Saison 2019: Die Cardinals steigen in die GFL2 auf Saison 2019: Die Cardinals steigen in die GFL2 auf Foto: Stephan Partisch

Wilfried Ziegler: “Die Cardinals haben endlich eine Heimat gefunden“

geschrieben/veröffentlicht von/durch  14.05.2021
Tradition wird bei den Assindia Cardinals großgeschrieben. Trotzdem musste der bereits 1983 gegründete Essener Verein bis zuletzt auf eine wahre Heimat in der Ruhrpott-Metropole warten. Jetzt aber ist ein Trainingszentrum im Stadtteil Kettwig entstanden, das dabei helfen soll, den Viertelfinalisten um die Deutsche Meisterschaft von 2009 langfristig unter den besten Teams in Deutschland zu etablieren. Die neuen Möglichkeiten sind dabei nicht der einzige Hoffnungsträger – auch Erfolgstrainer Bernd Janzen ist als Head Coach zurückgekehrt. Cardinals-Präsident Wilfried Ziegler hat mit TOUCHDOWN24 über die Situation des Vereins, Head Coach Janzen und die sportlichen Ziele gesprochen. Außerdem über Myke Tavarres, der mit NFL-Erfahrung nach Kettwig kommt.
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TOUCHDOWN24: Ungewöhnliche Zeiten im Football und der Gesellschaft. Wie sind die Assindia Cardinals bisher durch die Pandemie gekommen?

Wilfried Ziegler: Also was ich hervorheben möchte, wenn man sagt, dass Corona auch etwas Positives hatte, dann sind die Teams enger zusammengerückt. Die Kommunikation ist gerade durch die Videocalls offener und einfach mehr geworden. Vorher hat man eine Email ans Team geschickt, heute sieht man das Team eindeutig öfter. Wenn man also einen positiven Nebeneffekt ableiten mag, dann ist das Miteinander deutlich besser geworden. Das heißt nicht, dass es vorher schlecht war, es war einfach die Notwendigkeit nicht da.

TOUCHDOWN24: Kommen wir zum Sport: Die Cardinals haben seit kurzer Zeit einen neuen Kunstrasen-Trainingsplatz mit Football-Markierungen. Welche neuen Möglichkeiten eröffnet der Platz den Cardinals?

Ziegler: Der Vorteil liegt vor allem in der Zentralisierung. Unsere Anfänge hatten wir im damaligen Gruga-Stadion und wurden nach dem Abriss 2000 in Essen umhergeschickt, waren mal hier mal da. Ab 2015 kam dann Bewegung unter dem damaligen Oberbürgermeister in die Sache, als es EU-Fördermittel gab, woraufhin diverse Kunstrasenplätze in Essen gebaut wurden. Das sollte aber nicht alles nur dem Fußball zugutekommen, so dass wir auch in den Topf gefallen sind.

TOUCHDOWN24: Trotzdem hat es noch gedauert, bis Assindia irgendwo wirklich heimisch geworden ist. Woran hat es gelegen?

Ziegler: American Football fällt leider in eine andere Lärmschutzkategorie als der Fußball. Das klingt komisch, aber wenn man ein Football-Spiel isoliert betrachtet, dann gibt es im Vergleich zum Fußball viel mehr An- und Abpfiffe der Schiedsrichter. In der Lärmschutzmessung lösen diese Pfiffe immer einen hohen Peek aus, hochgerechnet über eine Stunde ist man dann in der Nähe eines Flughafens. Und wenn man dann auf einer bestehenden Anlage in der Nähe von Wohnbebauung spielt, dann kann man sich zwar auf Bestandsschutz berufen, aber man weiß nie, was kommt, wenn ein neuer Mieter sich beschwert oder klagt. Und so sind wir nun in Essen-Kettwig gelandet, wunderschön gelegen. Der Platz dient als Trainingsstätte für alle unsere Teams und für Spiele der Jugend, des DFFL-Flag-Football-Teams und künftig vielleicht auch die Frauen. Die Senioren werden ihre Spiele weiterhin “Am Hallo“ austragen.

TOUCHDOWN24: Der Attraktivität des Vereins ist das natürlich förderlich.

Ziegler: Richtig, das Gelände ist endlich fertig, was auch ein bürokratischer Akt war. Das dazugehörige Gebäude ist auch komplett saniert und steht uns zur Verfügung. Das Wichtigste ist aber die sogenannte EVN, die Eigenverantwortliche Nutzung. Es gibt keinen Platzwart, der um Punkt 21 Uhr Feierabend hat und macht, sondern wir können auch mal bis halb zehn auf dem Platz sein und danach noch die Räumlichkeiten nutzen, zum Beispiel zum Video-Studium.

TOUCHDOWN24: Erstmals sind die Cardinals auch im Essener Süden zuhause. Fühlt Ihr Euch dort schon heimisch?

Ziegler: Ja, bisher waren wir immer im Essener Norden, die A40 bildet ja so ein wenig die geographische Grenze in Essen. Jetzt sind wir im Essener Süden, fünf Minuten mit der S-Bahn vom Hauptbahnhof entfernt, und haben ein neues Einzugsgebiet hinzugewonnen, wie Velbert, Heiligenhaus oder auch Ratingen.



TOUCHDOWN24:
Werden die neuen Möglichkeiten auch einen sportlichen Effekt auf die erste Mannschaft haben?

Ziegler: Ich denke schon, aber darauf ziele ich gar nicht so ab. Mir ist wichtiger, dass der Verein endlich eine Heimat hat und man die Trainingszeiten effektiv nutzen kann. Ein Beispiel aus unserer Vergangenheit: Jahrelang hatten wir "Am Hallo“ montags und dienstags Trainingszeiten von 19 bis 21 Uhr - aber für alle Teams. Wir mussten also alle Teams in die zwei Stunden reingepresst bekommen, die Kleinsten sind auch schonmal in eine Halle ausgewichen. Die effektive Trainingszeit belief sich dann mit viel Glück auf gute eineinhalb Stunden. Jetzt sind wir alleine auf der Anlage, müssen uns auch nicht mit Fußballern absprechen, sind unabhängig vom Wetter und können auch mal an einem Sonntag Minicamps für die Jugend veranstalten. Das bringt uns gerade im Jugendbereich enorm weiter.

TOUCHDOWN24: Wo steht der Verein denn dann heute insgesamt in seiner Entwicklung?

Ziegler: Also ich bin seit 1997 dabei. Damals gab es im Prinzip die erste Mannschaft, ein paar Cheerleader und das war`s schon. Momentan kratzen wir mit unseren Mitgliederzahlen an der 500er Marke. In unserer ersten Mannschaft haben wir über 70 Spielerpässe, sicherlich sind da auch einige Karteileichen dabei, aber wir werden zu den Gamedays 50 Spieler haben.

TOUCHDOWN24: Wie ist das Team für die anstehende Saison der GFL2 aufgestellt?

Ziegler: Erstmal sind wir froh, dass Bernd Janzen wieder Head Coach ist, der ja eine erfolgreiche Vergangenheit bei uns hat. 2004 hatte er die erste Mannschaft in einer absoluten Trümmerphase, sportlich wie wirtschaftlich, übernommen. Wir waren zweimal abgestiegen und spielten selbst in der 3. Liga gegen den Abstieg. Bernd Janzen hat uns dann wieder aufgebaut. Wir sind 2007 in die zweite Liga aufgestiegen und haben direkt nach erfolgreichen Relegationsspielen gegen die Cologne Falcons den Durchmarsch in die GFL gemacht.

TOUCHDOWN24: Trotzdem endete die Ära Janzen dann kurz darauf.

Ziegler: 2010 hatte Bernd uns verlassen. Wir haben damals, 2009, schon gemerkt, dass wir mit unseren Möglichkeiten in der GFL nicht mitstinken können. Allein der monetäre Unterschied zwischen der zweiten und der ersten Liga würde ich auf eine halbe Million Euro beziffern. Nach einem Aufstieg besteht natürlich Euphorie, die Leute klopfen einem auf die Schulter. Wir waren ja damals im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft und haben in Schwäbisch Hall auch nur knapp verloren (25:46, d. Red.). Aber schon im zweiten Jahr änderten sich die Ansprüche und alles bröselte so etwas auseinander. Düsseldorf war dann aufgestiegen, Mönchengladbach (Mavericks, d. Red.) war aufgestiegen und hat den ganzen Markt leergekauft, da konnte man gar nichts mehr machen.

TOUCHDOWN24: Und nun schließt sich der Kreis mit Bernd Janzen?

Ziegler: Das war nicht unser Plan gewesen, sondern hatte sich so ergeben. Nachdem die Zeit von Deejay Anderson hier vorbei war, war Bernd nach seinem Engagement bei den Solingen Paladins verfügbar und wir sind wieder zusammengekommen. Aber ich möchte betonen, dass wir weiterhin ein sehr gutes Verhältnis zu Deejay haben.

TOUCHDOWN24: Neuer Sportplatz, Reunion mit dem alten Erfolgtrainer – nichtsdestotrotz waren die Cardinals in den letzten Jahren eine Fahrstuhlmannschaft zwischen der zweiten und dritten Liga. Wie starkt schätzt Ihr Euch für die kommende Saison ein?

Ziegler: Wir schätzen uns im soliden Mittelfeld der Liga ein. Es ist aber nach einem Jahr Pandemie schwierig zu sagen, da man ja auch die anderen Mannschaften nur wenig kennt.

TOUCHDOWN24: Aber man kann seinen eigenen Kader ja mit dem Kader des Vorjahres oder von 2019 vergleichen, um einzuschätzen, wo man stehen könnte.

Ziegler: Man muss natürlich sagen, dass wir uns im Vergleich zu Deejay auch spielerisch anders aufgestellt haben. Einige Spieler, die wegen Deejay hier waren, sind wieder zurück nach Düsseldorf gegangen, das war uns aber eigentlich auch klar gewesen und stellt kein großes Problem dar. Unter dem Strich muss ich sagen, sehe ich unseren Kader aber sehr ausgeglichen.

TOUCHDOWN24: Das Saisonziel?

Ziegler: Das lautet natürlich im Mittelfeld der Liga und schnell save vor dem Abstieg zu sein.

TOUCHDOWN24: Das klingt schon fast bescheiden, wenn man an die namhaften Imports denkt, allen voran Myke Tavarres. Was können Sie zu dem Spieler sagen?

Ziegler: Myke ist ein sehr feiner Kerl, bringt auf dem Platz unheimlichen Speed und viel Übersicht mit. Nicht zuletzt ist er schon mit der ersten Trainingseinheit einer der Teamleader, reißt die gesamte Defense mit, feuert seine Mitspieler an. Und dieses Standing nimmt ihm auch jeder ab, weil jeder seine Vita kennt (Tavarres war 2016 als Undrafted Free Agent bei den Philadelphia Eagles. Vor dem Draft hatten vereinzelte NFL-Experten Tavarres eine Pro-Bowl-Karriere vorausgesagt. Er überstand den Cut allerdings nicht. Ein Grund könnte in seiner Solidarisierung zum politischen Protest von Colin Kaepernick gelegen haben, d. Red.). Wir hatten sowieso einen Middle Linebacker gesucht, der die gesamte Breite abdecken kann und das kann er sehr gut leisten.



TOUCHDOWN24:
Die Cardinals also im Mittelfeld. Wer sind die Aufstiegsfavoriten?

Ziegler: Die Berlin Adler wollen auf jeden Fall hoch und sind auch Favorit. Die Rostock Griffins sehe ich ebenfalls noch weit vorne, da sie seit Jahren gut arbeiten und ein sehr stabiles und solides Umfeld haben. Die Lübeck Cougars kann ich momentan nicht einschätzen, da sie einige Abgänge in Richtung der Hamburg Sea Devils (European League of Football, d. Red.) hatten. Eigentlich ist Lübeck vom Coaching und Verein her sehr gut aufgestellt.

TOUCHDOWN24: Jetzt haben Sie kein Team aus der eigenen Staffel genannt, wie zum Beispiel Düsseldorf Panther.

Ziegler: Die Panther sind immer so eine kleine Wundertüte. Aber grundsätzlich sehe ich sie mit uns auf einem Level. Da hängt aber auch viel vom Saisonstart ab. Wenn man die ersten beiden Spiele doof verliert, dann ist die Motivation unten, es entsteht Druck und ein Negativlauf. Wenn man hingegen die ersten beiden Spiele gewinnt, entsteht positive Motivation und man ist oben mit dabei. Das ist ein wichtiger Faktor.

TOUCHDOWN24: Bleiben die Solingen Paladins und die Langenfeld Longhorns aus der eigenen Staffel sowie die Hamburg Huskies aus der anderen Gruppe.

Ziegler: Solingen sehe ich tendenziell hinter uns, Langenfeld mit der aktuellen Trainingssituation auch. Und bei Hamburg glaube ich nicht, dass die große Sprünge machen können. Da kommt noch der Reise-Faktor hinzu. Auswärtsspiele sind ab der zweiten Liga immer die Hölle.

TOUCHDOWN24: Reisestress oder woran liegt es?

Ziegler: Nein, wenn man Auswärtsspiele in Rostock, Lübeck oder Berlin hat, sagen drei deutsche Starter aus deiner Mannschaft ab, weil sie arbeiten müssen. Diese Spieler fehlen dann und das ist dann genau der Punkt, wo die Heimteams stärker sind. Aber da muss man abwarten, da ja zwei weite Auswärtsfahrten in dieser Saison aufgrund des geänderten Spielplans wegfallen. Trotzdem werden die langen Auswärtsreisen ein Faktor sein. Insgesamt gehe ich aber zuversichtlich in die Saison.

Info:

Die GFL2 startet am Wochenende des 5. und 6. Juni in die Saison. Die 15 Mannschaften unterteilen sich dabei in insgesamt vier Staffeln zu dreimal je vier Mannschaften und einmal drei. Zum Auftakt empfangen die Assindia Cardinals in der Staffel Nord1 die Solingen Paladins. Außerdem spielen im Norden die Langenfeld Longhorns und Düsseldorf Panther (Nord1) gegeneinander sowie in Nord2 die Hamburg Huskies gegen Berlin Adler und die Rostock Griffins gegen die Lübeck Cougars.

Im Süden lauten die Auftaktspiele Bad Homburg Sentinels gegen die Fursty Razorbacks, Biberach Beavers gegen die Kirchdorf Wildcats und die Straubing Spiders gegen die Wiesbaden Phantoms, während die Frankfurt Pirates spielfrei haben. Über Auf- und Abstieg entscheiden zwei Gesamttabellen beider Nord- bzw. beider Südstaffeln. Im Norden ist Düsseldorf Panther GFL-Absteiger aus der Saison 2019, Aufsteiger sind Berlin Adler und die Assindia Cardinals, ebenfalls aus 2019.

Im Süden sind die Saarland Hurricanes am Grünen Tisch in die GFL aufgerückt, weswegen nur sieben Mannschaften gemeldet sind. Außerdem hatten die Darmstadt Diamonds zurückgezogen. Absteiger aus der GFL sind die Kirchdorf Wildcats, aus der 3. Liga hochgekommen sind die Fursty Razorbacks und die Frankfurt Pirates aus der Saison 2019. Mit nur zwei Spielen und zwei Siegen gegen die Rüsselsheim Crusaders in der Saison 2020 sind zudem die Bad Homburg Sentinels von unten neu dabei.
Markus Schulz

Markus Schulz arbeitet seit 2009 beim Sport-Informations-Dienst in Köln. Seine Leidenschaft für den American Football entdeckte der Familienvater bereits mit elf Jahren während Super Bowl XXIII. 2017 schloss sich Schulz TOUCHDOWN24 zudem als Chefredakteur an. Außerdem hat der gebürtige Mönchengladbacher mehrere Bücher über den US-Sport publiziert und engagiert sich ehrenamtlich als Pressesprecher bei seinem örtlichen Football-Verein Remscheid Amboss.

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