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Die NFL im fehlgeleiteten Expansionswahn

NFL-Commissioner Roger Goodell hat mir der Liga noch so einiges vor. Credit: Imago Images / USA TODAY Network / Kirby Lee

Beim jüngsten NFL-Annual-Meeting kochten die Emotionen hoch, denn die Liga um Roger Goodell denkt über weitreichende Veränderungen für Thursday Night Football nach. Die potenziellen Anpassungen sind teilweise kontrovers, in gewisser Weise sogar skandalös und markieren damit längst einen beunruhigenden Trend!

Ein sportliches Großereignis zu besuchen - wir möchten ein NFL-Regular-Season-Game einmal dazu zählen - ist schon ein logistisch anspruchsvolles Unterfangen. Man muss sich nicht selten frühzeitig Tickets besorgen, wenn man nicht in den "Nosebleeds" sitzen und dabei so weit vom Spielfeld entfernt sein möchte wie Colin Kaepernick vom Liga-Comeback. Wer nicht gerade bei einer NFL-Franchise um die Ecke wohnt muss sich um Anreise und Übernachtung kümmern, sonstige Spesen wie Bratwurst, Bier und Bommelmütze für den Jüngsten darf man auch direkt mit einrechnen. Ist das Spiel unter der Woche muss man sich noch freinehmen und wohl auch noch eine ganze Reihe anderer Dinge bedenken. Wenn aber alles steht, dann darf man sich auf Live NFL Action freuen, ein Ereignis, was gerade Kinder vor dem inneren Auge vielleicht nie wieder vergessen. Bis dann zwei Wochen vorher Roger Goodell um die Ecke kommt und sagt: "Pustekuchen! Das Spiel wird verschoben!"

Die NFL sorgt mit Flex-Idee für Skandal

Klingt verrückt? Jeder Normalsterbliche würde sicherlich verständnisvoll mit dem Kopf nicken. Nicht so die National Football League, die mittlerweile im Stile so vieler großer Institutionen von Politik bis Wirtschaft dem regulären Leben entschwunden zu sein scheint. Goodell und seine Kumpels haben just einen Plan aufgestellt, welcher vorsieht, dass die Liga zumindest in den letzten Saisonwochen die Partien beim Thursday Night Football mit zweiwöchigem Vorlauf verlegen darf und dass gleichzeitig alle Mannschaften theoretisch zwei Mal das oftmals ungeliebte Spiel unter der Woche bestreiten dürfen. Es ist lediglich prompter öffentlicher Kritik und einem Aufbegehren vereinzelter Owner zu verdanken, dass die Pläne vorerst nicht verabschiedet wurden oder sogar noch drastischer ausfallen. Die Betonung liegt hier allerdings auf vorerst, so traurig dies auch sein mag.

Denn es hat ja einen Grund, warum die NFL sich überhaupt mit derartigen Gedankenspielchen vergnügt und die könnten gut und gerne in Roger Goodells Anrufliste zu finden sein. Es wäre nämlich keine Überraschung, wenn dort vor nicht allzu langer Zeit einmal Jeff Bezos zu finden war, seines Zeichens Amazon-Mega-Mogul und Chef jener Firma, welche derzeit die ungefähr eine Milliarde schweren TV-Rechte für Thursday Night Football ihr Eigen nennt. Besonders rosig lief die erste Saison hier aber keineswegs, die Einschaltquoten sowie die Rezeption der NFL am Donnerstag waren unterirdisch, zumindest wenn man sie durch die immer noch wie ein Dollarzeichen geformte NFL-Brille betrachtet. Kein Wunder, denn viele Spiele, welche vor der Saison angesetzt wurden, entwickeln sich mit laufender Spielzeit zu echten Rohrkrepierern, wenn auf einmal in Woche 15 zwei Kellerkinder aufeinander treffen. Primetime Unterhaltung sieht anders aus, erst Recht, wenn aufgrund der kurzen Woche die Teams nicht einmal annährend an ihr sonst am Sonntag vorgetragenes Spielniveau herankommen.

Die NFL schert sich vor allem um das Geld

Der Versuch Thursday Night Football zu beleben ist also wie auch die kürzlich diskutierte Expansion nach Übersee eine reine Business Decision. Menschen müssen vor die Mattscheibe der großen Streaming-Dienste, hier liegt die Zukunft, hier wartet das große Geld. Und Geld machen muss die NFL, sie ist schließlich ein Unternehmen. Ein nicht wirklich kleines wohlgemerkt, dessen Produkt unter anderem nur deshalb so schillernd um die Ecke kommt, weil sie eben an allen Ecken und Enden im Stile eines Tagebau-Kohlebaggers die Moneten abschürfet. Soweit versteht jeder das notwendige Kapitalismus Einmaleins. Der durchaus deutliche und auch immer wieder aufkeimende Widerstand der Spieler sowie der Fans deutet aber darauf hin, dass sich die Liga langsam aber sicher in ein Spiel mit dem Feuer begibt, denn es gibt auch in diesem gigantischen Sportgeschäft Grenzen.

Diese sind aber, und das ist das eigentlich Furchteinflößende an der ganzen Posse, bei Weitem noch nicht erreicht. Internationale Märkte sind lange noch nicht ausgeschöpft, Asien insbesondere bietet enorme Möglichkeiten. Vor nicht allzu langer Zeit schien schon ein Donnerstagsspiel verrückt, was spricht denn jetzt eigentlich gegen Spiele am Dienstag, Mittwoch oder sogar an den heiligen Frei- oder Samstagen, die eigentlich traditionell für High School und College Football reserviert sind? Nach der Logik der NFL eigentlich nichts, da zählen doch Traditionen wenig. Was dabei passiert, wenn man jeden Abend die gleiche Sportart schauen kann und mit Spielen überfrachtet wird, kann man wunderbar im internationalen Fußball bewundern. Nations League, 642 unbedeutende Cups oder hyperspannende Auslandsreisen großer Teams im Sommer führen eben nicht zu noch mehr Frohlocken, sondern widern echte Fans eigentlich meistens nur an. Aber die sitzen ja eh immer seltener im Stadion, da sie sich einen Besuch mit Gott bewahre der Familie gar nicht mehr leisten können.

Angeblich denkt die NFL nur an die Fans

In der NFL kommt natürlich noch der Aspekt des Gesundheitsrisikos für die Spieler in besonderer Form hinzu. Wer Sonntag an fünf Autounfällen – wir sprechen von NFL-Kollisionen auf dem Feld – involviert war, der muss das nicht unbedingt mehrfach am Donnerstag direkt wieder haben. Aber seid beruhigt, liebe Aktive, dafür gibt es auch eine ganz einfache Lösung. Die Teams bekommen einfach mehr Spieler und jeder, dem der Kalender etwas zu propper daherkommt, der darf halt Pause machen. Schaut auf die NBA, wo etliche Teams ihren Superstars ständig im Sinne des sogenannten "Load Managements" freigeben. Für den kleinen Fan des jeweiligen Spielers, der vielleicht einmal im Jahr die Chance hat, seinen Angebeteten live auf dem Court zu sehen, ist das natürlich bitter. Aber was zählt diese Art von Fan schon?

Für Roger Goodell und die NFL ist sie angeblich alles. "Es gibt niemanden in diesem Raum oder in unseren Organisationen für den die Fans nicht an erster Stelle kommen", sagte Goodell nach dem alljährlichen Liga-Meeting und der wenig überraschenden Kritik an den Ideen der Liga. Der Rest seiner Aussagen sind weichgespültes PR-Gerede und Hinweise darauf, dass doch auch viele Spieler die Mini-Bye unheimlich gut finden, welche Thursday Night Football ihnen beschert. 62 Prozent der Fans sagten 2022 hingegen, sie fänden American Football ohne TNF besser. Genug Leute schauen aber immer noch zu im Durchschnitt, so dass sich die NFL eh nicht darum scheren muss, was einige Kritiker denken. Sich dabei aber hinzustellen und solche Dinge tatsächlich als Wohltat gegenüber den Fans zu verkaufen, ist an Zynismus, Weltfremde und Hybris eigentlich kaum zu überbieten.

Die Dystopie der sich immer weiter in ihrem Expansionswahn verlierenden Liga mag manchem übertrieben vorkommen und es gibt sicherlich Stimmen, die sagen, dass alles schon nicht so schlimm werden wird. Das mag gut und gerne sein, es ist sogar wünschenswert. Dennoch gibt es in eigentlich jedem System immer einen Kipppunkt. Und den erkennt man meistens erst, wenn es zu spät ist…

Über den/die Autor/in
Moritz Wollert
Moritz Wollert
Moritz Wollert schreibt für TOUCHDOWN24 u.a. über die NFL. Für das monatliche Print-Magazin schreibt er u.a. die NFL History Artikel

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