Im Interview mit TD24: Rory Johnson (#3, Berlin Rebels) Im Interview mit TD24: Rory Johnson (#3, Berlin Rebels) imago images / Matthias Koch

Rory Johnson: “Es war ein langer Winter“

geschrieben/veröffentlicht von/durch  Alex Kieser 19.05.2020
In Vorbereitung auf die GFL-Saison 2020 hatte TOUCHDOWN24 bereits einige Interviews geführt. Doch dann kam Corona und die fertigen Gespräche landeten in der Schublade. Wir haben uns nun entschieden die Interviews doch noch zu veröffentlichen, auch wenn sie noch auf Stand einer normal startenden Spielzeit sind. In diesem Fall haben wir mit Rory Johnson, Linebacker der Berlin Rebels, gesprochen.

TOUCHDOWN24:
Hallo Rory, viele kennen Dich als Linebacker der Berlin Rebels. Wie aber bist Du zum Football gekommen? Wann und wo hast Du angefangen zu spielen?

Rory Johnson: Ich begann im Alter von acht Jahren mit Vereinsfootball. Vorher spielte ich ein Jahr Fußball, weil ich noch zu jung war für Football. Football war meine erste große Liebe, abgesehen von meiner Mum.

TOUCHDOWN24: Welche Vorbilder hattest Du in Deiner Kindheit und Jugend? Wer hat Dich inspiriert?

Johnson: Bei mir war es mein Dad. Er war Lehrer für Gesundheitswissenschaften und spielte selbst Football als Safety und Runningback am Delta State College (Div. II, d. Red). Er sagte immer zu mir, wenn ich wirklich Football spielen möchte, dann müsse ich dem Football mein Leben widmen. 28 Jahre später, spiele ich immer noch.

TOUCHDOWN24: Welcher Trainer hat Dich in Deiner Karriere am meisten beeinflusst?

Johnson: Das war Timothy Young, mein City-League-Coach (eine Amateurliga für Kinder und Jugendliche, d. Red.). Er impfte uns immer ein, härter zu spielen, alles zu geben. Als Kind sah ich viele Spiele, sah Spieler wie Steve McNair oder Brett Favre. Als ich aufwuchs, brachte er mir bei, dass ich alles erreichen kann, was ich will, wenn ich nur hart genug dafür arbeite.

TOUCHDOWN24: Wo siehst Du Deine Stärken und Schwächen?

Johnson: Meine Stärken sind mein Speed und meine Art zu spielen. Auf dem Feld bin ich zäh und ein guter Anführer. Andere Teams haben Defenses voller Stars. Ich bin seit langer Zeit ein Rebel und kann aus jedem der Berliner Jungs einen Star machen und ihnen den Glauben schenken, dass wir alles erreichen können. Schwächen habe ich nur eine: Pass Coverage (lacht). Das liegt wohl daran, dass ich immer das Tackle im Run Game machen will. Abgesehen davon muss ich als Anführer immer vorangehen, darf nicht einknicken. Wenn ich einknicke, knickt das Team ein. Manchmal ist es ein kleiner Kampf mit mir selbst. Auch wenn du mal etwas abbekommst, musst du einfach weitermachen. Als ich jung war, war ich ein Verrückter. Ich wurde oft des Feldes verwiesen (lacht).

TOUCHDOWN24: Was zeichnet Euch als Team besonders aus und unterscheidet Euch von anderen Mannschaften?

Johnson: Oh, das ist einfach! Dieses Jahr wird meine zehnte Saison bei den Rebels und wir sind wie eine Familie. Wir haben viele Deutsche, speziell Berliner Spieler im Team, und viele bleiben lange bei uns. Jungs, die 2010 schon mit mir zusammen spielten, stehen immer noch neben mir auf dem Feld.

TOUCHDOWN24: Welche Ziele als Team habt Ihr für die neue Saison?

Johnson: German Bowl! Das wird mein letztes Jahr als Footballer und ich möchte etwas mitnehmen. Und ich möchte viele Gegner stoppen. Achtet also auf die Nummer 44. Ich werde euch ärgern. Ich habe böse Gedanken in mir und es war ein langer Winter. Also kommt mir nicht in die Quere (schmunzelt).

TOUCHDOWN24: Du wirst also Deine Karriere nach der Saison beenden?

Johnson: Ja, ich werde aufhören. Vielleicht beantrage ich einen Spieler-Pass und komme zurück, wenn Not am Mann ist. Es war bis heute eine lange Karriere. In zwei Monaten werde ich 34 Jahre alt, ich spiele seit 28 Jahren und die Tackles nehmen kein Ende. Mittlerweile dauert es zwei Tage, um mich zu erholen (lacht).

TOUCHDOWN24: Welchen Ort der Stadt findest Du besonders spannend? Wo hältst Du Dich gerne auf?

Johnson: Als ich nach Berlin kam, hielt ich mich viel in Mitte auf, fand den Ku´damm cool. Mittlerweile bin ich in der ganzen Stadt zu Hause und kann sagen “Ich bin ein Berliner“. Abgesehen von Vicksburg (Johnsons Geburtsort im US-Bundesstaat Mississippi, d. Red.) , ist Berlin zu meiner zweiten Heimat geworden.

TOUCHDOWN24: Du hast auf Dein Senior-Jahr bei Ole Miss verzichtet und Dich zum Draft angemeldet. Alte Ole Miss-Kollegen wie Patrick Willis, Michael Oher, BenJarvus Green-Ellis, Jamarca Sanford und Greg Hardy haben es in die NFL und teilweise zu Pro-Bowl-Ehren gebracht. Hast Du diese Entscheidung je bereut? Denn durch ein weiteres Jahr am College hätten Deine Chancen im nächsten Draft womöglich deutlich besser gestanden.

Johnson: Ja, manchmal schon. Aber ich kam als All-American ans College und wusste, ich will dort nur drei Jahre verbringen. Im Endeffekt hat alles, was passierte, mich zu dem Menschen gemacht, der ich jetzt bin. Ich bin zufrieden und alles ist gut so, wie es ist. Niemand weiß, wie sich alles mit anderen Entscheidungen entwickelt hätte.

TOUCHDOWN24: Du hast damals in Green Bay vier Monate verbracht und die gesamte Saisonvorbereitung der Packers mitgemacht. Wie knapp bist du am Cut gescheitert? Wer überbrachte Dir die Nachricht, dass Du nicht im 53er Kader bist und wie hast Du diesen Moment erlebt?

Johnson: Das Verrückte ist, dass ich wahrscheinlich der letzte war, der gecuttet wurde, denn ich wurde erst gegen 19 oder 20 Uhr ins Büro bestellt. Ich weiß nicht mehr, wer mich anrief, um ins Büro zu kommen, aber dort erfuhr ich es dann von Coach McCarthy (damaliger Head Coach der Packers, d. Red.). Für mich war das, nachdem ich schon so lange spielte und immer einer der Besten war, eine schwierige Situation. Ich sagte mir: 'Vielleicht war es nicht das richtige Umfeld, vielleicht hat das System nicht gepasst, vielleicht habe ich mich nicht gut genug vorbereitet'. Ich musste mich davon erst einmal erholen und wieder aufrappeln, um mir dann zu sagen 'Ok, dann versuch es halt woanders.'

TOUCHDOWN24: Michael Ohers Leben gab die Vorlage zum Film "Blind Side". Wie hast Du ihn damals wahrgenommen, wie ist er als Mensch? Er zeigte sich nie besonders glücklich mit dem Film, da er als begriffsstutzig und langsam charakterisiert wurde.

Johnson: Das war etwas seltsam für mich. Ich nannte ihn “Big O“ Er war ein Jahrgang unter mir. Ich war Junior, er Sophomore. Von Anfang an merkte ich, dass er ein cooler Typ ist. Er half mir, meinen Pass Rush zu verbessern. Als ich den Film sah, war ich schockiert. Das ist nicht Big Mike. “Big O“ ist einer der lockersten und entspanntesten Menschen, die ich je traf. Ich mag ihn.

TOUCHDOWN24: Dein Ex-Trainer bei Ole Miss, “Coach O“ Ed Orgeron, gewann vor Kurzem die National Championship mit der LSU. Was zeichnet ihn als Trainer aus? Was für eine Art Mensch ist er? Und was zur Hölle ist mit seiner Stimme passiert?

Johnson: Die Sache mit seiner Stimme ist so: er kommt aus dem Süden von Louisiana. Man spricht dort 'Créole', eine Mischung aus Französisch, Spanisch und Bayou-Slang. Dieser Sprachmix ist schwierig in der Aussprache und nach so langer Zeit, hat er einfach seine Stimme verloren, weil er zu viel schrie. Ich kann gar nicht so viel über ihn sagen. Auf jeden Fall ist er einer der besten Recruiter des Landes. Als ich nach Ole Miss kam, hatten wir eine Top-Ten-Recruiting-Class. Ich war in einem Team mit einem der besten Linebacker, die je in der NFL spielten: Patrick Willis. Von ihm lernte ich viel. Coach O brannte vor Leidenschaft und versuchte immer, diese Leidenschaft auf uns Spieler zu übertragen. Und er brachte Spieler aus dem ganzen Land zusammen. In meiner Zeit bei Ole Miss kamen gerade zwei Spieler aus meiner Region. Der Rest der Spieler war nicht aus Mississippi.

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Heft 34 Ausgabe JUN 2020 Deines American Football Magazins TOUCHDOWN24.


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