Aldon Smith von den Dallas Cowboys schaffte es von einem "dunklen Ort" zurück in die NFL. Aldon Smith von den Dallas Cowboys schaffte es von einem "dunklen Ort" zurück in die NFL. Imago Images / ZUMA Press

Dallas Cowboys: Die Auferstehung des Aldon Smith

geschrieben/veröffentlicht von/durch  30.09.2020
Einst eroberte Aldon Smith die NFL im Sturm, doch dann zogen ihn seine eigenen Dämonen in eine dunkle Versenkung. Er versuchte zurückzukommen, aber es wollte ein ums andere Mal nicht gelingen. Nach fünf Jahren ohne Football probiert er es nun bei den Dallas Cowboys erneut – und spielt, als sei er nie weg gewesen!

Als Aldon Smith 2011 die große Bühne der National Football League betritt, ist er eine wahrlich imposante Erscheinung. Der Hüne aus Greenwood, Mississippi, sticht selbst in einer Liga voll moderner Gladiatoren heraus, seine Jugend scheint das einzig verletzliche an diesem wie aus Stein gemeißelten Athleten zu sein. 120 Kilogramm Muskelmasse verteilen sich auf 1,94 Meter Körpergröße, die kräftigen Arme ähneln menschlichen Tentakeln, welche sowohl Offensive Lineman als auch Quarterbacks unter sich begraben. Aldons dominantes Spiel geht schnell einher mit seinem äußeren Auftreten, womit er schon bald einer der gefürchtetsten Pass Rusher der Liga werden soll. Niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass nicht nur seine Gegner ihn fürchten müssen, sondern auch er selbst.

Heute erkennt man Aldon Smith immer noch deutlich, wenn er seinen langen Körper nahe der Line of Scrimmage aufrichtet, um nach dem gegnerischen Quarterback zu spähen. Er trägt nicht mehr das Trikot der San Francisco 49ers, in dem er einst 33,5 Sacks in seinen ersten zwei Profijahren schaffte, so viel wie vor ihm kein anderer Spieler in der Geschichte der NFL. Auch das Trikot der Oakland Raiders ist Vergangenheit, bei denen er zwischenzeitlich versuchte, seine Karriere zu retten. Heute steht Smith in den Reihen der Dallas Cowboys, stolz leuchtet der berühmte Stern auf seinem silbergrauen Helm. Nach dem Snap ist alles, wie früher. Und doch ist alles anders. Aldon Smith ist ein anderer Mensch. Ein Mensch, der halbwegs in Richtung Hölle unterwegs war und im letzten Moment umkehren konnte. Auch dank des Sports, den er liebt.

Der gefürchtetste Pass Rusher der NFL

Dieser war es, der ihn einst zu einem gefeierten Superstar macht, zu einem der besten Spieler der National Football League. Einem Ausnahmetalent unter Ausnahmetalenten, den die Protagonisten der Liga schon nach seinem zweiten Jahr zu den zehn besten ihrer Zunft wählen. Eine große Zukunft scheint dem Pass Rusher vorherbestimmt, rekordverdächtige Sack-Zahlen, All Pro Nominierungen, Super Bowls, alles ist deutlich am Horizont zu erkennen. Doch dann kommen die Schlagzeilen. Ein Autounfall, illegaler Waffenbesitz, Trunkenheit und Drogen am Steuer sowie weitere Entgleisungen. Suspendierungen und die Einweisung in eine Rehabilitationsklinik sollen wachrütteln. Sie tun es nicht, sie können es nicht.

Selbst als die NFL 2015 die Reißleine zieht und ihren vom Weg abgekommenen Sohn rausschmeißt, nimmt die Abwärtsspirale des Aldon Smith kein Ende. Sportliche Highlights können nun von keinem seiner Fehltritte mehr ablenken, von der Fahrerflucht, dem Vorwurf der häuslichen Gewalt, den Alkohol- und Drogenexzessen, den 90 Tagen Gefängnis, welche er in einer weiteren Suchtklinik verbringen darf. Smith schläft damals in manchen Nächten unter seinem Auto, nur ein paar Meter von seinem Haus entfernt. Neben ihm liegen die Schuld, das Wissen um die eigene Verantwortung und die Depression, welche jeden Blick in den Spiegel unmöglich macht. Es ist der Tiefpunkt in einer langen Liste davon, doch dieser scheint der finale zu sein.

Naturgewalt auf dunklen Wegen

"Ich befand mich damals an einem ganz dunklen Ort", erinnert sich Aldon Smith heute an diese Tage zurück. "Ich sagte mir, ich verdiene es nicht, irgendwo anders zu sein als auf dem Boden. Meine Krankheit hat mich genau dort hingeführt." Diese Einsicht kommt spät, doch gerade noch rechtzeitig. Auch der Tod seiner Großmutter rüttelt Smith damals wach, sagt sie ihm doch noch an ihrem Sterbebett "Do better" - mach es besser. Diese einschneidenden Erlebnisse bringen die Wende, sie lassen Smith sein Gestern verurteilen und auf sein Morgen hoffen. Sie sind es auch, die ihn sich öffnen lassen, als er mit Kriegsveteranen aus Afghanistan und dem Irak im MergingVets&Players-Program spricht. Viele von ihnen sind traumatisiert, auf ihre eigene und manchmal ähnliche Art und Weise. Sie hören sich gegenseitig zu und richten gemeinsam den Blick nach vorn.

"Aldon hat nicht ein Meeting verpasst und er tut alles, um nüchtern zu bleiben", erzählt NFL-Reporter und Trainer Jay Glazer, der sich Smith damals in seiner schwierigsten Zeit annahm. "Es ist nicht einfach, vor 80 oder 100 Fremden über deine tiefsten Probleme zu sprechen, aber Aldon war total offen. Viele der Jungs kämpfen mit ähnlichen Dämonen wie er und sie konnten sich so gegenseitig helfen." Auch physisch bringt Glazer Smith wieder auf Vordermann und begleitet ihn in seinem hauseigenen Gym "Unbreakable Peformance". Er macht aus Smith wieder den Athleten, der er zu Beginn seiner Karriere war und vor dem eine ganze Liga Angst hatte. "Wir haben dort eine Maschine mit Resistance Cords an der Wand, genannt Raptor", so Glazer. "Etliche wirklich kräftige Typen trainieren da dran, ich rede von echten Monstern. Aldon hat sie beim Workout versehentlich aus der Wand gerissen. Er ist eine echte Naturgewalt." Bei eben jenen Trainingseinheiten lernt er auch den heutigen Head Coach der Dallas Cowboys Mike McCarthy kennen.

Letzte Chance bei den Dallas Cowboys

Dieser erinnert sich an die Naturgewalt, als er Anfang 2020 seinen Job in Dallas antritt. Er nimmt Kontakt zu Smith auf und bietet ihm anschließend sogar einen Einjahresvertrag an. Auch die NFL begnadigt den einstigen Pro Bowler und somit ist der Weg frei, seine Karriere doch noch zum Guten zu wenden. Smith kann es kaum fassen, dass er diese Chance noch einmal bekommt. "Ich bin den Cowboys und der NFL unendlich dankbar, dass sie mir diese Möglichkeit geben", so der mittlerweile 31-Jährige. "Ich fühle mich großartig und hoffe, dass ich diese Plattform nutzen kann, um anderen Menschen Mut zu machen und ihnen zu helfen."

Nebst dem Erzählen seiner Geschichte punktet Smith auch sportlich wieder auf unnachahmliche Weise. In den ersten drei Saisonspielen gelingen ihm für die Cowboys vier Sacks und 19 Tackles, etliche Impact Plays erinnern an den überragenden Spieler, der Smith zu Beginn seiner Karriere war. Dass er selbst nach fünf Jahren Pause vom American Football wieder in der NFL Fuß fassen und sogar dominieren kann, zeigt was für unglaubliche Fähigkeiten er besaß und immer noch hat. Doch wirklich wichtig sind heute andere Dinge. "Ich versuche nicht nur ein besserer Mensch zu sein, ich bin bereits ein besserer Mensch", sagt Smith mit ruhiger, demütiger Stimme, in der sich viele Gefühle verbergen. "Es geht für mich heute um viel mehr als nur um Football."

In seiner Stimme klingt sie noch durch, diese zarte Verletzlichkeit, die seine Dämonen nutzten, um ihn vom Weg abzubringen. Die er zu lange gewähren ließ. Auch wenn er immer noch die imposante Erscheinung von einst ist, so erinnert Aldon Smith doch vielmehr an die Fragilität einer NFL-Karriere, ja eines Lebens. Ein Leben, dass sich für ihn zumindest im Moment zum Guten gewendet hat. Und das hoffentlich nie wieder in die Dunkelheit zurückkehrt, aus der er kommt...

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