Die Cleveland Browns haben einen starken Start in die Saison hingelegt. Die Cleveland Browns haben einen starken Start in die Saison hingelegt. imago images / Icon SMI

Overtime Week 4 – Sind die Browns for real?

geschrieben/veröffentlicht von/durch  05.10.2020
In „Overtime – der Wochenrückblick“ wirft Touchdown24-Redakteur Daniel Wolf jeden Dienstagmorgen einen etwas anderen Blick auf die Spiele der vergangenen Woche. Heute: Kevin Stefanskis System in Cleveland zieht, die Chargers scheinen ihren Franchise-Quarterback gefunden zu haben und das mögliche Ende der Patricia-Ära in Detroit.


Browns – Contender oder Pretender?

Die Cleveland Browns stehen 3:1. Das alleine muss man sich als langjähriger Betrachter der NFL einmal auf der Zunge zergehen lassen. Nach Jahren des Hypes in der Preseason und der schnellen Enttäuschung nach den ersten Spielen der Saison scheint es so, als seien die Browns in diesem Jahr ernsthaft in Richtung Playoffs unterwegs. Klar, die Saison ist jung und es sind schon viele Teams nach einem guten Start eingebrochen. Doch die Browns machen den Eindruck eines Teams, das über die letzten Jahre gereift ist.

Die Handschrift des neuen Head Coaches Kevin Stefanski, von vielen vor der Saison noch belächelt, ist immer stärker zu sehen. Die Browns setzen auf ein Power-Run-Game hinter einer starken Offensive Line, das am Wochenende gegen die Cowboys für über 300 Yards lief. Der Ausfall von Nick Chubb, der für mindestens die nächsten sechs Wochen auf der Injured-Reserve-List landet, schmerzt zwar, doch Cleveland hat die Tiefe im Backfield, um den Verlust aufzufangen. Damit meine ich nicht nur Kareem Hunt, sondern auch Sophomore D'Ernest Johnson, der mit 13 Carries fast die 100-Yard-Marke knackte.

Ein weiterer Teil von Stefanskis Game Plan jede Woche ist das Play-Action-Game, das sich so langsam zu finden scheint. Odell Beckham Jr., die letzten Jahre nur ein Schatten seiner selbst, zeigte ausgerechnet wieder gegen die Cowboys, was er noch in sich hat. Für einen echten Contender muss Baker Mayfield zwar mindestens noch eine Schippe drauflegen – doch die Playoffs sind für Cleveland längst ein realistisches Ziel. In was für einem Jahr wir doch leben.

 

Herbert-Hype: Haben die Chargers ihren Franchise-QB gefunden?

Zur Zeit, als Justin Herbert auf die Highschool kam, hatte Tom Brady bereits in fünf Super Bowls gespielt und drei davon gewonnen. Nicht einmal Herbert selbst hätte euch geglaubt, wenn ihr ihm damals gesagt hättet, dass er irgendwann in der NFL gegen Brady spielt. Aber an diesem Sonntag ist genau das passiert. Herbert, der 22 Jahre alte Rookie, der nur von Beginn an spielt, weil einer der Chargers-Ärzte Tyrod Taylor eine ungewollte Lungen-Akupunktur verpasste, lieferte sich einen epischen Kampf mit dem besten Quarterback aller Zeiten und war verdammt nah dran, ihn zu schlagen.

Am Ende mussten sich die Chargers zwar knapp geschlagen geben, doch Herbert (20/25, 290 yds., 3 TD, 1 INT) zeigte, dass mit ihm auch in Zukunft zu rechnen sein wird. Er sah überhaupt nicht aus wie der Rookie, den die meisten Draft-Experten als „noch nicht bereit für die NFL“ bezeichneten. Klar, er beging einige typische Rookie-Fehler, doch zeigte auch ein erstaunlich abgeklärtes Verhalten gegen Pressure, ließ sich von einer starken Bucs-Defense nicht aus dem Konzept bringen und attackierte vor allem mit einer Konstanz vertikal, die beeindruckte. Herbert hatte alleine gegen die Bucs zwei Touchdown-Pässe über mehr als 50 Yards – mehr als jeder andere Quarterback in dieser Saison.

Die Chargers haben zwar alle drei Starts von Herbert verloren, doch das lag kaum an Herberts Play. Der ehemalige Oregon-Quarterback sollte meiner Meinung nach der Starter bleiben, auch wenn Taylor wieder fit ist. Er könnte sich für die Chargers auf lange Sicht als echter Glücksgriff herausstellen.

 

Das Ende der Patricia-Ära ist nah

Bereits nach Woche 2 und dem nächsten 0:2-Start in eine Saison musste man Matt Patricia auf dem Hot Seat sehen. Dann gewannen die Lions aber überraschend gegen die Arizona Cardinals, was jedoch mehr an Kyler Murrays Fehlern lag als an einem herausragenden Spiel der Lions. Am Wochenende folgte nun ein Spiel gegen ein stark dezimiertes Saints-Team, das für die Lions mit einem schnellen 14:0 nicht besser hätte starten können. Eigentlich ein idealer Spot für einen Coach wie Patricia, der sein Team vor allem über die Defense aufbauen will.

Was folgte, waren drei Touchdown-Drives der Saints in Folge über 75, 80 und 80 Yards. Gegenwehr der Lions-Defense? Fehlanzeige. Die von Patricia gecoachte Unit konnte einen starken Drew Brees zu keinem Zeitpunkt unter Druck setzen und ließ obendrein noch 160 Rushing-Yards zu. Die Offense spielte gegen eine starke Saints-Defense nicht schlecht, doch sie durfte sich keinen Durchhänger leisten, so sehr lief die Defense hinterher.

Dabei müsste Patricia mit seinem Resümee als Defensiv-Guru dem Team genau diese Identität geben. Die Lions-Owner hatten in der Preseason noch vollmundig die Playoffs gefordert, davon ist Detroit mit einer 1:3-Bilanz aber weit entfernt. Es ist vermutlich nur noch eine Frage der Zeit, bis die Verantwortlichen in der Motor City die Reißleine ziehen und Patricia auf die Straße setzen.

 

Heimlich, still und leise: Colts-Defense dominiert erneut

Die beste Defense in der NFL nach vier Wochen stellen...? Nein, nicht die hochgelobten Ravens. Auch nicht die talentierten Buccanneers. Es sind die Indianapolis Colts! Die Unit von Coordinator Matt Eberflus hielt die Chicago Bears am Wochenende bei 28 Rushing-Yards, 269 Total Yards (von denen 85 beim letzten Drive in der Garbage Time kamen) und erlaubte nur 4 von 14 Third-Down-Conversions. Und das trotz des Ausfalls von Star-Linebacker Darius Leonard, der mit einer Leisten-Verletzung die zweite Halbzeit an der Seitenlinie verbrachte.

Nun muss selbst ich als bekennender Colts-Fan ein wenig auf die Bremse treten – die Vikings, Jets und Bears stellen nicht gerade die Creme-de-la-Creme an NFL-Offenses. Dennoch spielt die junge Unit bereits auf einem erstaunlich hohen Niveau. Cornerback Xavier Rhodes, über die letzten beiden Jahre einer der schlechtesten Passverteidiger der Liga, erlebt gerade seinen zweiten Frühling. Rookie-Safety Julian Blackmon hatte mit drei verteidigten Pässen und einer Interception ein Monster-Spiel gegen Chicago. Und Königstransfer DeForest Buckner lebt bisweilen im gegnerischen Backfield.

Die „richtigen“ Tests für die Colts-Defense stehen aber in den nächsten Wochen an. Die Browns, Gegner in Woche 5, haben den Cowboys fast einen 50-Burger verpasst. Die Bengals und Joe Burrow (Woche 6) kommen immer besser in Fahrt. Und nach der Bye-Week warten unter anderem die Ravens (Woche 9) und Titans (Woche 10). In diesen Spielen wird sich zeigen, aus welchem Holz die Indy-Defense wirklich geschnitzt ist.

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.

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