Sucht sein Glück nun in Arizona: Rodney Hudson Sucht sein Glück nun in Arizona: Rodney Hudson IMAGO / Icon SMI

Replay: Rodney Hudson sucht die Wertschätzung

geschrieben/veröffentlicht von/durch  Dirk Kaiser 03.04.2021
Die Arizona Cardinals suchten dringend Verstärkung in der Interior Line. In Las Vegas suchte Rodney Hudson hingegen die Wertschätzung, die ihm so oft in der Karriere verwehrt geblieben war. Eine glückliche Fügung, die Cardinals hatten im Wettbieten um Free Agent Corey Linsley den Kürzeren gezogen, führte den 31-Jährigen nun zu Head Coach Kliff Kingsbury nach Glendale. Hier wartet ein spannendes Team um Quarterback Kyler Murray - und vielleicht noch später NFL-Ruhm für Hudson.

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Er hat es nicht leicht. Wie so viele Offensive Linemen. Wenn die Offense des eigenen Teams das Feld hinab marschiert, punktet und Touchdowns erzielt, dann stehen meist andere Spieler im Rampenlicht. Quarterbacks zumeist, aber auch Wide Receiver, Tight Ends oder der ein oder andere Runningback. Die Arbeit, die der Line-Spieler für den Erfolg der Mannschaft verrichtet, geht dabei oft unter – dabei ist sie die Basis zu jedem erfolgreichem Spielzug. Einer der besten O-Liner der Liga spielt ab der kommenden Saison bei den Arizona Cardinals: Rodney Hudson, Center.

Oakland: 2019 machte der frisch eingestellte General Manager, Mike Mayock, der noch in Oakland beheimateten Raiders seinen Fixpunkt in der Offensive Line zum bestbezahlten Center der Liga. Rodney Hudson unterschrieb einen Dreijahresvertrag über 33,75 Millionen US-Dollar und setzte sich damit an die Spitze noch vor Super-Bowl-Champion Jason Kelce von den Philadelphia Eagles. Für einen Moment schien Hudson damit die Anerkennung zu bekommen, die er verdient hat. Doch während Kelce im letzten Sommer in der Liste der Top-100-NFL-Player auftauchte, blieb Hudson einmal mehr außen vor.

Verstehen muss man das nicht. Seitdem der mittlerweile 31-Jährige 2012 Starting Center der Kansas City Chiefs wurde, ein Jahr zuvor hatte das Team aus dem US-Bundesstaat Missouri Hudson in der zweiten Draftrunde ausgewählt, ist er der Inbegriff von Konstanz auf hohem Niveau in der NFL. Jahr für Jahr, in jeder Saison. Nach seinem Wechsel 2015 zu den Raiders festigte Hudson seine Leistung weiter. Was Kelce im Run Blocking ist, mit Abstand der beste Center der Liga, ist Hudson in der Pass Protection. Er lässt kaum einen Defensive Tackle an sich vorbei, verliert so gut wie nie sein Matchup und ist der Fels in der Brandung vor seinem Quarterback.

Drei Jahre keinen Sack zugelassen

Um es auf den Punkt zu bringen: Hudson verschuldete von 2017 bis 2019 keinen einzigen Sack – das ist eine unglaubliche Leistung. Überhaupt hatte Hudson in seinen ersten neun Jahren in der NFL nur neun Sacks und neun Hits erlaubt. Zum Vergleich: Kelce, der 2011 ebenfalls gedrafted wurde, erlaubte bis zur Saison 2019 insgesamt 13 Sacks und 30 Hits – und gehörte dennoch bereits dreimal dem First Team All Pro an. Hudson immerhin schaffte es bis dahin einmal ins Second Team All Pro. Seit 2015, seitdem er das Trikot der Raiders trug, wurde Hudson in jeder Saison auf der Football-Plattform Pro Football Focus als bester Pass Blocking Center der Liga gewertet.

Doch woran liegt es, dass sie NFL-Experten so wenig Notiz von den herausragenden Leistungen des Centers nehmen? Vielleicht an seinem fehlenden Gardemaß? Die National Football League ist hart. Insbesondere für Line-Spieler gelten körperliche Standards. Ein großer Körperbau mit langen Armen ist von Vorteil. Bei den Florida State Seminoles räumte Hudson auf College-Niveau so ziemlich jede denkbare Auszeichnung ab. Er gilt als einer der besten Seminoles-Spieler der Uni-Geschichte. Doch so viele Ehrungen ihm als vielseitiger Offensive Lineman im College auch zuteil wurden, darunter Unanimous All American und die Jacobs Blocking Trophy, die Daumen der NFL-Scouts senkten sich trotzdem. Mit 1,88 Meter Körpergröße entsprach Hudson nicht dem Idealmaß für Spieler der Offensive Line, schon gar nicht für Spieler auf den Tackle-Positionen, auf denen er auch in Florida gespielt hatte. Eventuell wäre er als Center zu gebrauchen, also wurde Hudson vom ersten Tag seiner NFL-Zeit an als Center angesehen. Glücklicherweise brachte er auch auf dieser Position Erfahrung vom College mit.

Von Alabama in die NFL

Hudson wurde am 12. Juli 1989 in Mobile im US-Bundesstaat Alabama geboren. Schon fast ein Wink des Schicksals, dass sein Team der B. C. Rain High School den Namen “Raiders“ trug. Für die Rain Raiders spielte Hudson auf beiden Seiten des Balles und stand fast bei jedem Spielzug auf dem Feld. In der O-Line zeigte er sein frühes Talent, in der D-Line setzte er in seiner Senior-Season 55 Tackles. Neben dem frühen Ruhm auf dem Football-Platz machte Hudson aber auch ganz andere Erfahrungen. Als Sohn einer alleinerziehenden Mutter jobbte der heranwachsende Rodney nebenbei in einem Fast-Food-Restaurant, um seinen Teil zum Auskommen der Familie beizusteuern. Dank seiner Fähigkeiten auf dem Gridiron hatte Hudson dann auch Angebote mehrerer Colleges vorliegen, ehe er sich für die Seminoles entschied. Der Rest ist Geschichte: College, Chiefs, Raiders - und nun Cardinals.

In Las Vegas durfte sich nicht nur Quarterback Carr über den Elite Block in der Mitte der Line freuen, auch Head Coach Jon Gruden war voll des Lobes. Bereits kurz nach seinem Amtsantritt 2018 geriet der charismatische Cheftrainer regelrecht ins Schwärmen: “Das, was ich an Hudson liebe, ist, wenn wir einen Pass werfen, rennt er runter, um zu sehen, ob der Receiver Hilfe braucht. Er ist der beste Center, den ich je trainiert habe.“ Für Mayock war Hudson aus Las Vegas nicht wegzudenken, umso überraschender, dass in dieser Offseason der Wunsch nach Trennung aufkam - von Spieler-Seite, die Raiders folgten der Bitte. “Er sagt nicht viel in der Öffentlichkeit, er lächelt nicht sonderlich oft. Aber wenn er mit seinen Jungs zusammen ist, dreht sich alles um ihn. Seine Arbeitsmoral, seine Zähigkeit, er ist der Puls des Locker Rooms“, so der General Manager, der Hudson zudem als “Superkleber der Offensive Line“ bezeichnete.

Das Geheimnis seines Erfolgs

Was Mayock so gut beschreibt, spiegelt einfach die Wirklichkeit wieder. Hudson ist ein Führungsspieler par excellence, gilt zudem als intelligent und wird gern als der “Akademiker“ bezeichnet. Neben ihm – außen - spielten zuletzt der noch etwas holprige Tackle Kolton Miller sowie der Hüne Trent Brown. Innen kamen der Stinkstiefel Richie Incognito und der Trash Talker Gabe Jackson hinzu. Carr wird diese Line wohl noch vermissen, neben Hudson haben auch Brown und Jackson das Team verlassen. Was im Köpfchen aber hat Hudson, der so wenig Zweifel an seiner Führungsrolle in der Line und im gesamten Raiders-Team aufkommen lässt. Miller schwärmte: “Er sieht einfach, wo der Druck herkommen wird. Ich bin mir nicht sicher, ob er Druck schonmal übersehen hat.“ Dafür arbeitet Hudson hart. Tagsüber auf dem Trainingsplatz und nicht selten bis spät in den Abend hinein, wenn er sein Spiel und kommende Gegner analysiert. Die Cardinals können sich wahrlich glücklich fühlen, einen der besten Center der Liga in ihren Reihen zu wissen.

Aber Hudson ist auch kritisch. Im Sommer kritisierte er die National Football League für ihren Umgang mit Covid-19. “Die NFL gefährdet nicht nur die Sicherheit der Spieler, sondern auch die unserer Lieben“, bemängelte Hudson und wurde konkret: "Meine Frau ist immungeschwächt und die mangelnde Bereitschaft der NFL, den Empfehlungen der Experten zu folgen, wird nicht nur diese Saison gefährden, sondern auch das Leben der Spieler und ihrer Familien. Die NFL muss sich anpassen, wenn wir die gesamte Saison spielen wollen“, sagte der besorgte Ehemann damals.

Familienmensch Hudson

Verheiratet ist Hudson mit seiner Amber, für deren Unterstützung er sehr dankbar ist. “Es ist schwer genau zu sagen, was ich lerne, aber es sind unzählige Stunden am Tag und in der Nacht. Ich weiß nur, dass es viel ist. Es ist jeden Tag, wenn ich in der Einrichtung bin. Ich schaue mir Filmmaterial an, wenn ich nach Hause komme. Bevor ich ins Bett gehe, ist es eines der letzten Dinge, die ich tue, um sicherzustellen, dass ich immer wieder etwas sehe“, erklärte Hudson gegenüber CBS und ergänzte: “Sie (Amber, d. Red.) ist einverstanden damit.“

Es ist nicht abzusehen, dass Hudson mit der perfekten Vorbereitung aufhören wird, solange er dieses Spiel spielt. Und so ist ihm zu gönnen, dass er endlich auch zu angemessenen All-Pro-Ehren kommt, wenn er eben weiterhin auf diesem Niveau spielen wird. Vielleicht aber ist ihm das gar nicht so wichtig. Einer wie Hudson würde wohl immer den Team-Erfolg nach vorne stellen. Ab in die Playoffs mit den Cardinals und dann nochmal mit einem neuen Top-Vertrag belohnt werden, das wär was – in jedem Falle hochverdient.

Anmerkung: In unserer Rubrik "Replay" blicken wir auf frühere Artikel unserer Print-Ausgaben zurück. Gefallen Dir die Artikel und willst Du sie direkt bei Veröffentlichung lesen, dann schau doch in unseren Online-Shop und hole Dir das aktuelle Magazin oder gleich ein kostengünstiges Abo.

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