Kyler Murray lieferte gemeinsam mit DeAndre Hopkins das Play des Jahres. Kyler Murray lieferte gemeinsam mit DeAndre Hopkins das Play des Jahres. imago images / Icon SMI

Overtime Week 10 – Hail Murray, das Play des Jahres

geschrieben/veröffentlicht von/durch  17.11.2020
In „Overtime – der Wochenrückblick“ wirft Touchdown24-Redakteur Daniel Wolf jeden Dienstagmorgen einen etwas anderen Blick auf die Spiele der vergangenen Woche. Heute: Die Cardinals gewinnen das Spiel der Saison dank einer Hail Mary, Wideout ist nach wie vor die wichtigste Positionsgruppe nach Quarterback und die Probleme von Russell Wilson und der Seahawks-Offense.


Hail Murray! Das spektakulärste Play der Saison

Es war am Ende des Tages nur passend, dass eines der Spiele des Jahres auch das Play des Jahres lieferte. Nur wenige Sekunden, nachdem Josh Allen seine Bills mit einem brillanten Touchdown-Pass auf Stefon Diggs anscheinend auf die Siegerstraße gebracht hatte, lieferte Kyler Murray unbestritten das spektakulärste Play der bisherigen Spielzeit. Mit nur noch wenigen Sekunden auf der Uhr und einem Rückstand von 4 Punkten rollte sich Murray seitlich aus der Pocket heraus und hievte den Ball über das halbe Spielfeld in Richtung DeAndre Hopkins in der Endzone, der den Ball zwischen drei Bills-Verteidigern aus der Luft pflückte.

Es war ein irres Play, das so manchen Cardinals-Fan wohl an die Hail Mary von Aaron Rodgers zu Jeff Janis in den Playoffs vor einigen Jahren erinnerte. Die „Hail Murray“, wie der Spielzug schon jetzt in die Geschichte einging, war vielleicht noch beeindruckender, da außer Hopkins gar kein anderer Receiver in der Gegend war. Was das wahnsinnige Ende dieser Partie aber ein wenig übertünchte, war, dass beide Teams in den 59 Minuten und 45 Sekunden zuvor viele der Fehler gezeigt hatten, die sich schon durch die ganze Saison ziehen.

Arizona startete einmal mehr verhalten in die Partie und konnte abermals nur Field Goals in der Redzone erzielen. Bei den Bills spielte Allen reihenweise mit dem Feuer, am Ende des Tages hätten gut und gerne auch mehr als die letztlich 2 Interceptions im Box-Score stehen können. Was sagt uns diese Partie? Beide Teams bleiben voll auf Kurs Playoffs, doch ich komme nicht darum herum zu sagen, dass die Cardinals vermutlich das höhere Ceiling haben. Um dieses aber auch abzurufen, muss Murray im Down-für-Down-Play noch konstanter werden – ein wandelndes Highlight-Reel ist der 23-Jährige sowieso schon lange.

 

Wide Receiver ist die wertvollste Position – nach Quarterback

Wenn das Spiel der Patriots gegen die Ravens am Sonntagabend eins zeigte, dann, dass Teams nicht zu viele gute Spieler auf einer wichtigen Position haben können. Sowohl Lamar Jackson als auch Cam Newton vermissen bereits das ganze Jahr einen klaren Nummer-1-Receiver, der die Offense tragen kann. Oder um es anders auszudrücken: Wenn die Ravens bei 3rd and 8 in Pass-Mode gehen – zu wem soll Jackson den Ball passen? Das soll keinesfalls eine Kritik an den Ravens sein, auch wenn die Auswahl von Linebacker Patrick Queen über einen talentierten Wideout wie Tee Higgins oder Michael Pittman im Draft im Nachhinein nicht gut aussieht.

Es zeigt vielmehr eine Sache auf, die zum Beispiel Pro Football Focus bereits seit Jahren predigt: Ein Team kann nicht zu viele gute Receiver haben. Die Bucs waren an diesem Wochenende vielleicht das beste Beispiel für diese These, als sie die Panthers mit ihrer Fülle an Waffen auseinander nahmen. Sowohl Chris Godwin als auch Mike Evans und Antonio Brown fingen mindestens 6 Bälle für 69 Yards und die Offense der Piraten sah einmal mehr unaufhaltsam aus. Aber auch die Bills, Seahawks und Cardinals stellen allesamt elektrisierende Pass-Offenses mit mehr als einem starken Receiver.

Das ist auch der Grund dafür, weswegen ich in unserer vorletzten Magazin-Ausgabe so kritisch über den Draft der Packers geschrieben habe – die Packers-Offense hätte mit einem zweiten, erstklassigen Wideout wie Davante Adams das Potenzial, die beste der Liga zu sein. Selbst mit Marques Valdes-Scantling, Allen Lazard und Co. ist sie ja bereits eine der besten. Ein gutes Wideout-Corps ist nach dem Quarterback-Play noch immer das wichtigste Kriterium für eine langfristig erfolgreiche Offense – diese Erkenntnis müssen noch mehr Teams haben.

 

Vom MVP zu Durchschnitt? Die Probleme von Russell Wilson

„Was ist denn nur los mit Russell Wilson?“, werden sich viele NFL-Fans nach einer erneut durchschnittlichen Leistung des einstigen MVP-Frontrunners gegen die LA Rams gefragt haben. Nach einem brandheißen Start in die Saison ist Wilson seit dem Spiel gegen die Cardinals vor wenigen Wochen ziemlich abgekühlt und hat nun in drei der letzten vier Spiele drei Turnover auf seinem Konto. 13 Turnover über die ersten zehn Spiele der Saison sind ebenfalls ein Karriere-Höchstwert für den 31-Jährigen.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass Wilson in dieser Saison deutlich mehr Verantwortung übernimmt und zahlreiche Big Plays auflegt und das ist auch richtig – doch es ist nicht die Quantität der Turnover, die mich besorgt, sondern die „Qualität“. Gegen die Rams beispielsweise warf Wilson eine komplett unnötige Interception quer über das Feld, als er mit den Beinen beinahe schon das First Down geholt hatte. Defenses blitzen in den letzten Wochen mehr gegen Seattle und das scheint Wilson mehr und mehr zuzusetzen.

Den roten Panik-Button müssen wir in Seattle zwar noch nicht drücken – die Offense kann mit Playmakern wie D.K. Metcalf und Tyler Lockett noch immer explosiv sein. Doch Wilson scheint in den letzten Wochen oft zu viel zu wollen, anstatt die „sicheren“ Yards underneath zu nehmen. Er muss schnell wieder in einen Rhythmus wie zu Saisonbeginn finden. Ansonsten kann ich mir vorstellen, dass Pete Carroll mit der baldigen Rückkehr von Chris Carson wieder mehr auf das Rungame setzt. Gerade, da sich die Defense gegen die Rams zumindest ein bisschen stabilisiert hat.

 

Tua-Hype! Nur ein kurzer Aufschwung – oder doch mehr?

Wenn wir heute nach der größten, positiven Überraschung der Saison fragen würden, die Antwort vieler würde wohl auf die Steelers, die Bills oder vielleicht die Cardinals fallen. Noch beeindruckender finde ich aber, was Brian Flores in den letzten anderthalb Jahren in Miami auf die Beine gestellt hat. Das Team hat defensiv eine klar erkennbare Handschrift und steigert sich von Spiel zu Spiel, was zu einer aktuellen Bilanz von 6:3 geführt hat.

Miami bekommt fast jede Woche Big Plays von der eigenen Defense oder den Special Teams – das zieht sich wie eine Konstante durch die aktuelle Siegesserie, die derzeit bei fünf Erfolgen steht. Die Offense um Rookie Tua Tagovailoa musste das Team bis dato gar nicht tragen, wie es Ryan Fitzpatrick lange machte. Und das ist auch gut so, denn noch habe ich nicht den Eindruck, dass die Dolphins offensiv ein Team sind, das konstant scoren kann.

Miami ist nach wie vor ein Team im Umbruch und Tua hat gerade erst die Zügel der Franchise in die Hand bekommen. Trotzdem ist das Team derzeit voll im Playoff-Rennen drin und kann dank eines ausstehenden Duells mit Buffalo sogar noch die Division aus eigener Kraft gewinnen. Ich denke aber, dass die Offense noch nicht weit genug ist und Miami auf der Schlussgerade Siege liegen lassen wird. Dennoch: Eine Wildcard ist drin – und das in einem Jahr, in dem Miami noch gar nicht zu den Contendern zählen sollte. Die Zukunft ist rosig in Florida!

Und noch einer "for the road":

 

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.

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