Zwischen PATs und Gin: Kicker Phillip Friis Andersen Zwischen PATs und Gin: Kicker Phillip Friis Andersen IMAGO / Lobeca

Gesichter der ELF: Phillip Friis Andersen – der kickende Däne

geschrieben/veröffentlicht von/durch  30.06.2021
Die ersten Spiele in der European League of Football haben es gezeigt. Insbesondere bei Kicks und Punts fällt der Leistungsunterschied zwischen europäischen Mannschaften und Top-Teams aus der NFL gravierend auf. Ein Spieler hat aber bereits den Unterschied gemacht: Phillip Friis Andersen – der kickende Däne.

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Vier Sekunden waren noch auf der Uhr als das Special Team der Hamburg Sea Devils in Woche eins der European League of Football an der 16-Yard-Linie stand. Der Ball wurde sieben Yards nach hinten gesnapt, dann schwang Friis Andersen sein Schussbein und beförderte den Ball zum Endstand von 17:15 gegen die Frankfurt Galaxy zwischen die Torstangen.



Wer die Übertragungen aus der National Football League gewohnt ist, wird bei einem Fieldgoal aus dieser Entfernung – insgesamt waren 33 Yards bis zum Gestänge zu überwinden – keine Besonderheit feststellen. Doch wer die Spiele in der ELF verfolgt hat – und gleiches Niveau aus Jahren der German Football League und der darunter liegenden Ligen gewohnt ist – wird wissen, dass ein erfolgreich verwandeltes Fieldgoal auf dem alten Kontinent keine Selbstverständlichkeit darstellt. In Zahlen ausgedrückt: In den bisherigen sieben Spielen der neuen Liga wurden nur sechs von 15 Fieldgoals verwandelt und nur 32 von 47 PATs.

2019 im Roster der Tampa Bay Buccaneers

Da ist man bei den Sea Devils froh, dass man einen Kicker wie den Dänen Andersen in seinen Reihen weiß. Der 30-Jährige verweilte im Winter in Kopenhagen und bot sich den Hamburgern proaktiv an, wie General Manager Max Paatz in der Footballerei verriet. Der 1,80 Meter große Skandinavier dürfte sich nicht nur als bester Kicker der Liga über den Saisonverlauf auch statistisch beweisen, er zeigte gegen Frankfurt auch, dass er der mutmaßlich beste Punter ligaweit ist. Seine sechs Punts flogen im Schnitt über 45,2 Yards in Richtung der Frankfurter. Der Ligaschnitt liegt ohne Andersens Schüsse bei 33,71 Yards. Fun Fact: Ausgerechnet Chris Ezeala, als Linebacker eingesetzter Runningback der Cologne Centurions, toppt Andersens Werte mit 46 Yards im Schnitt gegen Barcelona noch minimal.

Kein Wunder, dass 2019 auch die Tampa Bay Buccaneers auf Andersen aufmerksam wurden. Andersen hatte mit einem Kicking Coach in Kalifornien trainiert, der wiederum beste Kontakte in die NFL besaß und dem Kicker so einen Pro Day verschaffte, wo er zu überzeugen wusste. Im Februar 2019 war der Däne nach seiner Unterschrift sogar kurzzeitig einziger Kicker im Roster des Meisters der vergangenen Spielzeit. In den finalen Saison-Roster schaffte er es aber dann doch nicht.

Längstes Fieldgoal aus 58 Yards

Mit dem Football hatte Andersen 2012 in seiner Heimat angefangen. Über die Amager Demons und Herlev Rebels verschlug es ihn 2014 nach Deutschland, wo er zunächst für Berlin Adler in der GFL spielte und mit dem Hauptstadtteam den Eurobowl gewann. Im gleichen Jahr nahm er auch mit der dänischen Nationalmannschaft an der Europameisterschaft teil, wo nach Niederlagen gegen Österreich und Frankreich aber bereits in der Vorrunde Schluss war. Über die Søllerød Gold Diggers landete er dann 2017 erneut in Berlin, wo er fortan für die Rebels spielte, die die Adler als Nummer eins der Bundeshauptstadt abgelöst hatten.

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Nun trägt er also das Trikot der Hamburg Sea Devils und hat bereits bewiesen, das auf ihn auch im neuen Wettbewerb Verlass ist. Dabei kommt ihm auch sein Head Coach in der Hansestadt zugute. Ted Daisher arbeitete schon bei den Oakland Raiders, Cleveland Browns und Philadelphia Eagles in der NFL als Special Teams Coordinator auf allerhöchstem Niveau. Am Samstag (ab 19 Uhr, im Livestream auf ran.de) will Andersen mit seinen Hamburgern den zweiten Sieg im zweiten Spiel einfahren, dann sind die Sea Devils bei den noch sieglosen Barcelona Dragons zu Gast und gelten trotz der weiten Anreise als Favorit. Aufpassen müssen die Katalanen schon knapp hinter der Mittellinie, Andersons längstes Fieldgoal resultiert aus einem Versuch aus 58 Yards - im Training liegt sein Bestwert nach eigener Aussage sogar bei 72 Yards.

Eigenes Gin-Label

Und auch wenn es mit der NFL-Karriere nichts geworden ist, eine Sache hat ihm sein Kalifornien-Aufenthalt auch nachhaltig eingebracht. Um genug Geld für sein USA-Training zu haben, jobbte er nebenbei in einer Bar und entdeckte seine Leidenschaft für Gin. Mittlerweile vertreibt er mit zwei Freunden sogar ein eigenes Gin-Label unter dem Namen "Amager Gin" - benannt nach der Insel südlich von Kopenhagen, wo er einst erstmals seine Footballschuhe schnürte.
Markus Schulz

Markus Schulz arbeitet seit 2009 beim Sport-Informations-Dienst in Köln. Seine Leidenschaft für den American Football entdeckte der Familienvater bereits mit elf Jahren während Super Bowl XXIII. 2017 schloss sich Schulz TOUCHDOWN24 zudem als Chefredakteur an. Außerdem hat der gebürtige Mönchengladbacher mehrere Bücher über den US-Sport publiziert und engagiert sich ehrenamtlich als Pressesprecher bei seinem örtlichen Football-Verein Remscheid Amboss.
Twitter: @ELFinsider

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