Die Giants und die Jets buhlen auch in dieser Offseason um die Aufmerksamkeit in New York. Die Giants und die Jets buhlen auch in dieser Offseason um die Aufmerksamkeit in New York. Imago Images / Icon SMI / Joshua Sarner

Eine Stadt, zwei Wege - Giants, Jets und die NFL Free Agency

geschrieben/veröffentlicht von/durch  29.03.2021
In der "City That Never Sleeps" ist man sich durchaus uneins, ob die New York Giants und die New York Jets nun echte Rivalen oder eher ungeliebte Nachbarn sind. Besonders gerne mögen tun sie sich jedenfalls nicht und auch der unterschwellige Kampf um die Aufmerksamkeit in der Millionenmetropole ist durchaus real. Auch in dieser Offseason buhlten "Big Blue" und "Gang Green" um die Backpages der großen Zeitungen – mit sehr ungleichen Strategien und durchaus unterschiedlichen Resultaten!

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Dabei waren die Ausgangspositionen der beiden NFL Franchises vor der Sommerpause gar nicht so unterschiedlich. Beide spielten eine schwache letzte Saison, in der die Jets nur zwei Spiele gewinnen konnten und die Giants eine negative Bilanz in der schwächsten Division der gesamten Liga einfuhren. Beide Teams sehen sich Fragen gegenüber, ob ihr einstiger „Quarterback der Zukunft“ eben jenen Titel noch verdient oder ob sie nicht doch aufgrund unbeständiger Leistungen die Reißleine auf dieser Position ziehen sollten.

Getreu nach dem Motto: "Viele Wege führen nach Rom", beziehungsweise zu Erfolg in der NFL, gingen die beiden General Manager die Free Agency aber mit komplett unterschiedlichen Strategien an. Dave Gettleman nahm bei den Giants das große Portemonnaie von John Mara in die Hand und verteilte fleißig Monster-Deals an namhafte Free Agents. Jets-Manager Joe Douglas dagegen wählte trotz des zweitmeisten Cap Space der Liga einen eher bodenständigen Ansatz und verpflichtete mit wenigen Ausnahmen eher günstige Rollenspieler.

Giants und Jets auf NFL Einkaufstour

Gettleman gab Leonard Williams nach dessen starker 2020er Saison und einem zwischenzeitlichen Franchise Tag eine Vertragsverlängerung über drei Jahre und 63 Millionen US-Dollar (45 Millionen garantiert), womit er zu einem der drei bestbezahlten Defensive Tackles der NFL wird. Wide Receiver Kenny Golladay unterschrieb bei den Giants für vier Jahre und 72 Millionen US-Dollar (40 Millionen als Garantie), während Ex-Titans-Cornerback Adoree Jackson sich über drei Jahre und 39 Millionen US-Dollar 26,5 Millionen garantiert) freuen durfte. Auch der Deal für Veteran Kyle Rudolph (zwei Jahre, zwölf Millionen) war nicht gerade preisgünstig.



Die Jets verstärkten mit Defensive End Carl Lawson (drei Jahre, 45 Millionen US-Dollar) und Wide Receiver Corey Davis (drei Jahre, 37,5 Millionen US-Dollar) zwei ihrer schwächsten Mannschaftsteile. Aus beiden Verträgen könnte "Gang Green" nach zwei Jahren ohne Probleme aussteigen, so wie auch die Verträge der anderen Free Agents lediglich von kurzer Dauer sind. Hier setzt Joe Douglas eher auf Potenzial, geht dafür aber nur ein geringes finanzielles Risiko ein.

Giants greifen Daniel Jones unter die Arme

Gettleman möchte mit seinem aggressiven Vorgehen dem jungen Quarterback Daniel Jones ein Höchstmaß an Unterstützung zur Seite stellen, damit die Giants auch wirklich evaluieren können, was sie an dem jungen Signal Caller haben. Bisher blieb Jones (2020 elf Touchdowns, zehn Interceptions, sechs verlorene Fumbles) den Beweis seiner echten Ligatauglichkeit schuldig. Der letztjährige Kreuzbandriss von Star-Running-Back Saquon Barkley, eine poröse wie unerfahrene Offensive Line und die Abwesenheit eines wahren Nummer-Eins-Receivers machten es ihm allerdings auch nicht gerade einfach.

Umso verwunderlicher ist es, dass die Giants neben ihrem dünn besetzten Edge Rush bisher kaum an ihrer schwachen Offensive Line Hand anlegten. Die beiden Tackles Andrew Thomas und Matt Peart waren letztes Jahr Rookies, könnten also in ihrem zweiten Jahr durchaus große Schritte nach vorne machen. Vor allem Thomas, der als Top-Five-Pick lange mit einem angeschlagenen Knöchel auflief, sollte mehr Konstanz auf den Rasen bringen. Das Planen mit derlei Variablen ist aber sehr riskant, vor allem wenn der fragwürdige Mannschaftteil extreme Auswirkungen auf alle anderen Positionen haben kann und es an einem Plan B mangelt.

New York Jets wollen langfristig aufbauen

Ähnliches lässt sich auch über die Offensive Line der New York Jets sagen. Außer Journeyman Dan Feeney holte Douglas keine neuen Kräfte für die Frontlinie, was vielen Fans Schweißperlen auf der Stirn beschert. Der ehemalige O-Liner setzt auf eine Verbesserung der Unit im neuen Zone-Blocking-Scheme von Offensive Coordinator Mike LaFleur sowie eine Fortsetzung der besseren Leistungen aus der zweiten Saisonhälfte 2020. Mit Left Tackle Mekhi Becton scheinen die Jets außerdem ihren "Anchor" der nächsten zehn Jahre für die Offensive Line gefunden zu haben.



Joe Douglas verzichtete bisher in der Free Agency außerdem auf die Verpflichtung eines neuen Cornerbacks, dabei klafft hier vielleicht sogar das größte Loch im Kader der Jets. Der General Manager verstärkte dafür unter anderem mit Sheldon Rankins und Vinny Curry die Defensive Line, ein wichtiger Faktor im System des neuen Head Coaches Robert Saleh. Namen wie LaMarcus Joyner, Tevin Coleman oder Jarrad Davis hauen dazu zwar niemanden vom Hocker, der Breite des Kaders und dem Charakter des Teams sollten sie aber merklich gut tun.

NFL Draft 2021 als Schub für die Jets

Ein schlechtes NFL-Team ist verständlicherweise nicht unbedingt die attraktivste Adresse für einen Free Agent. Es gibt also nur eine Möglichkeit, Spieler von einem Wechsel in den vermeintlichen Liga-Keller zu überzeugen: Show me the money! Die Giants taten genau das, sie bezahlten viel Geld für gute Spieler, die allerdings eher nicht zur absoluten Ligaelite gehören. Die Jets und vor allem der meist konservativ agierende Joe Douglas waren nicht bereit, für diese Spieler über einen gewissen Preis hinauszugehen. Er bleibt seiner Philosophie treu, nach der man ein NFL-Team vor allem durch den Draft aufbaut. Gerade langfristig.

Hier stehen die beiden Teams ebenfalls vor unterschiedlichen Vorzeichen. Die Jets haben mit dem 2. Pick ein enorm wertvolles Asset, besitzen insgesamt neun Picks (davon fünf unter den ersten 86 Picks). Die Giants hingegen müssen mit fünf Selections auskommen, haben also dementsprechend ein bisschen weniger Spielraum. Mit dem elften Pick in der ersten Runde besitzen sie aber natürlich auch reihenweise Optionen, erst recht wenn ein talentierter Spieler zu fallen beginnt.

Dave Gettleman muss bei den Giants liefern

Interessant ist bei dem Vergleich der beiden New Yorker Offseasons auch die persönliche Motivation der beiden General Manager. Unter Dave Gettleman besitzen die Giants nur eine Bilanz von 15 Siegen und 33 Niederlagen, jede Saison hagelte es mindestens zehn Pleiten. Sein Kredit bei den Fans ist längst aufgebraucht und das aggressive Vorgehen in der Free Agency macht deutlich, dass der 70-Jährige die Weichen schnellstmöglich auf Erfolg stellen möchte. Auch um seinen eigenen Job zu retten.

Joe Douglas sitzt da inmitten eines Sechsjahresvertrages schon komfortabler im Sattel. Seine Hauptaufgabe lag erst einmal darin, die Scherben der Adam-Gase-Ära aufzukehren und mit dem Team einen Rebuild einzuleiten. Mit der Verpflichtung von Robert Saleh konnte Douglas den ersten wichtigen Schritt machen, die nächste große Frage kommt auf ihn mit der Quarterback-Position zu. Hier wird er aber sicherlich Zeit und Spielraum bekommen, schließlich wurde Sam Darnold nicht von ihm installiert und somit kann der GM auch nicht für das Ergebnis dieser Personalie verantwortlich gemacht werden.

Wie aber auch bei den Giants hängt von eben jener entscheidenden Position natürlich ein großer Teil des Erfolges ab. Einen anstehenden Wechsel auf dieser Position könnten, wann auch immer, die Jets in den kommenden Jahren bei einer höheren Cap Grenze womöglich besser abfangen. Noch ist das aber Zukunftsmusik, bis dahin ist es noch ein weiter Weg… beziehungsweise zwei Wege.
Moritz Wollert

Moritz Wollert studierte Sportmanagement im Fernstudium an der Fachhochschule für angewandtes Management Erding. Er hat aber nach mehreren Jahren in der Praxis seine Leidenschaft für das geschriebene Wort zum Beruf gemacht und arbeitet mittlerweile als freier Autor und Redakteur. Hauptsächlich ist er dabei im Sportbereich unterwegs, seit 2020 auch fest für TOUCHDOWN24.

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