Mike Vrabel leistete sich am Wochenende einen der "feigsten" Punts der NFL-Geschichte. Mike Vrabel leistete sich am Wochenende einen der "feigsten" Punts der NFL-Geschichte. imago images / Icon SMI

Overtime Wildcard-Weekend – Warum so ängstlich, Coaches?

geschrieben/veröffentlicht von/durch  11.01.2021
In seiner Kolumne „Overtime“ wirft Touchdown24-Redakteur Daniel Wolf jeden Dienstagmorgen einen Blick auf einige der spannendsten Storylines der vergangenen Woche. Heute: Viele Coaches schadeten ihren Teams am Wochenende mit zögerlichen In-Game-Entscheidungen, die Seahawks stehen an einem Wendepunkt und Big Ben könnte am Ende seiner Karriere sein.


Fragwürdige In-Game-Entscheidungen – Angst oder Sturheit?

Um ganz ehrlich zu sein: Es war frustrierend anzuschauen, wie sich viele Coaches am Wildcard-Wochenende mit ihren In-Game-Entscheidungen einmal mehr selbst im Weg standen. In einem Spiel, in dem offensive Possessions immer wichtiger werden und die defensive Leistung in erster Linie von der gegnerischen Offense abhängt, setzen viele Trainer nach wie vor viel zu sehr auf „Field Position“ und „die eigene Defense“, statt kurze 4th Downs in der Hälfte der Gegner aggressiv auszuspielen. Während Teams wie die Ravens, Bills oder Chiefs das längst verinnerlicht haben, kosten andere Coaches ihren Teams wertvolle Siegprozente – durch Angst oder Sturheit, manchmal vermutlich eine Mischung aus beidem.

Nehmen wir beispielsweise die Titans, die das wohl krasseste Beispiel am Wochenende gaben. Die Situation: Die Titans standen an der 40-Yard-Linie der Ravens, es war 4th and 2, der Spielstand 17:13 für die Ravens mit 10 Minuten auf der Uhr. Seit 1994 hat laut Pro Football Reference in dieser Situation kein Team mehr gepuntet, die Titans waren das erste. Laut dem Surrender Index war der Punt der „feigste“ der ganzen Saison und einer der „feigsten“ seit 2009. Titans-Coach Mike Vrabel sagte später vor Reportern, er habe in der Situation auf „Field Position“ spielen wollen, was nicht gerade für sein Situationsverständnis spricht. Stattdessen folgte ein Punt über ganze 25 (!) Yards und die Ravens bekamen den Ball wieder zurück. Hätten die Schiedsrichter nicht eine zweifelhafte Flagge in der Redzone pro Titans geworfen, Baltimore hätte dem Spiel wohl mit dem 24:13 den Deckel aufgesetzt.

Es zeigte einmal mehr, wie riskant es ist, gegen starke Offenses kleine Edges wie diesen zu verschenken. Doch die Titans waren damit alles andere als alleine: Die Steelers punteten im vierten Viertel tatsächlich bei 4th and 1 nahe der Mittellinie und einem zweistelligen Rückstand, nur um zu sehen, wie die Browns kurze Zeit darauf mit einem weiteren Touchdown das Spiel endgültig entschieden und das mühsam aufgebaute Momentum flöten ging.

Die Seahawks (mehrmals) und Saints gingen jeweils bei 4th and short für lange Field Goals, Saints-Kicker Wil Lutz setzte seines prompt daneben. Ich könnte euch weitere Beispiele nennen, aber das würde den Rahmen dieser Kolumne sprengen. Coaches müssen endlich ihre Angst vor dem augenscheinlich „riskanten“ Play ablegen und mit der mathematischen Wahrscheinlichkeit gehen – mit ein wenig mehr Mut hätten die Titans und Steelers ihre Partien womöglich noch gedreht.

 

 

Titans scheitern an sich selbst

Bleiben wir direkt bei den Titans, die am Wochenende wohl den Blueprint gaben, wie man ein Playoff-Spiel nicht angeht. Wie der Leser dieser Kolumne weiß, kritisiere ich bereits das ganze Jahr, dass die Titans zu oft bei First Down laufen und stur beim Laufspiel bleiben, selbst wenn es offensichtlich nicht funktioniert. Selbst wenn Henry auf den 20sten Early-Run-Versuch einen langen Run hinlegt, in wie viele schwere 3rd and longs haben sich die Titans damit davor schon gebracht? Und wie viele Drives hat das gekostet?

Das Spiel gegen Baltimore war so ein wenig das Spiegelbild der ganzen Saison. Obwohl Tennessee früh im Spiel Erfolg hatte, ihre Receiver – allen voran A.J. Brown – in Eins-gegen-Eins-Matchups anzuvisieren, gaben die Titans Henry wieder und wieder den Ball, obwohl die Ravens offensichtlich alles daran setzen, Henry zu stoppen. Laut Spox lief Henry 72 (!) Prozent seiner Runs gegen acht oder mehr Verteidiger in der Box. Zum Vergleich: In der Regular Season waren es noch 28 Prozent.

Es dauerte bis spät in der zweiten Hälfte, bis die Titans ihr erstes First Down durch einen Run erzielten – wohlgemerkt bei einem QB-Sneak durch Ryan Tannehill. Die Sturheit, mit Henry jedes Mal in eine volle Box zu laufen, bereitet nichts vor, öffnet auch keine Passwege, sondern kostet die Titans einfach wertvolle Drives. Im Schnitt verzeichneten die Titans 2,5 Yards pro Run bei First Down, ein miserabler Wert. Dennoch callte Tennessee 18 Runs bei 19 Pässen bei erstem Versuch – Mitte des Spiels waren die Zahlen sogar noch eindeutiger. Tennessee war nicht zwingend das schlechtere Team am Sonntagabend, aber mit Sicherheit schlechter gecoached und das nicht zum ersten Mal in der Vrabel-Ära in Nashville.

 

Wildcard-Aus – und was jetzt, Seahawks?

Wenn es einen Coaching-Staff gab, der Vrabel und Co. den Titel für die schwächste Playoff-Coaching-Leistung streitig machte, dann waren es wohl die Seahawks. Seattle präsentierte sich nicht wie ein Team, das bereits jahrelange Erfahrung in den Playoffs hat, sondern eher wie ein Neuling auf der großen Postseason-Bühne. Ein Team, das über die ersten Wochen der Saison noch jeden Gegner aus dem Stadion schoss, wurde im Laufe des Jahres immer konservativer und wusste irgendwann nicht mehr, den Schalter umzulegen.

Ob das jetzt auf Pete Carroll oder Offensive Coordinator Brian Schottenheimer zurückzuführen ist, beide sollten angezählt in die neue Saison gehen. Ich halte Carroll nach wie vor für einen exzellenten Coach im Umgang mit den Spielen und mit vielen „Soft Skills“, doch sein In-Game-Coaching und seine Weigerung, sich wie seine Kollegen an Erkenntnissen der Analytic-Abteilung anzupassen, schadet Seattle massiv. Schottenheimer soll nach mehreren Berichten in den USA während und nach dem Spiel bei Carroll und Russell Wilson in Ungnade gefallen sein, also womöglich sehen wir ja einen neuen OC in Seattle.

Und apropos Wilson: Auch der 32-Jährige ist von der Niederlage gegen eine starke Rams-Defense nicht freizusprechen. Wilson fand gegen den rastlosen Druck der Rams-Line um Aaron Donald kein Mittel und wurde ein ums andere Mal gesacked. Er wurde in der Pocket zunehmend hektischer, verpasste offene Receiver und bestätigt einmal mehr, dass ihm Teams große Probleme bereiten können, wenn sie das Big Play wegnehmen. Seattle ist nach wie vor ein Team mit viel Qualität, doch in der Offseason müssen Lösungen her, sonst wird sich Wilson mit einem Ring an der Hand zufriedengeben müssen.

 

Die Steelers stehen am Wendepunkt

Kann man schlechter in ein Playoff-Spiel starten als die Pittsburgh Steelers in der Nacht von Sonntag auf Montag? Nach nur wenigen Sekunden landete ein verunglückter Snap von Maurkice Pouncey für den ersten Browns-Touchdown in der Endzone, zum Ende des Viertels stand es aufgrund mehrerer Picks von Ben Roethlisberger schon 0:28. Zwar kämpfte sich Pittsburgh im Verlauf der Partie zurück und hätte vielleicht sogar eine Chance auf das Mega-Comeback gehabt, doch fragwürdige Coaching-Entscheidungen (s. oben) und Nick Chubb verhinderten ein weiteres Playoff-Spektakel.

Doch so sehr man das Spiel aus Steelers-Sicht auch auf den ersten verunglückten Snap schieben mag, die Niederlage zeigte einmal mehr, dass die Steeles-Offense mit ihrem extremen Kurzpassspiel mit wenig Play-Action und vielen Isolation-Routes kaum Spielraum für Fehler hat. Wenn sie sich diese dann doch leistet, wie gegen die Browns mehrfach gesehen, ist die Offense schnell lahmgelegt und es folgen hässliche Auftritte, wie bereits gegen Washington und Cincinnati in der Regular Season.

Welche Rückschlüsse müssen die Steelers aus dieser Saison jetzt also ziehen? Offensive Coordinator Ryan Fichtner steht für sein System in der Kritik. Womöglich muss er seinen Hut nehmen, wenn die Steelers noch einen Anlauf mit Big Ben starten wollen. Die Alternative wäre, Roethlisbergers Dead Cap von über 22 Millionen Dollar zu schlucken und offensiv einen kompletten Neuaufbau anzufangen. Die Assets für einen solchen Rebuild hätte Pittsburgh mit Wideouts wie Chase Claypool oder Diontae Johnson. Die Offseason der Steelers wird eine der spannendsten ligaweit werden.

 
Und noch am Rande: Wie überragend war eigentlich die Nickelodeon-Übertragung von Bears-Saints in Amerika?

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.

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