Die Seattle Seahawks haben offensiv Sand im Getriebe. Die Seattle Seahawks haben offensiv Sand im Getriebe. imago images / Icon SMI

Overtime Week 13 – Ist die Seahawks-Offense entschlüsselt?

geschrieben/veröffentlicht von/durch  07.12.2020
In „Overtime – der Wochenrückblick“ wirft TOUCHDOWN24-Redakteur Daniel Wolf jeden Dienstagmorgen einen etwas anderen Blick auf die Spiele der vergangenen Woche. Heute: Die Offense der Seahawks muss dringend wieder in die Spur finden, die Cardinals benötigen mindestens noch eine Offseason und das Rennen um die Playoff-Plätze in der AFC spitzt sich zu.


Die Seahawks-Offense hat Sand im Getriebe

Die Seattle Seahawks sind als glasklarer Favorit in ihr Spiel gegen die New York Giants gegangen, mussten mit einer 12:17-Niederlage aber womöglich den Upset des Spieltags hinnehmen. Kurz vor den Playoffs scheinen die Hawks ein wenig ins Stolpern zu kommen und das, obwohl sich die gerade in der ersten Saisonhälfte grauenhafte Defense gefangen hat. Gegen die G-Men blitzte Seattle erneut viel, erzeugte Turnover und sorgte so letztlich für zwei der drei Scoring-Drives der Hausherren.

Nein, das Problem war (einmal mehr) die Offense: Ein gutes Konzept der Giants in Kombination mit einem schwachen Tag von Russell Wilson brachte Seattle offensiv in Schwierigkeiten. New York spielte viel mit zwei tiefen Safeties und disguiste seine Coverages davor oftmals geschickt – etwas, was zum Beispiel die Indianapolis Colts auch gerne machen. Hinzu kamen verschiedene Pressure-Pakete und ein starker 4-Men-Rush, angeführt vom überragenden Leonard Williams (2,5 Sacks, 2 Tackles for Loss, 5 QB-Hits).

Der Effekt: Die Big Plays von Seattle fehlten fast komplett – ein Faktor, auf den sich die Seahawks in den letzten Wochen stark verlassen haben. Da auch das Run-Game gegen die starke D-Line der Giants nur bedingt funktionierte, musste Wilson oft den kurzen Checkdown nehmen und für lange Drives gehen. In diesem Fall ist der Spielraum einer Offense für Fehler deutlich geringer und von diesen haben die Seahawks einfach immer noch zu viele drin. Um die Spitzenposition in der NFC West zurückzuholen, muss sich Seattle in den nächsten Wochen etwas einfallen lassen.

 

Die Cardinals brauchen noch eine Offseason

Die Arizona Cardinals sind – diesen Eindruck haben die letzten Wochen verstärkt – ein Team, das noch mindestens eine Offseason braucht, um ganz vorne anzugreifen. Gegen die Rams, so etwas wie der Angstgegner Arizonas, verloren die Cards das siebte Mal in Folge und erneut war es deutlich. Trotz 38 zugelassener Punkte lagen die Probleme aber weniger bei der Defense und mehr bei der Offense. Abgesehen von einem kompletten Coverage-Bust konnte Arizona den Ball in der ersten Halbzeit gar nicht bewegen.

In der zweiten Halbzeit sah es mit mehr Tempo und No-Huddle-Offense zwar ein wenig besser aus, doch erneut konnten die Cardinals Murray zu wenig als Runner ins Spiel einbinden – was vermutlich auch mit seiner Schulterverletzung zu tun hat. Die Cardinals machen den Eindruck eines soliden Teams, das mit ein paar Erfolgen in der Frühphase der Saison vielleicht ein wenig zu sehr gehyped wurde. Diese Offense braucht noch einen verlässlichen Nummer-2-Receiver, Hilfe in der Interior-O-Line und auch Kliff Kingsbury kann in seinen In-Game-Entscheidungen noch besser werden.

Die Rams auf der anderen Seite zeigten einmal mehr, dass sie als Team eine sehr hohe Base-Line haben. Jared Goff spielt alles andere als brillant, doch Sean McVay bringt ihn immer wieder in Situationen, in denen er liefern kann. Die Rams haben außerdem trotz des Abgangs von Defensive-Coordinator-Legende Wade Phillips eine sehr gute Defense mit zwei exzellenten Cornerbacks (Ramsey, Williams) und in Aaron Donald eine Naturgewalt in der D-Line. Das könnte am Ende reichen, um eine sehr wankelhafte NFC West zu gewinnen.

 

Wer macht das Playoff-Rennen in der AFC?

Ich habe es letzte Woche schon geschrieben, für mich sind die Chiefs derzeit der einzige klare Anwärter auf den Super Bowl in der AFC. Dahinter folgen mit einigem Abstand die Steelers, die aber noch einmal eine Stufe über dem Rest der Conference stehen. Dahinter beginnt dann das große Hauen und Stechen. Die Bills, Titans, Browns, Dolphins und Colts haben derzeit alle mindestens 8 Siege – einen klaren Favoriten aus dieser Gruppe zu picken ist schwer, auch wenn die Browns sowohl die Titans als auch die Colts komfortabel geschlagen haben.

Dahinter lauern mit den Raiders (7-5), Ravens (6-5) und den Patriots (6-6) drei weitere Teams, die sich noch Chancen auf die Postseason ausrechnen. Die höchste Base-Line aus dieser Gruppe würde ich den Bills und Browns geben, doch gerade Cleveland hat noch einen anspruchsvollen Rest-Schedule. Von den Titans und Colts wird sich einer die AFC South sichern, der andere darf sich im restlichen Schedule keine Fehler mehr erlauben, hat aber gute Chancen auf einen Wildcard-Spot.

Die Dolphins machen für mich in den letzten Wochen einen wackeligen Eindruck und müssen noch gegen die Chiefs, Bills und Raiders ran. Die Raiders selbst spielen noch gegen die Colts, ein womöglich richtungsweisendes Duell in der nächsten Woche. Die Ravens haben einen leichten Rest-Schedule und könnten die Gruppe von hinten noch überholen, haben aber gerade offensiv viele Fragezeichen. Dahinter lauern die Patriots, ob sie vielleicht doch noch eine Chance haben. Wenn ich Stand heute meine Vorhersage abgeben müsste, würde ich sagen (Seeding, nicht Bilanz!):

 

  1. Chiefs
  2. Steelers
  3. Bills
  4. Titans
  5. Browns
  6. Colts
  7. Raiders


Wer das ganze selbst einmal durchspielen will, kann zum Beispiel den Playoff-Predictor von ESPN nutzen.

 

Tanking for Trevor: Die Jets sind fast am Ziel

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“, sang einst die Kölner Musikgruppe Höhner vor der Handball-WM 2007 und haben sich vermutlich auch die meisten Jets-Fans gedacht, als Gang Green die Raiders bei einer Führung von 4 Punkten spät im Spiel bei 4th Down stoppte. Der erste Saisonsieg der Männer in Grün war zum Greifen nah. Die Raiders bekamen zwar noch einmal den Ball, aber was sollte bei wenigen Sekunden auf der Uhr und dem Ball an der Mittellinie schon falsch gehen? Nun, seht selbst:

Wenn es ein Team gibt, das so eine Führung noch verspielen kann, dann sind es (neben den Falcons) wohl die Jets. Und an alle Tanking-Liebhaber: Ich glaube nicht, dass die Jets den Spielzug abgeschenkt haben, um sicher zu verlieren. Die Coaches in New York kämpfen um ihren Job und ein Sieg gegen einen potenziellen Playoff-Kandidaten in der AFC wäre zumindest mal ein positives Zeichen gewesen. Nein, das Play war einfach einmal mehr ein epischer Kollaps von Defensive Coordinator Gregg Williams, der einen 8-Mann-Blitz mit Man-to-Man-Coverage dahinter schickte, als die Jets eigentlich nur noch das Big Play verhindern mussten. (Update: Die Jets haben Williams in der Nacht von Montag auf Dienstag entlassen.)

Das bedeutete auch, dass Undrafted Rookie Lamar Jackson (nein, nicht DER Lamar Jackson) im Eins-gegen-Eins-Duell gegen Henry Ruggs stand – seines Zeichens einer der schnellsten Receiver der Liga. Das Ergebnis: Ein 46-Yard-Touchdown-Pass und ein unwahrscheinlicher Sieg für die Raiders, der sie weiterhin im Rennen um die Postseason hält. Die Jets dagegen sind weiterhin auf der Überholspur in Richtung Nummer-1-Pick im Draft und damit in Richtung Trevor Lawrence. Denn sind wir mal ehrlich: Wenn die Jets dieses Spiel nicht gewinnen, welches dann?

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.

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