Gardner Minshew erobert die NFL nicht nur mit seinem Talent, auch sein Lächeln ist ansteckend. Gardner Minshew erobert die NFL nicht nur mit seinem Talent, auch sein Lächeln ist ansteckend. Imago Images / Icon Sportswire / David Rosenblum

Jacksonville Jaguars: Minshew Mania lebt

geschrieben/veröffentlicht von/durch  23.09.2020
Irgendwie hat Gardner Minshew keiner Bescheid gesagt, dass die aktuelle NFL-Saison der Jacksonville Jaguars so gar nicht laufen soll. Nach dem Ausverkauf in der Offseason waren sich eigentlich alle einig, dass man die Spielzeit in Florida abschenkt und nächstes Jahr mit dem kommenden Top-Pick Trevor Lawrence wieder neu durchstartet. Ihr aktueller Quarterback hat aber anscheinend ganz andere Pläne.

Gardner Minshew führte die Jaguars bereits am ersten Spieltag zu einem überraschenden Sieg gegen die Indianapolis Colts und auch in Week 2 mussten die Tennessee Titans gegen Jacksonville lange schwitzen. Minshew ist dabei der unangefochtene Dompteur des jungen Raubkatzen-Rudels, das in diesen Tagen viel mehr einem kleinen gallischen Football-Dorf gleicht, welches sich frech dem von der mächtigen NFL auferlegten Loser-Label widersetzt. Für ihren Asterix auf der Quarterback-Position ist diese kleine sportliche Rebellion alles andere als neu.

Schon sein ganzes Leben kämpft Gardner Minshew gegen Vorurteile. Er tut es auf eine Art und Weise, die nicht nur für Teamkollegen ansteckend ist, sondern eigentlich jedem, den er trifft, ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Begonnen hat alles in Brandon, Mississippi, mitten im Herzen von Amerikas stolzem Süden, wo wunderschöne Magnolien blühen und Moonshine zur Geschichte gehört. Land und Leute vererben Gardner Minshew nicht nur seinen kräftigen Akzent, sie legen ihm auch eine große Liebe für American Football mit in die Wiege. Hier, wo der Sport mit dem Pigskin einer wahren Religion gleichkommt und Kinder im Trikot für ein paar Jahre zu gefeierten Helden werden können.

Ein Football-Held an der High School

An Minshew ist zunächst allerdings wenig heldenhaft, er beginnt seine Karriere auf der unbequemen Ersatzbank. Doch als sich der angestammte Quarterback in seinem Sophomore-Jahr verletzt, schlägt seine große Stunde. Tausende Yards, unzählige Rekorde sowie eine State Championship später wissen viele, wer Gardner Minshew ist. Den großen Football-Colleges des Südens, den Alabamas, den LSUs oder der nahen Ole Miss, reicht das, was sie sehen, aber nicht. Zu klein, nicht kräftig genug, keinen starken Arm, so lauteten die vernichtenden Urteile, die vor Minshew schon so vielen High-School-Helden ihren Traum von der NFL ausredeten.

Für Gardner sind sie nur weitere Motivation, denn sein Selbstvertrauen lässt er sich von niemand erschüttern. Wie auch, lebt er sein Footballer-Leben doch schon früh nach dem altenglischen Heldengedicht "Beowulf", einem berühmten Epos, nach dem ihn sein Großvater sogar gerne benannt hätte. Zwar wird es mit dem Namen nichts, dennoch zieht Minshew viel Inspiration aus den Abenteuern und wendet sie unter anderem als Coach beim Pee Wee Football an. Von den NCAA-Absagen unbeeindruckt, entscheidet er sich für ein akademisches Stipendium an der Troy University und sagt seinem Vater zum Abschied: "Dad, kümmere dich hier um alles, du bist jetzt der Mann im Haus!“

Air Raid Action unter Mike Leach

Ein halbes Jahr später beginnt für Minshew eine aufregende Football-Odyssee, immer mit dem Traum von der NFL im Hinterkopf. Nach Zwischenstationen am Northwest Mississippi Community College und in East Carolina holt ihn Mike Leach für sein letztes College-Jahr nach Washington State. Minshew zieht es in den äußersten Nordwesten der USA, obwohl nun auch die ruhmreiche SEC, seine Heimat-Conference, nach starken Leistungen auf ihn aufmerksam geworden ist. Aber der charismatische Leach weiß ganz genau, wie er den Jungen aus den Südstaaten überzeugen kann. Sein Recruiting Pitch lautet: "Willst du bei Alabama auf der Bank sitzen oder lieber bei mir der beste Passgeber der gesamten Nation werden." Easy choice, lacht Minshew noch heute.

Und tatsächlich, der vermeintlich etwas klein geratene Junge aus den Südstaaten bricht in Leachs berühmter Air-Raid-Offense etliche Passrekorde, gewinnt den Johnny Unitas Golden Arm Award als bester Senior-Quarterback und wird Fünfter im Rennen um die Heisman Trophy. Ebenfalls hoch im Kurs ist er bei den Studenten, Einwohnern und Barbesitzern von Pullman, einem kleinen College-Städtchen nicht ganz unähnlich zu Brandon. Minshew ist nicht nur bis in die letzte Haarspitze seiner wehenden Mähne bodenständig und ein echter Kumpel-Typ, er weiß auch, wie man Spaß hat. Spät Abends flaniert er regelmäßig durch die feiernde Studentenszene, mit dickem Schnauzbart, Haarband, lässiger Fliegerbrille und einer Flasche Crown Royal in seinen ausgefransten Jeans-Shorts. Laut eigener Aussage hätten sie in seinem Jahr an der WSU zwar zwei Spiele verloren, dafür aber keine einzige Party. Auf jeden Fall hatte er nach Brandon einen weiteren Ort für sich gewonnen, einen Ort, der ihn auf Lebzeiten und darüber hinaus verehren wird.

Mit Schnauzbart in Richtung NFL

Die Tatsache, dass er in der Folgezeit ein NFL-Quarterback werden soll, ist für viele in Pullman oder Brandon eher nebensächlich. Natürlich nicht für Gardner Minshew, denn für ihn bedeutet es die Erfüllung seines großen Traumes. Die Jacksonville Jaguars ziehen in 2019 in der sechsten Runde des NFL Draft, ein klassischer Spot für einen smarten Backup-Quarterback, der aber nicht wirklich große Chancen auf einen Stammplatz hat, solange er nicht gerade Tom Brady heißt. So kauft sich Minshew auch erst nach Ende der Preseason eine Bleibe in Jacksonville, denn er war selbst nicht mal wirklich sicher, ob er es überhaupt in den Kader schafft. Das Dach über dem Kopf soll sich schnell zur guten Investition entwickeln.

Der eigentliche Starter Nick Foles verletzt sich schon im ersten Saisonspiel der 2019er NFL Saison und schon hat Minshew den Ball in den Händen. Es ist alles, wie an der High School. Zwar wechselt Nick Foles nicht gleich die Position, wie Minshews alter Schulkollege, doch in der neuen Rolle blüht der charismatische und selbstbewusste Rookie wie damals sofort auf. Die Fans schließen ihn ins Herz, denn tief im Inneren ist er einer von ihnen, jemand, mit dem sie sich wirklich identifizieren können. Am Ende des Jahres, in welchem er sich noch einmal mit Foles abwechselt, stehen für ihn 21 Touchdowns nur sechs Interceptions gegenüber und er bricht etliche Jaguars-Rookie-Rekorde. Zwar verliert er ein paar zu viele Fumbles und leistet sich den ein oder anderen unglücklichen Fehler, aber die gesamte NFL ist sich einig: Dieser Junge kann mehr, als man gedacht hätte.

Ein NFL-Star auf Wohnmobil-Tour

Wer glaubt, dass Gardner Minshew dieser Erfolg zu Kopf steigt, der sieht sich schief gewickelt und kennt ihn wohl auch schlecht. Nach der Saison schnappt er sich ein Wohnmobil und geht auf einen Road Trip von Jacksonville nach Los Angeles und wieder zurück. Unterwegs trainiert er unter den "Friday Night Lights" in Permian, Texas, dem Schauplatz des vielleicht besten Football-Buches, was jemals geschrieben wurde, fliegt ein F-16-Kampfjet der Air Force Thunderbirds und macht das Nachtleben von Las Vegas unsicher. Nach 17 Tagen und 7500 Meilen gibt er sein lieb gewonnenes Vehikel schweren Herzens wieder an seinen Eigentümer zurück. Es ist Zeit für das Training, für die Vorbereitung auf die neue Saison. Minshew will Starter werden und mehr. Er sagt: "Ich weiß, was ich kann und ich glaube, dass ich einer der großen Quarterbacks in der NFL sein werde. Wir werden hier etwas Großartiges auf die Beine stellen."

Oder vielleicht auch nicht? Während Minshew damit beschäftigt ist, seinen seit 2017 in Plastikfolie aufbewahrten ersten Mustache für gute Zwecke zu versteigern, zieht sein Team nämlich die Reißleine. Die Jaguars, vor ein paar Jahren noch im AFC Championship Game, traden reihenweise namhafte Profis für Draft Picks und läuten mehr oder weniger zum Ausverkauf. Auch Nick Foles wird nach Chicago geschickt und damit ist Gardner Minshew der unangefochtene Starter. Zumindest für eine Saison, denn im nächsten Draft wartet ja der große Preis auf Jacksonville, zumindest laut einhelliger Meinung in NFL-Kreisen. Trevor Lawrence von den Clemson Tigers gilt als Jahrhundert-Talent, als jemand, für den man schon mal ein Jahr in der besten Football Liga der Welt aufgibt, um anschließend über Jahre einem Franchise-Quarterback in Richtung Super Bowl zu folgen.

Dieser auf dem Papier so schön klingende Plan löst sich aber in diesen Tagen in Wohlgefallen auf, denn die Jaguars sehen nicht wie ein Team aus, das schlecht genug für den ersten Pick im 2021er NFL Draft sein wird. Ganz im Gegenteil. Und dafür können sie sich bei keinem Geringeren bedanken als bei Gardner Minshew. Er bringt nach zwei Spielen über 75 Prozent seiner Pässe an den Mann und leistete sich bei sechs Touchdowns nur zwei Interceptions. Seine Mitspieler hängen sich für ihn voll rein und das obwohl seine Stimme bei den Audibles an der Line Of Scrimmage klingt, als ob er direkt aus der nähesten Bar zum Spiel gekommen ist. Vielleicht aber auch gerade deswegen. Am Ende zählt lediglich, dass er einen jungen NFL Kader auf seine Schultern lädt, dem gesamten Team Selbstvertrauen gibt und sie genau so führt, wie man es sich von einem Franchise-Quarterback erwartet. Er ist das unangefochtene, positive Herzstück der Jaguars und bisher schlägt dieses Herz mehr als kräftig in dieser Saison.

Wie lange das noch so sein wird, steht natürlich in den Sternen. Aber abgesehen von vielen anderen Dingen kann man vor allem eines aus Gardner Minshews Biografie lernen. Und zwar, dass man mit ihm immer rechnen sollte...

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