Colin Kaepernicks Name wurde weit über die Seitenlinie hinaus zu einem Symbol. Colin Kaepernicks Name wurde weit über die Seitenlinie hinaus zu einem Symbol. Imago Images / ZUMA Wire / Sait Serkan Gurbuz

NFL: Colin Kaepernick und seine letzte Chance

geschrieben/veröffentlicht von/durch  23.06.2020
Manchmal sind Menschen ihrer Zeit voraus. Sie treten auf die unendliche Bühne der Geschichte, doch der Vorhang ist noch nicht gelüftet und die Welt weiß sie einfach nicht einzuordnen. Es ist vielleicht das, was man manchmal Schicksal nennt. Ein Schicksal, mit welchem sich Colin Kaepernick bestens auskennt und jetzt auf ein Neues auseinandersetzen muss.

Vor gut drei Jahren entschloss sich der ehemalige Quarterback der San Francisco 49ers, vor Spielen während der Nationalhymne auf die Knie zu gehen und damit gegen Rassismus und Polizeigewalt in den USA zu protestieren. Es passierte in einer Zeit, da füllte dieses Thema noch nicht die Titelseiten der großen Zeitungen des Planeten. Es protestierten noch keine Millionen von Menschen auf den Straßen und "Black Lives Matter" hallte wesentlich leiser durch die Metropolen dieser Welt. George Floyd konnte damals noch atmen und der heutige Ruf nach sozialer Gerechtigkeit, Kaepernicks Ruf, er erklang lange nicht so laut und ausdrucksstark, wie er es in diesen Tagen tut.

Was dieser Umstand, diese zeitliche Differenz von ein paar Jahren, für Colin Kaepernick bedeuteten ist hinlänglich bekannt. Damals konnten die Liga und ihre Besitzer ihn ob seines zum Politikum gewordenen Falles einfach vergessen. Heute geht das nicht mehr, zumindest nicht mehr ohne dem damals "Verbannten" eine zweite Chance zu geben.

Selbst Donald Trump und Roger Goddell plädieren für eine Chance

So sehen es auch NFL-Commissioner Roger Goodell und der amerikanische Präsident Donald Trump. Goodell sprach den Teams der Liga seinen Support aus, falls sie Kaepernick unter Vertrag nehmen wollten und befürwortete diese Maßnahme sogar. Donald Trump, der 2016 zu den schärfsten Kritikern von Kaepernicks Protest zählte, räumte ebenfalls ein, dass der Quarterback nochmal die Möglichkeit bekommen sollte, zu spielen. So er denn die physischen Voraussetzungen mitbringt.

Auch wenn etliche Menschen, Teams und Organisationen im gespaltenen Amerika den Grundtenor dieser Aussagen teilen, Trumps vermeintlich bedeutungsloser Beisatz steht beispielhaft für nur eine von etlichen Fragen, die sich im Bezug auf eine potenzielle Rückkehr von Colin Kaepernick stellen. Was ist übrig vom einst explosiven aber auch unbeständigen Quarterback, der die Niners einst in den Super Bowl führte? Wie viel Geld will er verdienen? Wer könnte überhaupt über eine Verpflichtung nachdenken?

Eine neue Heimat in Baltimore?

Sportlich gesehen ist Kaepernick sicherlich jemand, der gewissen Teams situativ und als Backup weiterhelfen könnte. Sein starkes Laufspiel und seine Erfahrung sprechen für ihn. Coaches wie Anthony Lynn und Pete Carroll haben sich zuletzt für ihn ausgesprochen. Letzterer machte aber gleichzeitig deutlich, dass sie eigentlich im Moment sportlich keinen Bedarf haben. Und so geht es sicherlich einigen Teams, die in ihren Saisonplanungen bereits weit fortgeschritten sind.

Viele Experten sehen die Baltimore Ravens als wahrscheinlichsten neuen Arbeitgeber für Kaepernick. Die Stadt leidet seit Jahrzehnten unter gesellschaftlichen Missständen und Afroamerikaner machen über 63 Prozent der Bevölkerung aus. Eine Figur wie Kaepernick dürfte hier mit offenen Armen empfangen werden. Auch sportlich wäre er als Mentor für Lamar Jackson sicherlich denkbar.

Allerdings gibt es da ein Problem: 2017 dachten die Ravens schon mal über ihn nach. Laut Linebacker-Legende Ray Lewis traten sie aber nach einem Tweet von Kaepernicks Freundin Nessa Diab von dem Deal zurück. Sie hatte ein Bild aus dem Film "Django Unchained" gepostet, welches einen Plantagenbesitzer mit einem Sklaven zeigt und dann ein Foto von Ravens-Besitzer Steve Biscotti mit Ray Lewis in ähnlicher Pose danebengestellt. Und Steve Bisciotti ist heute immer noch der Owner der Ravens.

Auch das Geld und die Intention des Teams müssen stimmen

Es gibt bestimmt weitere Optionen für Kaepernick und genug Franchises, die selbstsicher genug sind, sich mit dem potenziellen Medienrummel einer Verpflichtung auseinander zu setzen. In Sachen PR könnte ein Deal sogar eine Riesenchance sein, auch wenn der stolze Aktivist Kaepernick wohl der letzte ist, der sich für irgendeine halbgare Sache ausnutzen lässt.

Eine weitere Hürde könnten Kaepernicks Gehaltsvorstellungen sein. Für einen Spieler, der drei Jahre kein Down in der NFL gespielt hat, gäbe es normalerweise höchstens einen "Prove-It-Deal" mit minimaler Vergütung, selbst als Quarterback. Wenn er jedoch denkt, dass er auch für die verlorene Zeit kompensiert werden müsste, dann dürfte das für viele Teams ein Dealbreaker sein.

Wie es letztlich ausgeht, das wird uns wohl mal wieder nur die Geschichte beantworten können. Für Colin Kaepernick ist es sicherlich die letzte sportliche Chance, die sich in seiner Karriere bietet. Es sei denn, das Schicksal hätte mal wieder andere Ideen...

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