Der Name Aaron Donald wird für immer einen besonderen Klang in der NFL genießen. Der Name Aaron Donald wird für immer einen besonderen Klang in der NFL genießen. Imago Images / ZUMA Wire / David Crane

Los Angeles Rams: Wie Aaron Donald die NFL revolutionierte

geschrieben/veröffentlicht von/durch  09.10.2020
Als Aaron Donald in die NFL kam, da hatte die Liga eigentlich wenig übrig für etwas zu klein geratene 3-Technique Defensive Tackles. Seit er jedoch eine Spur der offensiven Verwüstung hinterließ und zu einem der besten Spieler unserer Zeit wurde, sucht die halbe Liga nach dem nächsten Aaron Donald. Eine Suche, die wohl vergeblich sein wird, denn ein "Generational Talent" wie ihn gibt es wohl nur einmal.

Die NFL ist eine Liga, in der sich Woche für Woche die besten Athleten dieses Planeten duellieren. Ein Auffangbecken einer sportlichen Elite, die Heldentaten vollbringen, welche für den Normalsterblichen schier undenkbar sind. Aaron Donald von den Los Angeles Rams ist Teil dieses erlauchten Kreises und noch viel mehr. Er ist ein Spieler, der in seiner bisherigen Karriere das geschafft hat, was nur ganz wenige erreichen. Er hat der Liga seinen ganz eigenen, historischen Stempel aufgedrückt und damit sogar eine personelle Revolution gestartet.

Wenn der 29-Jährige in der aktuellen NFL-Saison Mal um Mal wie ein Blitz durch die Offensive Line schießt, um Quarterbacks und Running Backs zu Boden zu reißen, dann vergisst man schnell, wie beeindruckend all das ist, was Aaron Donald schon seit nunmehr gut sechs Jahren macht. Man hat sich ein wenig daran gewöhnt, ihm zuzusehen. Seiner Art, das Spiel zu spielen. Dies liegt auch daran, weil immer mehr Spieler versuchen, ihn zu kopieren. Und immer mehr Teams versuchen, eben jene Kopie zu finden. Einen alles überrollenden Bowling Ball in der Mitte der Defensive Line, klein, schnell, wendig wie ein Linebacker und doch mit der brutalen Kraft eines massigen Nose Tackles. Es gab sie auch früher immer mal wieder, man denke zum Beispiel an einen John Randle in den 90er Jahren, doch Aaron Donald ist mehr. Er erfindet diese Position neu und damit auch die Art, wie die Liga sie zu schätzen weiß.

Der junge Aaron Donald ist pummelig und faul

Dabei deutete in seiner Jugend wenig darauf hin, dass er jemals in den Dunstkreis der NFL vorstoßen würde, geschweige denn dass er eines ihrer gefürchtetsten Gesichter werden würde. Donald wächst in Pittsburgh auf, einer einst typischen "Blue Collar City", in der Stahl und harte Arbeit seit jeher das raue Leben prägen. Und wo Sport und vor allem American Football einen hohen Stellenwert genießt. Es sind Dinge, mit denen sich Aaron zunächst nicht wirklich identifizieren kann. Sein Vater Archie erinnert sich an einen "ruhigen, reservierten und molligen Jungen", sein drei Jahre älterer Bruder Archie Junior vergleicht die Jugendversion Aarons noch heute mit einem "stumpfigen, kleinen Kerl, ein bisschen wie einer aus der Flintstones-Zeichentrickserie". Im Alter von 12 Jahren, als Aaron die Süßigkeiten immer noch gut schmecken und Sport oft zu anstrengend erscheint, nimmt sein Vater ihn mit zum Gewichtheben. Er selbst ist seit jeher ein begeisterter "Eisenfresser", auch während seiner aktiven Football-Karriere, die er allerdings schon an der Norfolk State University beenden muss, da er sich die Kniescheibe bricht.

Seine Leidenschaft, seine Arbeitseinstellung und seine Liebe zum Spiel gibt er fortan weiter an seinen jüngsten Sohn, der schon bald ständig im Kraftraum des hauseigenen Kellers zu finden ist. Anfangs schmerzen die Gewichte noch, dann sieht Aaron erste Veränderungen an seinem Körper. "Mein Vater hat mich zu einem Workout-Warrior gemacht", erinnert sich Aaron. "Als ich merkte, wie das Training anschlug, wurde ich noch motivierter. Ich sage meinem Vater immer, dass er damals einen Profi aus mir machte, auch wenn er es vielleicht nicht wusste." Donalds Eltern arbeiten währenddessen hart und wechseln oft ihre zumeist mäßig bezahlten Jobs, um irgendwie über die Runden zu kommen. Es macht Eindruck auf Aaron und seinen älteren Bruder. "Wir teilten uns damals ein Etagenbett und Nachts sprachen wir oft darüber, wie wir unseren Eltern irgendwann den Ruhestand ermöglichen wollten", sagt der LA-Rams-Captain. "Sie haben alles für uns getan und es entwickelte sich zu einem Lebenstraum für uns."

Ein Lebenstraum, der sich durch American Football realisieren soll. Donald, durch unzählige und niemals endende Workouts gestählt, entwickelt sich zu einem echten Kraftpaket und erhält ein Stipendium der University of Pittsburgh. Nicht viele andere Schulen bekunden Interesse am nur 1,85 Meter großen und damals gerade mal 120 Kilogramm schweren Tackle der Penn Hills High School. Ex-NFL-Coach Dave Wannstedt aber gibt ihm eine Chance. "Er war damals auch beim Wrestling und ich mochte solche Jungs immer, denn es kann beim Football hilfreich sein", erinnert sich Wannstedt, früher Head Coach der Chicago Bears und der Miami Dolphins. "Wir dachten uns schon, dass er mal ein guter Spieler wird, aber so gut? Viele meinen, sie hätten es damals schon gesehen, aber die Realität war anders."

Für die NFL ist er zunächst "zu klein"

Aaron Donald fängt schnell an, eben diese Realität zu verändern. Größe, Gewicht, Körperbau – alles wird nebensächlich. Denn mit unbändiger Kraft, Schnelligkeit, Explosivität und Athletik macht Donald alles, was sich ihm in den Weg stellt, dem Erdboden gleich. In seiner Senior Saison merken es auch endlich die Scouts der NFL, die ihn vorher nur als potenziellen Fifth Round Pick eingestuft hatten. Nachdem er in seinem letzten College-Jahr so ziemlich jeden Award gewinnt, den Defensivspieler gewinnen können, taucht er plötzlich weiter oben auf den Draft Boards der Profiteams auf. Auch auf dem der damals noch in St. Louis ansässigen Rams. "Viele waren trotzdem skeptisch wegen seiner Größe", sagt Mike Waufle, zu der Zeit Defensive Line Coach der Rams. "Ich habe meine Vorgesetzten quasi angefleht, ihn zu nehmen. Er war der beste College-Spieler, den ich je gesehen hatte." Als St. Louis Donald mit dem 13. Pick des 2014er NFL Draft zieht, bekommt Waufle das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Er weiß, was ihm für ein Geschenk gemacht wurde. Als Donald das erste Mal die Team Facility betritt, nimmt ihn sein Position Coach zur Seite und flüstert ihm ins Ohr: "Viele Leute werden dir irgendwas von Technik und anderem Kram erzählen. Vergiss das alles. Spiel einfach dein Spiel." Der Ex-Marine Waufle gibt gerne zu, dass er sowohl davor als auch danach so etwas nie zu einem Spieler gesagt hat.



Doch Aaron Donald ist nicht irgendein Spieler, das merken die Rams sowie die gesamte National Football League ungefähr so schnell, wie der Rookie sich seinen Weg durch die Offensive Lines der Gegner bahnt. Keine Formation, kein Spieler kann ihn aufhalten, Quarterbacks wie Running Backs leben bald in ständiger Angst, die kräftige Brust der Nummer 99 vor sich zu erblicken. Er wird Dauergast auf den Bestenlisten der NFL, im Pro Bowl und bei den All Pro Teams der Liga. Um seine Workout-Videos und Agility Drills ranken sich Legenden, so einmalig und unfassbar sind manche davon. "Ich habe vor ihm viele Jungs trainiert, die auch schnell und kräftig waren, die alles hatten, was man sich für einen Defensive Lineman wünscht", sagt Dave Wannstedt, der später als TV-Analyst seinem ehemaligen Schützling regelmäßig begegnet. "Aber keiner besaß auch nur annähernd die Nase für den Ball wie er. Früher hatten Tackles meist spezielle Aufgaben und die anderen Spieler attackierten den Quarterback. Aarons Sack-Statistiken waren einfach unglaublich, eigentlich unmöglich. Und all das tat er in einer Zeit, in der kürzere Dropbacks und das schnelle Passspiel in Mode kamen."

Das Jahr 2018 wird zum bisherigen Highlight-Jahr in Donalds NFL-Karriere. Es beginnt mit einer Vertragsverlängerung über sechs Jahre und 135 Millionen Dollar, von denen 87 Millionen garantiert sind. Für einen Tag ist er der bestbezahlte Verteidiger der NFL, doch ihm ist etwas anderes viel wichtiger. "Ich rief sofort meine Eltern an und erzählte es ihnen", schmunzelt Donald zufrieden. "Wir fingen alle an zu weinen, ich hatte mir und ihnen einen Lebenstraum erfüllt. Ich sagte meinem Vater, dass er sich zur Ruhe setzen und sich entspannt meine Spiele anschauen kann. Ich übernehme alles, alter Kumpel." Donald und sein Bruder Archie Junior, der selbst ein paar Jahre durch die Practice Squads der NFL tingelte, hatten es geschafft, ihre Eltern würden nie wieder arbeiten müssen, so wie sie es sich damals in ihrem Bett ausgemalt hatten. Aaron allerdings hörte auch nach dem großen Zahltag nicht auf zu arbeiten, ganz im Gegenteil.

Aaron Donald verändert eine ganze Liga

Er schließt die 2018er Saison mit 20,5 Sacks ab, so viele, wie vor ihm noch nie ein Defensive Tackle in der Geschichte der NFL erreicht hat. Er wird zum zweiten Mal in Folge Defensive Player Of The Year und führt die offensivstarken Rams in den Super Bowl. Bei der knappen Niederlage gegen die New England Patriots konzentriert der Gegner fast seine gesamte Offensivtaktik auf Donald, sie wollen ihn unter keinen Umständen das Spiel entscheiden lassen. Die Strategie geht auf, auch weil ihre eigene Verteidigung bestens auf die Offense der Rams eingestellt ist. Vor der nachfolgenden Saison wählen die Spieler der NFL Aaron Donald dennoch zum besten Akteur der gesamten Liga, eine ganz besonders bedeutende Auszeichnung, kommt sich doch von den Spielern selbst.

Zum damaligen Zeitpunkt ist schon längst eine von Aaron Donald angeschobene Revolution im Gange. Fast ganz allein hat er den Rush Defensive Tackle wieder salonfähig gemacht und blüht in dieser Rolle dermaßen auf, dass in der Folge etliche Teams enorme Ressourcen aufwenden, um ihren Pass Rush aus der Mitte heraus aufzubauen. Somit kontern sie die immer schneller agierenden Passoffensiven der NFL und setzen auf direkten Druck im Gesicht des gegnerischen Quarterbacks. Schwere Jungs wie Chris Jones von den Kansas City Chiefs, Kenny Clark von den Green Bay Packers oder DeForest Buckner von den Indianapolis Colts unterschreiben in den letzten Jahren immer größere Verträge und in den letzten beiden Jahren wurden drei Defensive Tackles in den Top Ten des Drafts gewählt, nachdem diese Position über Jahre eher als weniger wichtig erachtet wurde. Einer der Hauptgründe: Aaron Donald. "Er hat seine Position auf ein komplett neues Level gehoben", sagt ESPN-Experte Louis Riddick, der wie Donald aus Pennsylvania stammt. "Tackles spielen wieder alle drei Downs und er selbst ist dabei jemand, wie wir ihn wohl nie wieder in dieser Liga sehen werden. Wenn man ihn live erlebt, dann denkt man, er wäre ein Strong Safety. Ein absolut transzendenter Spieler."

Aaron Donald hat es geschafft, sich in einer Liga der unglaublichen Athleten einen besonderen Platz zu erkämpfen. Einer der entscheidenden Faktoren für diesen Aufstieg, sein Vater, hatte damit immer gerechnet. „Als er das erste Mal den Helm aufsetzte und die Shoulder Pads anzog, da dachte ich mir schon, diesen Jungen kann niemand blocken. Und so kam es dann auch“, resümiert Archie stolz. So wie sein Vater auf die Jugend Aaron Donalds werden in vielen Jahren etliche Fans auf die heutigen Tage zurückblicken. Sie werden sich erinnern, dass sie das große Privileg hatten, eine Revolution und einen der ganz Großen mit eigenen Augen zu sehen...

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