Dak Prescott wird mit Tränen in den Augen vom Feld gefahren. Dak Prescott wird mit Tränen in den Augen vom Feld gefahren. imago images / Icon SMI

Overtime Week 5 – Prescott-Schock und Smith-Comeback

geschrieben/veröffentlicht von/durch  12.10.2020
In „Overtime – der Wochenrückblick“ wirft TOUCHDOWN24-Redakteur Daniel Wolf jeden Dienstagmorgen einen etwas anderen Blick auf die Spiele der vergangenen Woche. Heute: Die Dallas Cowboys verlieren ihren Franchise-Quarterback, die Chiefs können doch noch verlieren und Alex Smith feiert schon jetzt das Comeback des Jahres.


Prescott-Schocker! Dak out for the season

Es gibt solche Momente, in denen will man einfach nur die Zeit um wenige Sekunden zurückdrehen und vergessen, was man soeben gesehen hat. Als sich Dak Prescott im dritten Viertel des Spiels seiner Dallas Cowboys gegen die New York Giants auf üble Art und Weise den Knöchel verdrehte und anschließend mit entsetztem Gesicht und Tränen in den Augen auf sein in einem sehr ungesunden Winkel abstehendes Bein blickte – ja, das war mit Sicherheit einer dieser Momente.

Prescott hatte noch vor der Saison auf einen neuen Vertrag bei den Cowboys verzichtet, den Franchise-Tag unterschrieben und auf sich selbst gewettet. Eine schwere Verletzung war genau das, was Prescott vermeiden wollte – jetzt ist der „worst case“ für den 27-Jährigen eingetreten. Was passiert nun mit Prescott? Nun, erst einmal hoffen wir alle, dass er schnell wieder gesund wird. Die Cowboys sollten Prescott dennoch weiterhin halten wollen, aber ein langfristiger Vertrag ist Stand jetzt unwahrscheinlich. Vermutlich wird Prescott noch einmal unter dem Tag spielen müssen.

Aus sportlicher Sicht ist Daks Ausfall ein Desaster für die Cowboys. Diese haben zwar in der Offseason mit Andy Dalton einen mehr als fähigen Backup geholt, doch Prescott war über die letzten zwei Jahre ein Top10-Quarterback. Die Cowboys sind für mich nach wie vor der Favorit in der NFC East – dafür sind die Waffen um Dalton herum zu gut – doch die Lücke zu den Eagles ist definitiv kleiner geworden. Aus dem Kreis der erweiterten Titelkandidaten ist Dallas aber endgültig herausgefallen.

 

Nach 336 Tagen – Chiefs verlieren wieder ein Spiel

Sie sind doch sterblich! Die Kansas City Chiefs haben das erste Mal seit dem 10.11.2019 wieder ein NFL-Spiel verloren. Und das nicht gegen die Baltimore Ravens, die Green Bay Packers oder ein anderes Schwergewicht der Liga. Nein, es waren Jon Grudens Raiders, die dem Titelverteidiger ein Bein stellten. Las Vegas konnte das Spiel mit langes Drives diktieren, hatte den Ball 35 Minuten und hielt Patrick Mahomes so effektiv an der Seitenlinie.

Doch damit nicht genug, lieferte Derek Carr selbst im Passspiel ein Big Play nach dem nächsten. In keinem Spiel in der Gruden-Ära warf Carr bislang den Ball im Schnitt tiefer als gegen Kansas City. Es war ein klares taktisches Mittel, dass Gruden ausgemacht hatte. Die größte Überraschung war aber die Performance der Defensive Line, die Mahomes ständig unter Druck setzte und die Schwächen der Chiefs in der O-Line gnadenlos aufdeckte.

Und die Chiefs? Die zeigten am Sonntag wieder einmal die Unkonzentriertheiten inklusive Penalties, die sich mit Ausnahme des Ravens-Spiels bereits durch die ganze Saison ziehen. Teilweise wirkt es, als würden die Chiefs nur mit Halbgas antreten. Kansas City muss diese ungewohnte Lethargie schnell loswerden, um nicht die Pole Position auf Home-Field-Advantage in der AFC zu verspielen.

 

Gänsehaut! Smith feiert Comeback des Jahres

Der zweite Gänsehaut-Moment des Sonntags – dieses Mal aber im positiven Sinn – gehörte Alex Smith, der im Spiel gegen die Los Angeles Rams nach einem harten Hit gegen Washingtons Starter Kyle Allen aufs Feld kam. Unter dem Ruf seiner Kinder und seiner sichtlich angespannten Frau, die ihm von der Tribüne aus zujubelten, schrieb Smith die perfekte Comeback-Story des Jahres – wenigstens eine tolle Story, die das Jahr 2020 bietet, könnte man meinen.

Dass Smith gegen den bärenstarken Pass-Rush der Rams um Aaron Donald kein Land sah und sechs Sacks nahm – geschenkt. Die Tatsache, dass Smith nach mehr als 17 Operationen, acht Monaten auf einer Stütze und fast 24 Monate nach seiner schweren Beinverletzung überhaupt wieder auf dem Feld stand – es grenzte an ein Wunder. Und so war es bestimmt nicht nur ich, der vor dem Fernseher saß und jedes Mal die Luft anhalten musste, wenn sich wieder ein 150-Kilo-Brocken auf das Bein warf, das vor kurzem noch nicht mehr als ein paar aneinander hängende Knochen waren.

Jeder, der die bewegende Story Smiths und seiner Verletzung nachlesen will, kann das übrigens in dieser erstklassigen Geschichte von ESPN tun. Teilweise fürchteten die Ärzte gar um Smiths Leben, da sich die Verletzungen an den Beinen entzündeten. Rein sportlich kündigte Washington zwar bereits an, dass nächste Woche gegen die Giants wieder Allen starten wird. Aber der Titel für den Comeback-Spieler des Jahres kann nur noch an einen Mann gehen.

 

Claypool könnte Pittsburghs X-Faktor sein

Die Steelers haben einfach ein Näschen für Wide Receiver im Draft, anders kann man es nicht mehr sagen. Ob JuJu Smith-Schuster, Diontae Johnson oder mit Abstrichen James Washington – jeder Wideout, den Pittsburgh in den letzten Jahren gedrafted hat, ist eingeschlagen. Doch niemand hat wohl einen so bleibenden Eindruck in seinen ersten Spielen hinterlassen wie Rookie Chase Claypool in diesem Jahr. Ganze vier Touchdowns standen im „Battle of Pennsylvania“ am Ende hinter Claypools Name auf der Anzeigetafel.

Claypool ist der Typ Receiver, den die Steelers seit dem unrühmlichen Abgang von Antonio Brown vermisst haben. Ein klassischer X-Receiver, der außen spielen und das Feld in die Länge ziehen kann. Defenses müssen Claypools Big-Play-Potenzial respektieren, was wiederum Räume für Smith-Schuster und Johnson schafft, die ihre Stärken im Underneath-Bereich haben. Und vielleicht das Wichtigste: Ben Roethlisberger scheint dem 22-Jährigen bereits jetzt zu vertrauen und gibt ihm immer wieder 1-on-1-Matchups.

Die Steelers sind damit das erste Mal seit dem Ende der 1970er-Jahre wieder mit 4:0 in die Saison gestartet und scheinen auf dem Papier ein Team zu sein, dass Kansas City und Baltimore in der AFC gefährlich werden kann. Die Defense hat den vielleicht stärksten Pass-Rush der Liga, aber die Offense muss noch konstanter werden, damit die Steelers am Ende wirklich im Konzert der ganz Großen mitspielen können.

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Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.

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