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Tyreek Hill: "Germany? That's cool."

geschrieben/veröffentlicht von/durch  06.02.2021
Heute Nacht ist es endlich so weit: Im 55. Super Bowl stehen sich die Kansas City Chiefs und die Tampa Bay Buccaneers gegenüber. Die Faszination des größten Sportereignisses der Welt hat jedoch bereits mehrere Tage vor dem heutigen Spiel seinen Lauf genommen: mit der Media Week. Von Montag bis Freitag standen Spieler und Coaches den Medien für Interviews zur Verfügung, beantworteten Fragen jeglicher Art. In diesem Jahr jedoch nicht auf einem Podium sitzend, umringt von unzähligen Journalisten und Kamerateams, sondern virtuell. In dieser Kolumne möchte ich von meinen Erfahrungen. Von Zoom-Meetings mit Tom Brady, versehentlich stummgeschalteten Mikrophonen und fragwürdigen Chat-Kommentaren.

 

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Auf die Frage, ob sich die Pressetermine in dieser Woche irgendwie anders anfühlen, konnte Tom Brady nicht anders und begann zu grinsen. "Auf jeden Fall. Ich sitze alleine in einem Raum, trage eine Maske und sehe keinen von euch", scherzte er in die Kamera, bevor er sein Smartphone zückte und ein Foto des vor ihm stehenden Laptops machte. Ja, auch jemanden, der die Media Week schon neun Mal hinter sich brachte, konnte der Umstand der Virtualität vor ungewohnte Herausforderungen stellen. Dabei machte der 43-Jährige noch einen vergleichsweise routinierten Eindruck. Quarterback-Kollege Patrick Mahomes blickte bei seinem ersten Auftritt hingegen unsicher durch den leeren Raum, auf der Suche nach einem Gesicht, an dem er sich orientieren kann. Und sein Head Coach Andy Reid, der setzte sich so nah vor die Kamera, dass man kaum sein ganzes Gesicht sehen konnte. Geübt hatten die Beteiligten während der Saison eigentlich genug. Musste also die Anspannung vor dem wichtigsten Spiel der Saison sein, die all das vergessen ließ.

 



Aber wen wundert das? Diese Saison war in vielerlei Hinsicht besonders. Die Umstellung auf virtuelle Pressetermine fügt sich da nahtlos ein. Und während jemand wie ich, der andernfalls keine Möglichkeit gehabt hätte, mit Spielern und Coaches der Teams zu sprechen, dem Ganzen nur Positives abgewinnen konnte, ist es nachvollziehbar, dass es den Protagonisten des Super Bowls lieber gewesen wäre, sich den Journalisten auf klassischem Wege zu stellen.

Die Media Week mit Kamera und Headset

Wie genau läuft so ein Zoom-Meeting überhaupt ab, fragt ihr euch? Im Grunde ist es ganz einfach. Über eine von der NFL eingerichtete Website, auf der man sich mit seinen Zugangsdaten anmeldet, kommt man zu einem "virtuellen Stundenplan". Spieler, Coaches oder auch beispielsweise NFL-Commissioner Roger Goodell haben dort speziell zugeteilte Zeitfenster. Innerhalb dieser Zeitfenster klickt man auf die Schaltfläche, die als "virtuelles Podium" bezeichnet wird, und es öffnet sich das Programm "Zoom", welches man auf seinem Computer, Laptop oder Smartphone installiert haben muss. Man trägt seine Daten ein und wird anschließend vom Moderator zum Meeting hinzugefügt. Fertig.

Natürlich ist das Ganze keine Privataudienz, in der man ein Vier-Augen-Gespräch mit den Stars von Sonntag führen konnte. Dafür muss man schon Sendezeit bei ESPN oder dem NFL Network vorweisen können. Neben mir waren Journalisten aus der ganzen Welt im Meeting. Wie viele genau? Keine Ahnung. Es gab weder eine Übersicht aller Teilnehmer, noch konnte man seine eigene Kamera aktivieren. Nichtsdestotrotz ist es eine besondere Erfahrung gewesen. Das anschließende Prozedere ist schnell erklärt: Alle Journalisten sind stummgeschaltet, können mithilfe der "Hand heben"-Funktion signalisieren, dass sie eine Frage stellen möchten. Der Moderator wählt dann jemanden aus, gibt dessen Aufnahmegerät frei, und man kann dem Spieler oder Coach seine Frage stellen. Was im ersten Moment wie ein gut organisiertes System wirkt, über das sich die NFL viel und lange Gedanken gemacht hat, offenbarte jedoch recht früh amüsante Fehltritte.

Journalisten sind auch nur Menschen

Beispiele gefällig? Über die Spielerseite habe ich weiter oben ja bereits gesprochen. Fehlt noch die Presse. Wenn man in einem Zoom-Meeting mit renommierten Journalisten aus aller Welt steckt, kommt man sich ziemlich klein vor. Zumindest ging es mir so. Schließlich sind das gestandene Profis, die täglich, und sonst aus nächster Nähe, über die NFL berichten. Die Herausforderungen der virtuellen Pressekonferenzen wirken allerdings auch hier. Es kam bestimmt fünf, sechs Mal vor, dass ein Journalist eines großen, euch sicher bekannten Sportnetzwerkes aufgerufen wurde, aber kurzerhand vergessen hat, sein Mikrophon zu aktivieren. Was folgte, war eine mehrsekündige, unangenehme Stille, in der alle übrigen Anwesenden sich die Frage stellen: "Ist derjenige überhaupt am Laptop, anderweitig beschäftigt, oder stellt ihn das Klicken der "Unmute"-Funktion wirklich vor eine unlösbare Aufgabe?

Ebenfalls als witzige Anekdote hervorzuheben: Bei Zoom-Meetings gibt es einen Chat. Ab dem dritten Tag wurde dieser zwar deaktiviert, aber die ersten beiden Tage war es allen Teilnehmern möglich, diesen uneingeschränkt zu nutzen. Von "Can you hear me????", über "How are you guys?", bis hin zu "Please let me ask a question" war alles dabei. Fast, als wäre man mit Studierenden oder einer Personengruppe unterwegs, die die Eigenarten des Internets gerade erst kennenlernen. Das hat in jedem Fall geholfen, sich relativ schnell auf Augenhöhe mit den anderen Journalisten zu fühlen.

Tyreek Hill: "Germany? That's cool."

Abschließend noch mein persönliches Highlight der Woche. Ich durfte Tyreek Hill, Wide Receiver der Kansas City Chiefs, die Frage stellen, wie er seine Effektivität bewertet, wenn er im Slot eingesetzt wird. Sogar ein kurzes Lächeln konnte ich dem Star-Receiver der Chiefs entlocken, als ich ihm gleich zu Beginn beste Grüße aus Deutschland gewünscht habe. Warum das mein persönliches Highlight war? Weil Hill einer von wenigen Personen war, mit denen ich überhaupt interagieren konnte. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Patrick Mahomes oder Tom Brady aufgerufen zu werden, ging nämlich gegen null.

Es wirkte nicht selten vorher abgesprochen, welche Journalisten eine Frage stellen dürfen. Anders kann ich mir die Tatsache nicht erklären, dass eine Journalistin, laut eigener Aussagen, "Zoom-Hopping" (Hin- und Herwechseln zwischen den verschiedenen virtuellen Spieler-Meetings, die teilweise zeitgleich stattfanden, d. Red.) betrieben hat, und trotzdem bei jedem Spieler und Coach zu Wort kam. Irgendwo verständlich, wenn man den Großteil der Teilnehmer weder kennt, noch ihre Fähigkeit, eine legitime Frage zu stellen, einzuschätzen weiß. Trotzdem ein wenig schade.

So viel also zu meinem kurzen Einblick in die Media Week vor dem 55. Super Bowl. Viele Eindrücke, eine erinnerungswürdige Erfahrung und eine besondere, wenn auch wahrscheinlich einmalige Einstimmung auf das größte Spiel des Jahres!

Kevin Wieschhues

Kevin Wieschhues hat American Studies an der Universität Leipzig und Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg studiert. Seit 2015 ist er als Journalist, Podcaster und Editor für die Themen NBA, NFL und College Football im Einsatz. Für TOUCHDOWN24 schreibt der bekennende Fan der New York Giants hauptsächlich über die aktuellen Geschehnisse der NFL.
 
Twitter: @kevinwieschhues
Instagram: @kevinnypd

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