Alpha Jalloh ist mit seiner Vielseitigkeit unersetzbar für die Kings. Alpha Jalloh ist mit seiner Vielseitigkeit unersetzbar für die Kings. IMAGO/Beautiful Sports

Gesichter der ELF: Alpha Jalloh - das Schweizer Taschenmesser der Leipzig Kings

geschrieben/veröffentlicht von/durch  22.07.2021
Ob Jakeb Sullivan wohl ein schlechtes Gewissen hatte? Der Quarterback der Frankfurt Galaxy wurde in Woche 4 zum MVP des Spieltags in der ELF gewählt. 270 Yards und fünf Touchdowns hatte der US-Amerikaner gegen die Cologne Centurions aufgelegt – überragende Werte. Allerdings hatte ein anderer Spieler während des Spieltags für deutlich größere Schlagzeilen gesorgt: Alpha Jalloh hatte nämlich drei Touchdowns gegen die Stuttgart Surge erzielt.



Das ist an sich nichts Besonderes im American Football. Allerdings war die Art und Weise, wie Jalloh seine Touchdowns erzielte, kurios. Der Erste resultierte aus einer Interception, die der Leipziger über 44 Yards zum Pick Six in die Endzone trug. Der Zweite war das Ergebnis eines Kickoff-Returns über 100 Yards. Und der Dritte war ein gefangener Pass von Leipzig-Quarterback Tom van Duijn über 45 Yards. Drei Touchdowns in allen drei Units eines Footballteams – so etwas gibt es nur äußerst selten.

„Ich bin eine sehr ehrgeizige Person und habe ein gutes Spielverständnis. Dazu kommt viel Erfahrung auf verschiedenen Positionen. Ich glaube, das macht mich zu einem guten Footballspieler mit der Fähigkeit, in allen Phasen des Spiels zu punkten“, erklärt Jalloh gegenüber TOUCHDOWN24 die Gründe für seine Vielseitigkeit, die sich auch in seinen Statistiken niederschlägt: 14 Kick-Returns für 529 Yards und drei Touchdowns, ein Touchdown nach einem geblockten Extrapunkt, zwei Receiving-Touchdowns und ein Interception-Return-Touchdown verbuchte Jalloh bisher. Dazu kommen 22 Tackles, zwei Tackles for Loss, ein Pass-Breakup und ein Forced Fumble.

Aus Sierra Leone in die USA

Jalloh ist somit das personifizierte Schweizer Taschenmesser im Roster der Kings. Dabei stammt der vielseitig einsetzbare Ausnahmeathlet gar nicht aus dem Mutterland des American Football. Jalloh wurde in Sierra Leone geboren, mitten im Bürgerkrieg, der das Land zu zerreißen drohte. Seine Eltern flüchteten mit ihrem Sohn in die USA und ließen sich im Bundesstaat Maryland nieder. Dort wuchs der kleine Alpha auf und ging zur Schule.

An der Annapolis Area Christian High School erlernte er das Footballspielen. Für die Eagles stand er hauptsächlich als Wide Receiver und Defensive Back auf dem Feld und sammelte Erfahrungen als Ringer und Leichtathlet. In seiner Senior-Saison wurde er zudem ins All-State-Team Marylands gewählt. Als Ringer schaffte er es sogar ins All-American-Team und belegte Platz vier in den nationalen Meisterschaften.



Das sportliche Talent war also schon früh zu sehen. Kein Wunder, dass einige Universitäten die Fühler nach Jalloh ausstreckten, darunter große Namen wie Penn State, Pittsburgh und West Virginia. Doch der Recruiting-Prozess litt unter seinen schwachen Noten. Letztlich schloss sich Jalloh dem Division-III-Team der Stevenson Mustangs aus Maryland an und war in allen zehn Spielen seiner Freshman-Saison 2012 aktiv.

Transfer zu den Liberty Flames

2013 transferierte Jalloh zur Liberty University, musste die Saison allerdings aufgrund der Transferregularien der NCAA aussetzen. Liberty hatte schon im Recruiting-Prozess Interesse bekundet. Inzwischen hatten aber fast alle Coaches das Team verlassen, so dass Jalloh kein Stipendium bekam, sondern zunächst als Walk-On auflief. Die religiöse Ausrichtung der Universität war dabei ein entscheidendes Kriterium für den gläubigen Jalloh, der sich klar mit den Werten der Flames identifizierte.

Damals war die Liberty University noch Teil der FCS-Subdivision im College Football. In seiner ersten Saison für die Flames legte Jalloh gleich starke Zahlen auf und holte mit seinem neuen Team den Titel in der Big South Conference. In den FCS-Playoffs schlugen die Flames James Madison mit 26:21, schieden in der zweiten Runde aber gegen Villanova mit 22:29 aus. In der zweiten Saison mit den Flames verpasste Jalloh allerdings die Playoffs, obwohl man am letzten Spieltag die an Nummer vier gerankten Coastal Carolina Chanticleers mit 24:21 schlug.



Nach seiner Senior-Saison 2016, die mit einer All-Conference-Nominierung geendet hatte, verließ Jalloh das College, bekam jedoch keine Angebote von NFL- oder CFL-Teams. Sein Blick richtete sich deshalb nach Europa, nachdem sein Kindheitsfreund Darius Lewis ihm von der Möglichkeit, dort Football zu spielen, erzählt hatte. Josh Haritgan, ein ehemaliger Spieler der Carlstad Crusaders aus Schweden, nahm schließlich Kontakt zu Jalloh auf – ein Glücksgriff, denn der talentierte Footballspieler schlug in Skandinavien direkt hohe Wellen.

Beeindruckende Leistungen in Skandinavien

Bereits in seiner ersten Saison in Schweden holte Jalloh 2017 den nationalen Titel. 2018 schloss er sich den Göteborg Marvels an und fing dort Bälle für 550 Yards und sechs Touchdowns – Platz vier im nationalen Vergleich. Dabei hätte er eigentlich in Frankreich bei den Thonon Black Panthers spielen sollen. Ein Streit um vertragliche Details hatte jedoch zum Bruch mit den Franzosen geführt. 2019 zog es Jalloh dann zu den Stockholm Mean Machine, für die er 284 Yards und vier Touchdowns auflegte. Nebenbei spielte er als Defensive Back und Kick Returner.

Bei der Mean Machine in Stockholm begegnete Jalloh einem Mann, der seinen weiteren Karriereweg entscheidend prägen sollte. Offensive Coordinator war nämlich zu jener Zeit ein gewisser Fred Armstrong, heute Head Coach der Leipzig Kings. Doch wie die meisten US-Spieler hielt es auch Jalloh nicht lange an einem Ort. Nach dem Ende der schwedischen Saison wechselte er zu den Wasa Royals nach Finnland, wo er prompt 29 Bälle für 747 Yards und neun Touchdowns fing.

Erste Kontakte nach Deutschland

Anschließend klopften die Ingolstadt Dukes beim Ex-Receiver der Liberty Flames an. Jalloh sagte zu. Die wegen der Corona-Pandemie abgesagte Saison in der German Football League (GFL) hinderte ihn jedoch an einem ersten Einsatz in Deutschland. Stattdessen kehrte er nach Finnland zurück und schloss die 2020er-Saison bei den Wasa Royals mit 1.013 All-Purpose-Yards und 13 Touchdowns in nur sechs Spielen ab. Der MVP-Titel war dabei nur noch Formsache.

Kein Wunder, dass sich Royals-Head Coach John Booker damals zu Lobeshymnen über seinen versatilen Schützling hinreißen ließ: „Alpha ist einer der dominantesten Importspieler in ganz Europa. Wenn er auf dem Feld ist, ist die Defense einen Fehler davon entfernt, ihn jederzeit und von jeder Position aus punkten zu lassen. Abseits einer offensichtlichen sportlichen Leistung hat er eine tolle Arbeitseinstellung und versucht immer, seine Teamkollegen besser zu machen. Es macht wirklich Spaß, ihn zu coachen und zu wissen, dass du eine Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karte hast.“

Für die letzten beiden Regular Season-Spiele und die Playoffs ging Jalloh 2020 noch einmal nach Schweden und hinterließ natürlich bleibenden Eindruck bei den Stockholm Mean Machines. Zum Titel reichte es letztlich allerdings nicht.

Persönliche Ziele und Saisonausblick mit den Kings

Nun schlägt Jalloh seine Zelte in Leipzig auf und überzeugte bereits zur Saisonhälfte rundum. Dabei hat er klare Vorstellungen: „Mein persönliches Ziel ist, der Beste in Europa zu sein. Für das ELF-All-Star-Spiel nominiert zu werden, wäre ein toller Erfolg für mich. Ich will zeigen, dass ich der beste Spieler sein kann.“ Doch wie bei vielen Footballspielern steht das Team für ihn an erster Stelle: „Wir haben viel Spaß untereinander und eine tolle Chemie. Das ist eine tolle Gruppe mit guten Importspielern. Aber viele unserer Teamkameraden wohnen ziemlich weit weg, teilweise über eineinhalb Stunden. Das macht Treffen untereinander schwierig.“



Am vergangenen Wochenende gingen die Kings mit 0:55 auf heimischem Platz gegen Hamburg unter. Dennoch ist die Ausgangslage als Tabellenletzter der Norddivision nicht aussichtslos, weiß Jalloh: „Ich würde uns noch nicht abschreiben, was die Playoffs betrifft. Wir haben nur zwei Conference-Niederlagen und ich denke, wir können die Kurve in der zweiten Saisonhälfte bekommen. Wir haben eine Chance gegen die Teams, gegen die wir zuletzt knapp verloren haben.“
Dabei werden die Kings sicherlich auf die Dienste von Jalloh setzen. Man darf gespannt sein, ob der Ausnahmespieler dem Leipziger Spiel weiterhin seinen Stempel aufdrücken wird.
Sven Schuer

Nach seinem Soziologiestudium in Osnabrück absolvierte Sven Schüer ein Praktikum bei der Neuen Osnabrücker Zeitung und blieb dem Journalismus bis heute treu. Als freier Mitarbeiter berichtet er vom Amateurfußball in und um Osnabrück und begleitet das Footballteam der Osnabrück Tigers seit einigen Jahren. Darüber hinaus schreibt er als freier Autor für verschiedene Online-Magazine und seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

Twitter: @Schueer86

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