Tom Brady durfte am Sonntag seine siebte Super-Bowl-Trophäe in die Luft recken. Tom Brady durfte am Sonntag seine siebte Super-Bowl-Trophäe in die Luft recken. IMAGO / ZUMA Wire

Overtime – Brady hat die Bucs zu Champions gemacht

geschrieben/veröffentlicht von/durch  09.02.2021
Tom Brady hat die Tampa Bay Buccanneers zum heiligen Gral geführt – erstmals seit fast 20 Jahren sind die Piraten wieder an der Spitze der Football-Welt. In Super Bowl LV dominierte „Tompa Bay“ die favorisierten Kansas City Chiefs nach Belieben. Es war bereits Bradys siebter Ring, mehr als die Franchises der Pittsburgh Steelers oder New England Patriots. Der Erfolg ist keinesfalls ein Produkt seiner guten Umstände in Florida, ganz im Gegenteil: Brady hat ein notorisches Verlierer-Team in nur einem Jahr zur besten Franchise der NFL transformiert.


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Als sich im Frühjahr des vergangenen Jahres die Anzeichen verdichteten, dass es Brady nach knapp zwei Jahrzehnten in New England tatsächlich nach Florida verschlagen würde, waren die Bedenken nicht nur bei mir groß. Ein Quarterback im stolzen Alter von 43 Jahren, der noch einmal ein ganz neues System lernen sollte – in einem System, in dem sich Quarterbacks in ihrem ersten Jahr traditionell schwertun. Man sehe sich nur mal die 30 Interceptions von Jameis Winston in seinem ersten Jahr unter Arians an. Und all das in einem Jahr, in dem an geregelte Trainingseinheiten aufgrund der Corona-Pandemie kaum zu denken war.

Brady hat kein fertiges Team übernommen

Die Bucs hatten soeben erst die letzte Saison mit einer Bilanz von 7:9 Siegen beendet, die letzte Playoff-Teilnahme lag bereits ganze 12 Jahre zurück. Ja, Tampa Bay hatte mit Mike Evans und Chris Godwin zwei gute Receiver, aber die Defense bestand vor allem aus jungem Talent – ein Sprung nach vorne war möglich, aber bei weitem keine Selbstverständlichkeit. Und dann wäre da noch eine Division mit dem vielleicht ausgeglichensten Kader der Liga in den New Orleans Saints und einem ehemaligen MVP-Quarterback in Matt Ryan. Andere Kaliber als die, die Brady jahrelang in der AFC East dominierte.

Kurzum: Es ist nicht gerade so, als wäre Brady einfach in eine perfekte Situation hereinspaziert und hätte die Früchte der Arbeit anderer geerntet. Ganz im Gegenteil: Es war Brady selbst, der mit seiner Ankunft das Sieger-Gen in den Räumen und Trainingsstätten der Bucs verbreitete. Es war Brady, der Rob Gronkowski davon überzeugte, das mit der Wrestling-Karriere sein zu lassen und lieber nochmal die Football-Schuhe zu schnüren. Es war Brady, der „Bad Boy“ Antonio Brown in sein Team lockte und es war Brady, weswegen in Leonard Fournette ein ehemaliger Top5-Draft-Pick seinen Weg nach Florida fand. Alle drei Spieler erzielten im Super Bowl am Sonntag mindestens einen Touchdown für die Bucs.

Gibt es einen Domino-Effekt?

 Der Impact, den der beste Quarterback aller Zeiten auf sein Team hatte, kann gar nicht stark genug betont werden. Er geht über reine Personal-Entscheidungen hinaus bis hin zum absoluten Selbstverständnis, das der jetzt fünfmalige Super-Bowl-MVP in den Playoffs ausstrahlt. Oder um es anders auszudrücken: Wer würde nicht gerne für einen Mann spielen, der niemandem mehr etwas beweisen muss, aber trotzdem mit so einem Gesichtsausdruck für seinen zehnten Super Bowl aufs Spielfeld kommt?

Es wird interessant zu sehen sein, wie sich der Quarterback-Markt angesichts des Erfolgs Bradys in Tampa Bay anpassen wird. Erste Domino-Effekte haben wir bereits gesehen: Die Los Angeles Rams setzten alles auf eine Karte und tradeten für Matthew Stafford. Mit Deshaun Watson und möglicherweise auch Dak Prescott sind noch weitere Kandidaten auf dem Markt, bei denen Teams überzeugt sein könnten, dass sich die Kultur der Franchise sofort ändern könnten.

Brady hat eine neue Kultur nach Tampa gebracht

 Denn nicht anderes hat Brady in Tampa Bay erreicht. Er hat ein notorisches Verlierer-Team zum Champion gemacht. Das sieht auch Bears-Coach Matt Nagy so: „Brady ändert deine Kultur, er ist ein Multiplikator. Wenn du so einen Typen in dein Team holst, gibt es eine Menge Spieler, die für wenig Geld für dich spielen wollen. Und es gibt eine Menge Persönlichkeiten, die woanders Probleme hatten, sich aber unter Kontrolle haben, weil er [Brady] ist, wer er ist.“

Und eines darf nicht vergessen werden: Auch wenn die Bucs über den Saisonverlauf ihre Holperer und Stolperer hatten, war Bradys Präsenz nicht nur spirituell. Er brachte fast 66 Prozent seiner Pässe an den Mann, warf für 4.633 Yards und 40 Touchdowns. Er hatte das sechsthöchste Passer-Rating seiner Karriere (102.2) und schmetterte alle Zweifel in den Wind, wonach er nicht mehr tief werfen könne. Brady ist wie eine Ein-Mann-Dynastie, die sich Franchises in ihr Team holen.

Natürlich war Brady nicht der einzige Faktor, warum die Bucs am Sonntagabend die Vince Lombardi Trophy in die Höhe stemmen durften. Aber ich wage zu sagen, dass es keinen anderen Quarterback gibt, der in Tampa das erreicht hätte, was Brady geschafft hat. Deswegen ist er eben der GOAT: Der Größte aller Zeiten. Die Diskussion sollte spätestens seit Sonntag für die absehbare Zukunft beendet sein.

Daniel Wolf

Daniel Wolf hat Sportjournalismus an der Hochschule Ansbach studiert und dort seine Leidenschaft für das „richtige“ Football entdeckt. Ist seit Andrew Lucks Mega-Playoff-Comeback gegen die Kansas City Chiefs lautstarker Supporter der Indianapolis Colts. Schreibt seit 2018 für TOUCHDOWN24, hauptsächlich im Bereich NFL. Stolzer Vize-Meister der TOUCHDOWN24-Fantasy-Liga.

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