Chase Claypool von den Pittsburgh Steelers blickt einer großen Zukunft in der NFL entgegen. Chase Claypool von den Pittsburgh Steelers blickt einer großen Zukunft in der NFL entgegen. Imago Images / ZUMA Wire / Jason Pohuski

Pittsburgh Steelers: "Mapletron" Chase Claypool erobert die NFL

geschrieben/veröffentlicht von/durch  14.10.2020
Es ist ein langer Weg vom wunderschönen British Columbia im Westen Kanadas bis nach Pittsburgh in Pennsylvania. Er wird noch länger, wenn er obendrein noch auf der großen Bühne der National Football League enden soll. Chase Claypool hat genau diese Route hinter sich und jetzt setzt er im Trikot der Pittsburgh Steelers seine Entwicklung in Siebenmeilenstiefeln fort!

Der Pass von Ben Roethlisberger ist unterwegs und fliegt mit enger Spirale das Feld hinunter, in Richtung der Nummer Elf. Chase Claypool streckt seine großen Hände in Richtung des Balls aus und zieht ihn an sich heran. Das Spielgerät wirkt winzig in seinen kräftigen Armen, welche jeden Versuch des Defensive Backs zunichte machen, Claypool das Pigskin wieder abzujagen. Der Steelers-Receiver wendet seine Hüften, rammt die Füße in den Boden und nimmt Tempo auf. Vor ihm nur grünes Gras und die Endzone. Und irgendwo dahinter vielleicht auch die ganz große Zukunft in der National Football League.

Wenn Chase Claypool seinen Körper einmal in Bewegung setzt, dann hält ihn so schnell niemand auf. Zumindest müssen das die Verteidiger der NFL in diesen Tagen feststellen, wenn er mit seinen 1,94 Meter und satten 108 Kilogramm Kampfgewicht auf sie zustürmt. Oder eben von ihnen weg. Als die Pittsburgh Steelers ihn in der zweiten Runde des diesjährigen NFL Draft an 49. Stelle zogen, hatten sie es sich genau so vorgestellt. Claypool ist die Art Mismtach auf der Außenbahn, nach der Head Coach Mike Tomlin und die Verantwortlichen des sechsfachen Super Bowl Champions seit einiger Zeit gesucht und nun allem Anschein nach gefunden haben. Chase Claypool zu finden war nicht immer ganz so einfach, zumindest wenn man das ganze aus der Fabelwelt des amerikanischen Footballs betrachtet.

Chase Claypool spielt mit einem schweren Herzen

Claypool wächst in Abbotsford, British Columbia, auf, einer Großstadt im malerischen Westen Kanadas, dort wo schneebedeckte Berge auf türkisblaues Wasser blicken und Grizzlybären wie Orcas fast zum Alltag gehören. Es ist ein Alltag, der sich für das jüngste von insgesamt sieben Kindern in der Familie früh um Sport dreht. Als Baby soll er bereits eigenständig aus seinem Laufstall geklettert sein, später versucht er sich an BMX, Baseball, Karate oder Turnen. Zwei Sportarten wecken seine Leidenschaft ganz besonders: Basketball und Football. Seine große Schwester Ashley ermutigt ihn immer wieder dazu und sagt ihm, wie wichtig es ist, das, was man tut, zu genießen. Eine Botschaft, die sie tragischerweise im Oktober 2011 selbst nicht mehr hört.

Chase liegt an diesem Morgen gegen halb Sieben in seinem Bett und schläft. Plötzlich steht seine Mutter über ihm, er öffnet wie in Trance die Augen. "Ashley hat sich das Leben genommen", sagt sie mit zitternder Stimme, die nicht zu ihrem Sohn durchdringt. Er denkt, es ist ein böser Traum, und schließt seine Augen wieder. Als er jedoch kurz darauf aufwacht und seine Mutter in der Küche weinen hört, da weiß der damals 14-Jährige, dass es kein Traum gewesen ist. "Als ich sie das letzte Mal getroffen habe, freute sie sich noch so, mich zu sehen", erinnert sich Chase an diese schweren Tage. "Sie war immer stolz auf mich und ich habe sie wirklich geliebt". Chase kann den Verlust zunächst kaum verarbeiten, alles kommt ihm surreal vor. "Als wir allerdings auf der Beerdigung waren und ich meine ganze Familie habe weinen sehen, da drang es auch wirklich zu mir durch und warf mich geradezu um", sagt Claypool offen.

Bald wird aus der Trauer eine Erinnerung, welche sich von da an zur großen Motivation für Chase entwickeln soll. Was immer er tut, er will es für Ashley tun und sie so stolz machen, wie sie es zu Lebzeiten war. Noch heute denkt er oft an sie und trägt unter anderem ein Tattoo auf dem Arm mit den Worten: "A thousand words won‘t bring you back, I know because I tried. Neither will a thousand tears, I know because I cried. Until we meet again." Er fleht und weint nicht nur, er geht auch mit einer ganz neuen Einstellung an den Sport, vor allem an Football. Eine Einstellung, die er noch heute pflegt. "Ich versuche mich für die paar Sekunden eines Plays voll zu konzentrieren", sagt der Kanadier. "Viele Menschen machen eine Menge in dieser Welt durch, viel mehr als ich. Ich will daher meinem Privileg gerecht werden und alles geben. In den paar Sekunden des Spielzugs versuche ich alles ausblenden und einfach kämpfen."

Vom Basketball über Notre Dame in die NFL

Sein Kampfgeist bleibt sowohl High-School-Basketball-Coaches als auch Football-Übungsleitern aus den USA nicht verborgen. Sie hören von einem kräftigen, athletischen Jungen irgendwo in der Nähe von Vancouver, Video-Clips wecken zusätzliches Interesse. Auch das von Brian Kelly, Head Coach der legendären Notre Dame Fighting Irish. "Ich war damals in der Nähe und hörte, das Chase ein Basketballspiel hat", erzählt der heute 58-Jährige vom spontanen Recruiting Trip. "Seine Athletik und sein inneres Feuer waren beeindruckend. Also boten wir ihm ein Stipendium an, ohne ihn wirklich beim Football gesehen zu haben. Es war schon ein wenig auf gut Glück, aber letztendlich war es ganz klar die richtige Wahl."



Chase Claypool entscheidet sich trotz 40 Punkten pro Partie und reihenweise Basketball-Offerten für den Gridiron an der Notre Dame, einer der traditionsreichsten Football-Unis Amerikas. In vier Jahren reift er an der katholischen Privatschule sportlich wie menschlich und zieht dank einer überragenden Senior-Saison die Augen der großen NFL auf sich. 66 Receptions für 1037 Yards und 13 Touchdowns deuten sein Potenzial an, vor allem aber lieben die Scouts seine enorme Körpergröße. Zweifel haben sie gleichzeitig an seiner Beweglichkeit, die er auch mit einem 40 Yard Dash in 4,42 Sekunden beim NFL Combine nicht zerstreuen kann. So manches NFL-Team glaubt sogar, man müsste ihn zum Tight End umschulen. Nicht so die Pittsburgh Steelers, die letztendlich mit ihrem Zweitrundenpick zur Profiheimat für Chase Claypool werden. Zu einer Heimat, in der er sich quasi vom ersten Tag an zuhause fühlt.

Im Training beeindruckt er Coaches wie Mitspieler sofort mit seiner Vielseitigkeit und Arbeitseinstellung. "Er macht eine Menge Dinge richtig und arbeitet in jedem einzelnen Bereich des Spiels sehr hart", sagt Mike Tomlin über den Youngster, der wie schon am College auch als Special Teamer früh auf sich aufmerksam macht. "Ich denke, er kann uns in vielen Bereichen weiterhelfen." Receiver-Kollege JuJu Smith-Schuster schlägt in dieselbe Kerbe. "Er ist ein großartiger Junge, der lernwillig und wissbegierig ist. Er möchte gecoacht werden und macht gewissenhaft seinen Job, was unserem Team enorm helfen wird", so der 23-jährige Pro-Bowl-Receiver der Steelers. Auch Claypool selbst merkt früh, dass er mehr als bloß mithalten kann. "Es ist ein wenig wie am College, nur diesmal bin ich viel weiter", so Claypool, der seinen Eltern damals vom ersten Gehaltscheck jeweils ein neues Auto spendiert. "Ich fühle mich bereit und alle schenken mir eine Menge Vertrauen. Das hilft natürlich und ich möchte ihnen dieses Vertrauen zurückzahlen."

Die Steelers haben Claypool sofort ins Herz geschlossen

In den ersten Wochen der aktuellen NFL-Saison macht er genau das und dann noch eine ganze Menge mehr. Im Season Opener gegen die New York Giants ist es ein akrobatischer Sideline-Catch, der seine Teamkollegen verzückt, im nächsten Spiel gegen die Denver Broncos gelingt ihm mit einem 84-Yard-Catch-And-Run der erste Touchdown seiner jungen Karriere. Obendrein steuert er als Gunner noch drei Special-Team-Tackles bei. Drei Wochen später dann kommt das Spiel, das ihm weit über die Grenzen von Pittsburgh hinaus einen Namen macht. Gegen die Philadelphia Eagles gelingen ihm sieben Receptions, 110 Receiving Yards, drei Receiving Touchdowns und ein Rushing Touchdown. Seine vier Scores sind ein Steelers-Rookie-Rekord, welcher keinem der früheren großen Namen gelang. Nicht Franco Harris, nicht Lynn Swann, nicht John Stallworth. Überhaupt ist Claypool der erste Steeler seit 1968, dem dieses sportliche Kunststück glückt. Er macht damit seinem neuen Spitznamen "Mapletron" alle Ehre, den er in Anlehnung an Detroit-Lions-Legende Calvin Johnson und seine kanadische Herkunft bekommt.

Die Steelers geben ihm in ihrem System eine Menge Freiheiten, wie sie eigentlich für einen Rookie ungewöhnlich sind, und sie setzen ihn auf unterschiedlichste Art und Weise ein. Sie geben ihm Short Yardage Runs, lassen ihn in der Slot agieren und natürlich als Split End Receiver. Sowohl tiefe als auch kurze Routen gehören zu seinem Repertoire. Seine kraftvolle, geradlinige Spielweise paart er mit einer beeindruckenden Vielseitigkeit und starker Explosivität. Sein massiger Körper macht es für Defensive Backs fast unmöglich, ihn nach einem erfolgreichen Haken wieder zu kontrollieren. Hat er erst mal den Ball, dann kommen mit seiner Lauffreude nach dem Catch weitere Probleme auf die Verteidiger zu. Kurzum, Chase Claypool ist ein Mismatch, wie es im Buche steht und wirkt umso beeindruckender, wenn man bedenkt, dass er in dieser Saison aufgrund der Covid-19-Pandemie überhaupt keine richtige Preseason durchlaufen hat. Dennoch genießt er bereits jetzt das volle Vertrauen seiner Coaches, von Quarterback Ben Roethlisberger und dem Rest der Mannschaft.

Dies liegt nicht zuletzt an Claypools offener und positiver Persönlichkeit, von der sich auch schon die Fans in der Steel City überzeugen konnten. Claypool hat abseits des Feldes bereits eine eigene Marke kreiert und versucht sich zudem in seiner Freizeit als Youtuber. Er nimmt die Öffentlichkeit via kurzer Videos mit auf die ersten Schritte in seinem neuen Zuhause und entgegen vielem anderen Content auf der globalen Video-Plattform erhalten seine Beiträge ganz klar das Prädikat wertvoll. Bodenständig, freundlich und bescheiden kommt er rüber, wenn er der Welt sein Apartment an der South Side Pittsburghs präsentiert, das direkten Blick auf das Heinz Field gewährt. Er ist sich nicht zu schade, selbst Möbel und Einrichtung einzukaufen oder sogar eine teure Couch noch einmal umzutauschen, weil er sie in einem anderen Laden für weniger Geld entdeckt hat. Selbst von einer eifersüchtigen und kampfeslustigen Luftmatratze lässt er sich seine gute Laune nicht vermiesen, obwohl in dieser Beziehung das letzte Wort wohl noch nicht gesprochen ist.

Besonders gute Chancen darf man der Matratze allerdings nicht einräumen, da könnte sie sich bei den Defensive Backs der NFL informieren. Wenn es nach ihnen ginge, dann hätte Chase Claypool gerne noch ein paar Jahre in Kanada bleiben können. Daraus wird natürlich nichts, vielmehr wird die Reise weitergehen. In Richtung Endzone, vielleicht irgendwann sogar in Richtung Super Bowl. Auf jeden Fall aber wohl in Richtung einer großen Zukunft...

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