Roger Goodell und der NFL stehen aufregende Zeiten auch abseits des Feldes bevor. Roger Goodell und der NFL stehen aufregende Zeiten auch abseits des Feldes bevor. Imago Images / UPI Photo / Kevin Dietsch

NFL: Das gefährliche Spiel mit dem Social-Justice-Feuer

geschrieben/veröffentlicht von/durch  10.09.2020
"Social Justice", zu Deutsch "soziale Gerechtigkeit", ist etwas Gutes, nicht wahr? Sozial klingt jedenfalls erst einmal nicht verkehrt, Gerechtigkeit schon gar nicht. Jedem, der sich besagte Fairness auf die Fahnen schreibt, gehört also eigentlich auf die Schulter geklopft. Ganz so simpel stellt sich die Rechnung in der Realität dann doch nicht dar, was die NFL wohl in den kommenden Wochen schmerzlich feststellen wird!

Die Liga plant ab dem ersten Spieltag, welcher heute mit dem Duell der Kansas City Chiefs und der Houston Texans beginnt, die Schriftzüge "End Racism" und "It Takes All Of Us" in die Endzonen zu sprühen. So weit, so gut und so unterstützenswert, da ist sich der allergrößte Teil der Menschheit mit Sicherheit einig. Die Bemühungen der Liga gehen allerdings nebst Spenden an gemeinnützige Organisationen noch weiter.

Spieler dürfen nicht nur von der NFL zugelassene Botschaften auf ihren Warmup-Shirts präsentieren, sondern können auch die Namen von "Opfern polizeilicher Gewalt und systematischem Rassismus" als Sticker auf ihren Helmen beziehungsweise im Falle der Coaches auf ihren Caps sowie Shirts tragen. Zusätzlich soll am ersten Spieltag das inoffiziell als „Black National Anthem“ gesehene Lied "Lift Every Voice And Sing" vor der amerikanischen Nationalhymne "The Star Spangled Banner" gesungen werden.

Der NFL und den USA droht erneut eine Debatte wie 2016

Die Frage von einigen Teilen der Black Community, warum dies nur am ersten Spieltag passiert, könnte hierbei noch eine der milderen Reaktionen sein, die der NFL im schlimmsten Fall ins Haus stehen. Man stelle sich nämlich einmal vor, dass viele Spieler zu ersterem Lied stehen und sich dann aber, wie an etlichen Stellen bereits angekündigt, für den Vortrag der offiziellen Hymne hinknien. Was jeder einzelne in der Flagge der Vereinigten Staaten sieht oder eben auch nicht sieht, ist ja bekanntlich individuell und von Mensch zu Mensch unterschiedlich, so traurig diese Realität in gewissen Fällen auch sein mag.

Weite Teile Amerikas erachten sich allerdings als sehr patriotisch, das weiß man nicht erst seit der Causa Kaepernick aus dem Jahr 2016, und sie verbinden ganz bestimmte Werte mit ihrer Flagge. Werte, welche in ihren Augen jeder Amerikaner in ihr sehen und ehren sollte. Werte, die viele andere wiederum auf den Straßen ihres Heimatlandes und in dessen Institutionen vermissen. Bedenkt man die Emotionen, welche von unterschiedlichsten Seiten in diese Frage nach einem potenziellen Kniefall hineingebracht werden, dann droht der NFL und den USA wohl erneut ein grausamer verbaler Grabenkampf, in dem viele Worte fallen werden, die nichts anderes hervorrufen als Schmerz und Entzweiung.

Aus Politik und gesellschaftlichen Themen hielt sich die NFL immer heraus

Es ist eine potenzielle Entwicklung, vor welcher die NFL immer Angst hatte und welche sie stets mit dem Verbot von politischen, religiösen oder gesellschaftlichen Statements im Rahmen des Spieltages zu unterbinden versuchte. Denken wir zurück an den Juli 2016, als fünf Polizisten des Dallas Police Departments bei einer Black-Lives-Matter-Demonstration von einem Attentäter getötet wurden. Damals wollten die Dallas Cowboys Helmet-Sticker mit den Worten "Arm in Arm" in Gedenken an die Opfer während der Saison tragen. Die NFL lehnte ab, wie auch bei vielen anderen Anfragen dieser Art. Schließlich könne man nicht jedem guten Zweck gerecht werden. Manche würden ja eventuell sogar von der NFL eine klare Position erfordern. Eine Position, welche sie tunlichst nicht beziehen will, zumindest solange sie es sich erlauben kann.

Wie politisch darf eine Liga wie die NFL sein?

Derartige politische Stellungnahmen spalten nämlich manchmal nicht nur die amerikanische Nation, sondern eben auch die potenzielle Zuschauerschaft und damit den wichtigsten Baustein im Milliardenkonstrukt der National Football League. Im Gegensatz zu der immer und überall angebrachten Verurteilung von Rassismus sind auch etliche Kernthemen der aktuellen Debatte mehr als kontrovers. Man denke an den amerikanischen Präsidenten, den vor knapp vier Jahren fast 63 Millionen Landsleute zu ihrem Staatsoberhaupt machten. Man denke an die Black Lives Matter Bewegung, die sich klar auf einer Seite des politischen Spektrums positioniert hat. Man denke an die andauernden Proteste in amerikanischen Großstädten, an den wahren Grad von Stokely Carmichaels geprägtem Begriff "institutional racism" oder die Rolle der amerikanischen Polizei. Es sind die Themen einer Welt, die meist nun mal nicht einfach in Gut und Böse einzuteilen ist. Und der Zeitpunkt, an dem die NFL von der Seitenlinie diese oftmals festgefahrenen Debatten betrachten konnte, ist mit der Politisierung ihres Sports nun vorbei.

Die NBA könnte ein mahnendes Beispiel für die NFL sein

Wie negativ sich eben jene auswirken kann, zeigt das aktuelle Beispiel der miserablen TV-Quoten in der Basketball-Profiliga NBA. 39 Prozent der Fans schauen bereits weniger Spiele, weil ihnen der Sport zu politisch geworden ist und ein Ende dieser Entwicklung ist zunächst einmal nicht in Sicht. Die meisten Menschen suchen im Sport ein Entkommen aus ihrem zumeist stressigen und ernsten Alltag. Sie wollen nicht von oftmals spärlich informierten und millionenschweren Athleten hören, ob, wen oder was sie zu wählen und was sie zu glauben haben. Dies bekommen sie schließlich 24/7 auf CNN, Fox News oder anderen Kanälen serviert, welche ihnen die vermeintlich einzig wahre Wahrheit präsentieren.

Letztendlich muss man aber festhalten, dass die NFL gar keine Alternative zu dem derzeitigen Kurs hat, welcher in vielen einzelnen Projekten natürlich auch zu guten, oft lokalen Initiativen führt. Ihre Spieler und der Zeitgeist erlaubten keine Enthaltung. Mit der Öffnung zur gesellschaftlichen Debatte macht sich die Liga nun tagtäglich angreifbar, für Menschen, denen ihre Schritte nicht weit genug gehen, und für andere, denen alles zu weit geht. Auch die Frage nach der Aufrichtigkeit der NFL oder Roger Goodells wird sich in gewissen Kreisen stellen, womit die Wahrung des eigenen Gesichts auf eine harte Probe gestellt werden wird. Auf eine zukunftsträchtige Probe, welche die Liga auf Jahre hinaus prägen könnte.

Und das alles, obwohl der Begriff "social justice" doch eigentlich so gut klingt..

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