis von über 400 existierenden Vereinen, ergibt sich rein mathematisch, dass jeder Verein in Deutschland nicht einmal einen Spieler in die ELF verliert – direkt oder abstrakt. Zugegeben, die Mathematik hinkt an Standorten, die besonders hart betroffen sind. Die Frankfurt Universe hat über Farleys Köln-Wechsel hinaus einen Großteil ihrer Stammspieler an die Frankfurt Galaxy verloren und ist natürlich wesentlich mehr gebeutelt, als ein anderer Verein, der eben keine ELF-Franchise in der Nähe hat. In Stuttgart sieht es ähnlich aus.

Abwerben von Spielern so alt wie das Spiel selbst

Doch das Abwerben von Spielern ist weder im Football noch in anderen Amateur-Sportarten neu. In jedem Jahr werden die besten Spieler aus unterklassigen Vereinen von höherklassigen Teams weggelockt. Oftmals fließt dabei nicht einmal ein Euro, allein die Aussicht GFL statt GFL2 spielen zu können, oder GFL2 statt Regionalliga (und das setzt sich so bis in die Aufbauligen fort) reicht oftmals als Argument aus. Unterklassige Teams haben sich längst an diesen ewigen Kreislauf gewöhnt, neu ist lediglich, dass nun auch den GFL-Vereinen ihre Spieler abgeworben werden. Und das ist scheinbar sehr gewöhnungsbedürftig in Football-Deutschland.

Demnach stimmt sogar der Vorwurf der Kannibalisierung, wenn man es überspitzen möchte, nur ist diese nicht neu. Die besseren Teams haben sich schon immer bei unterklassigeren Teams bedient. Die ELF bringt – als Vorwurf – keinen einzigen Spieler mit, greift aber herzhaft im obersten Regal zu. Doch, und das ist das Entscheidende – wird Football-Deutschland langfristig von einer erfolgreichen ELF profitieren. Die Aussicht auf vor allem top-vermarkteten Football in Deutschland, und da hat auch die ELF noch ein gewaltiges Brett zu bohren, wenn man die auch medial holprigen Anfänge näher betrachtet, wird auch viele Kinder und Jugendliche ansprechen und dazu animieren, mit dem Football-Sport zu beginnen. Gleich, ob das Produkt selbst sich wesentlich vom GFL-Spielniveau abhebt oder nicht. Die Vermarktung ist hier der Schlüssel zum Erfolg, TV-Präsenz bei einem Partner, der bereits eine Football-Community mitbringt.

Langfristig positiver Effekt auch für die Vereine

Kurzfristig wird das Football-Niveau in der GFL und den darunter liegenden Ligen wahrscheinlich sinken und die ELF das Spielniveau der bisherigen GFL erreichen, GFL-Spitzenteams ausgenommen. Langfristig werden aber mehr und mehr Jugendliche den Weg zum Football finden und dann zwangsläufig in den Jugend-Mannschaften der Vereine unter dem AFVD-Dach landen – denn die ELF-Teams bewirtschaften ja bekanntlich keine Jugend-Teams, wo diese neuen Football-Talente ihr Handwerk erlernen können. Die besten Spieler von ihnen werden dann im Erwachsenenalter dort landen, wo sie die beste sportliche wie finanzielle Perspektive haben. Manche werden Vereinstreue leben, andere monetäre Verlockungen wahrnemen.

Und da werden ELF und GFL in einem Wettbewerb stehen, der das Geschäft beleben wird. Dass Moritz Böhringer trotz ELF-Angeboten in der GFL spielt, hat neben der Verbundenheit zu seinem alten Verein, den Schwäbisch Hall Unicorns, auch mit den “Profi-nahen“ Strukturen und der Kreativität der führenden Köpfe im Verein zu tun. Es zeigt aber, dass die GFL im Werben um die besten Spieler auch nicht chancenlos ist, auch wenn die ELF aktuell womöglich attraktiver erscheint – obwohl die ELF diesen Beweis ja auch erst antreten muss.

ELF muss an ihrer Transparenz arbeiten

Und wenn es anders kommt und die ELF eine Luftnummer wird? Dann wird vieles wieder auf Ursprungsniveau zurückgedreht. Schlimmstenfalls kann sich die ELF nicht schnell genug gewinnbringend etablieren, Teams würden sich dann zurückziehen, die Liga sich vermutlich wieder auflösen. Und dann? Dann kehren die Spieler wieder in ihre oder andere GFL-Teams zurück und im besten Falle hatte ein kurzfristiges Dasein der ELF trotzdem einen positiven Effekt auf die aktiven Mitgliederzahlen in den Vereinen. Es gibt also mittelfristig nichts, wovor man sich als GFL-Fan und ELF-Ablehner fürchten müsste, im schlimmsten Falle fällt man auf seinen Ursprung zurück. Einzelne Standorte, ja, die vielleicht besonders leiden oder gelitten haben, wie Elmshorn, Hildesheim oder Ingolstadt, die ihre GFL-Teams zurückgezogen haben, sind natürlich gesondert zu bewerten.

Eine Kritik an der ELF muss zum Abschluss noch erwähnt werden: Es gab die Hoffnung, dass eine neue Liga die alten Fehler aus dem AFVD-Kosmos nicht wiederholen würde. Insbesondere, was die Außendarstellung und Transparenz angeht. Doch genau dabei hat sich die neue Liga in ihren ersten Monaten nicht mit Ruhm bekleckert. Dass sich die ELF dabei als ebenso intransparentes Konstrukt darstellt, wie der eben darum in der Kritik stehende AFVD, lässt viele Kritiker unter den Football-Fans aus dem AFVD-Universum eben nicht euphorisch auf die ELF blicken. Es ist ein Unding, dass sich wirklich mit Euphorie auf die ELF blickende Fans ihre Informationen mühsam irgendwo im Internet zusammensuchen müssen und man beispielsweise lange nicht einmal wusste, wer hinter den Franchises stand. Dass Letzte, was bei den “alten“ Fans in Football-Deutschland Anklang finden wird, ist, wenn man die Namen Huber und Esume beliebig austauschen kann und die European League of Football sich als “AFVD 2.0“ entpuppt.

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