Die NFL, normalerweise ein glitzerndes Spektakel für Millionen, steuert auf unruhige Zeiten zu. Die NFL, normalerweise ein glitzerndes Spektakel für Millionen, steuert auf unruhige Zeiten zu. Imago Images / Rich Graessle / Icon Sportswire

NFL: Darum könnte der Liga eine Chaos-Saison drohen

geschrieben/veröffentlicht von/durch  21.07.2020
In Irving Berlins legendärer Hymne "God Bless America" heißt es "Stand beside her, and guide her, through the night with the light from above". Nicht nur die amerikanische Nation hofft in diesen Tagen auf eben jenes leitende Licht von oben, auch die National Football League, eines ihrer liebsten Kinder, sehnt sich nach einer helfenden Hand. Sie steuert nämlich gerade ungebremst auf eine Saison voller nie dagewesener Turbulenzen zu.

Dass die NFL wie so viele in Zeiten der globalen Corona-Pandemie ratlos und unsicher in eine dunkle Zukunft blickt, das beweisen nicht zuletzt die vergangenen Tage. Die Spielergewerkschaft NFLPA und die Liga konnten sich lange nicht auf finale Richtlinien, Verhaltensregeln sowie Zeitpläne einigen und bestehende Absprachen ließen zunächst viel zu viele Fragen offen.

Die Gesichter der Liga von Patrick Mahomes bis Russell Wilson, ihre berühmten Helden, sie alle vereinten sich am Sonntag unter dem Hashtag "#WeWantToPlay" und forderten von der NFL endlich die Aufstellung eines sicheren und sattelfesten Hygienekonzeptes. Andernfalls würden mehrere Spieler einen Streik in Betracht ziehen.

Die NFL inmitten einer gespaltenen Nation

Zwar konnten sich die beiden Seiten einen Tag nach dem Aufruhr auf ein Konzept einigen, welches tägliche Tests auf Covid-19 vorsieht, doch dieses wird zweifelsohne in einem Land mit immer noch extrem hohen Fallzahlen auf eine extreme Belastungsprobe gestellt werden. Doch auch jenseits der Pandemie fährt die NFL in diesen Tagen nicht in ruhigem Fahrwasser. Soziale Unruhen, politische Grabenkämpfe sowie die Schieflage einer gespaltenen Gesellschaft finden im Umfeld der Liga und den Stimmen der Spieler ebenfalls Widerhall.

Bei der Mobilisierung gegen rassistische Polizeigewalt nach dem gewaltsamen Tod George Floyds unterstützten viele Spieler eine gute Sache und nutzten ihre Bekanntheit, um tiefgreifendem Unrecht und gesellschaftlichen Problemen vehement entgegenzutreten. Diese Debatte mündete allerdings schnell in einer reißenden Eigendynamik, im Schatten welcher sich besorgniserregende Abgründe im Umfeld der NFL auftaten – ähnlich denen im alltäglichen Leben.

Politische Äußerungen aus Reihen der Spieler bergen Zündstoff

Ein antisemitischer Tweet von Eagles-Receiver DeSean Jackson und die anschließende Relativierung der damit verbundenen Kritik durch Malcolm Jenkins von den Saints könnten nur der Anfang eines gefährlichen Strudels der Radikalität sein. Auf der Bühne einer durch jahrelange Identitätspolitik und soziales Lagerdenken gespaltenen Öffentlichkeit bietet das derzeitige Klima, in dem sich NFL-Spieler äußern, eine gehörige Portion Zündstoff, die weit über die Grenzen des Feldes hinausgeht.

Bestehende Fronten verhärten sich weiter (wie schon bei Drew Brees' Hymnen-Interview oder der Diskussion um den Namen der Redskins), Meinungen bekommen eine neue Bedeutung und nicht nur der allgemeine Ton gerät außer Kontrolle, was unmittelbar auf die Liga, ihren Alltag und ihr Selbstverständnis zurückfallen könnte.

US-Präsidentschaftswahl könnte auch für die NFL zur Zerreißprobe werden

Besonders aufgeheizt dürften die Tage und Wochen vor, während und nach der US-Präsidentschaftswahl im November werden, bei welcher viele NFL-Spieler wohl eher nicht Amtsinhaber Donald Trump die Daumen drücken. Dass der Mann mit der MAGA-Mütze allerdings eher ein Symptom als die Ursache jahrelanger gesellschaftlicher Verschiebungen ist und zudem seit jeher viele Amerikaner hinter sich hat, macht jede Äußerung aus den Kreisen einer Sportliga zum potenziellen Pulverfass.

Oft ist es ja eben nicht die bedachte Rationalität, sondern vielmehr die hitzige Emotion, die hinter eben jenen Statements, Tweets oder Meinungsäußerungen steht und sich postwendend auf deren Empfänger überträgt. Das ist in vielen Fällen, gerade im Bezug auf historische Krisen, erschütternde Einzelschicksale und polarisierende Personen, auch sicherlich mehr als verständlich.

Umso mehr wünscht man sich gerade jetzt Irving Berlins "light from above", um mit Blick auf eine bessere, geeinte Zukunft die Richtung vorzugeben. Die NFL tut es auf jeden Fall…

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