Martin Hanselmann: "Es braucht Visionäre und Träumer" Martin Hanselmann: "Es braucht Visionäre und Träumer" Martin Hanselmann

Martin Hanselmann: “Der Weg des Dialogs muss gefunden werden“

geschrieben/veröffentlicht von/durch  Touchdown24-Redaktion 25.09.2020
Martin Hanselmann gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten des deutschen American Footballs. Zwischen 1982 und 1993 zunächst als Spieler, später aber auch als Trainer und Funktionär.

Mit Hanselmann als Head Coach gewann die deutsche Football-Nationalmannschaft die Europameisterschaft 2001 und die World Games 2005, zudem wurde die deutsche Auswahl 2005 EM-Zweiter und 2003 WM-Dritter. Außerdem war Hanselmann Präsident des Bayerischen Football-Verbandes. Derzeit arbeitet er als Head Coach der Stuttgart Scorpions in der GFL.

Die aktuelle Situation im deutschen Football bereitet Hanselmann allerdings Sorge. Die Interessen des deutschen Football-Dachverbandes AFVD und den Vereinen waren während der Corona-Krise deutlich auseinander gedriftet. Zuletzt hatte der AFVD den Teams aus GFL und GFL2 mehr Kompetenzen zugesichert. Robert Huber, seit 1997 AFVD-Präsident, war zuvor vermehrt in die Kritik geraten und galt als schwer angeschlagen. Verschiedene Interessengruppen haben sich unterdessen gebildet, um Huber aus dem Amt zu bekommen. Und immer öfter fällt der Name "Hanselmann" als möglicher Nachfolger. Über all das hat TOUCHDOWN24 mit Martin Hanselmann gesprochen.

TOUCHDOWN24: Hallo Herr Hanselmann, steigen wir sehr direkt ein: Was sagen Sie zu den Gerüchten, dass sie Robert Huber als AFVD-Präsident beerben wollen?

Martin Hanselmann: Hallo, ja das habe ich auch schon gehört. Aber Spaß bei Seite, ich war ja schon Präsident des bayerischen Landesverbandes und konnte dabei Erfahrungen sammeln. Mir liegt der Sport American Football sehr am Herzen und ich bin gerne bereit mich für den Sport und die Athleten zu engagieren. Politik, in diesem Fall die Sportpolitik, ist ein schwieriges Geschäft und ich denke nicht, dass ich da die richtige Person bin, um eine solche Aufgabe zu übernehmen.

TOUCHDOWN24: Damit wäre das geklärt. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage im deutschen Football?

Hanselmann: Nun, wenn wir das in Schulnoten ausdrücken wollen, dann sehr unbefriedigend. Zwar bin ich überzeugt, wir haben noch immer die stärkste Liga in Europa, allerdings ist die aktuelle Lage für die vielen ehrenamtlichen Unterstützer nicht nur wegen Corona sehr mangelhaft. Die Strukturen eines guten Verbandes greifen nicht mehr und es herrscht eine große Unzufriedenheit. Von der durch die Medien gestützten "Aufbruchstimmung“ des American Footballs kommt wenig bei den Vereinen an.

TOUCHDOWN24: Mit der öffentlichen Ankündigung des Landesverbandes NRW, Robert Huber bei den nächsten AFVD-Wahlen nicht zu unterstützen, scheint ein Stein ins Rollen gekommen zu sein, der das Ende der “Ära Huber“ zur Folge haben könnte. Auch wenn dieser nun neue Posten für Funktionäre aus NRW geschaffen hat. Wie bewerten Sie den Vorstoß aus Nordrhein-Westfalen und glauben Sie, dass es Nachahmer geben wird?

Hanselmann: Das ist schon ein Statement. Ich kann natürlich nicht sagen, was es bewirken wird. Allerdings höre ich schon eine offene Unzufriedenheit bei den Vereinen und auch den Landesverbänden. Dass es weitere Landesverbände gibt, die ihre Unzufriedenheit dadurch ausdrücken, wird es bestimmt geben. Ich persönlich würde mich freuen, wenn es keinen harten Bruch geben würde. Dies ist immer mit Verlust von Kompetenz verbunden und wird am Ende auf dem Rücken der Spieler und Begeisterten ausgetragen. Vielmehr wünsche ich mir endlich eine offene Kommunikation, in der auch die Belange von neuen Visionären ihren Platz finden.

TOUCHDOWN24: Welche Rolle, denken Sie, nimmt Robert Huber dabei ein? Was hat er in den letzten Jahren gut und was weniger gut gemacht?

Hanselmann: Robert Huber ist immer noch der Präsident des AFVD und hat damit eine wirklich wichtige Rolle. Wenn wir weit zurückblicken, dann müssen wir feststellen, dass Robert Huber diesen Verband strukturiert hat. Seit er Präsident ist, haben wir dringend benötigte Gremien aufgebaut und den AFVD sportpolitisch im DOSB etabliert. Das war sehr wichtig und auch wenn vor kurzem jemand zu mir sagte 'ich pfeife auf die Politik', so ist dies ein wesentlicher Teil von funktionierender Verbandsarbeit. Weniger gut finde ich die Entwicklung des Sports. Da braucht es Visionäre und Träumer, die begeistern und mitreisen. Da sehe ich ein großes Versäumnis und das kann jetzt zum Problem werden. Diese Visionäre wollen weiterkommen, haben Energie und wollen etwas bewegen.

TOUCHDOWN24: Es scheint mehr Huber-Kritiker als Huber-Unterstützer unter Deutschlands Football-Mitgliedern zu geben. So soll es mehrere Interessengruppen geben, die Huber aus dem Amt heben wollen. Was wissen Sie darüber?

Hanselmann: Ja, das scheint so zu sein und es sind bestimmt diese vorher genannten Visionäre. Diese Gruppen drängen jetzt, weil sie sich nicht gehört fühlen. Das ist gefährlich und auf keinen Fall darf man dabei eine Struktur vergessen. Ein Sport setzt sich aus vielen Faktoren zusammen und nur hemdsärmelige Arbeit führt am Ende nicht sehr weit. Um einen Verband wie den AFVD zu bespielen, benötigt man auch viel langweilige Verwaltung. Das muss all diesen Gruppen klar sein. Wer das nicht will, wird nur ein Strohfeuer sein.

TOUCHDOWN24: Es soll auch sehr reiche Investoren geben, die Interesse an einer Gründung einer semiprofessionellen Football-Liga oberhalb der GFL haben. Chance oder Gefahr?

Hanselmann: Gefährlich sehe ich das so nicht. Es ist eine Möglichkeit sich beim AFVD Gehör zu verschaffen und kann am Ende eine sehr gute Kombination zwischen einem Verband und einer solchen Liga werden. Was ich kritisch sehe, ist vor allem die Arbeit im Nachwuchs. Dieser muss zwangsläufig von den Vereinen kommen. Aber warum soll es nicht auch wie im Eishockey funktionieren und man findet einen gemeinsamen Weg. Egal, ob dies sofort der Fall ist oder man nähert sich wieder an. Hier hat der AFVD vielleicht nicht rechtzeitig reagiert und wie erwähnt, gibt es dann irgendwann Leute, die ihren Weg gehen wollen. Das ist sicherlich nicht einfach zu erkennen, aber das ist eben auch Arbeit eines funktionierenden Präsidiums.

TOUCHDOWN24: Sie sind also der Meinung, dass eine derartige Liga unter das Dach des AFVD gehört. Investoren werden aber kaum Millionen in einen Pott für eine Liga werfen, wenn am Ende “Huber“ draufsteht. Wie könnte man dieses Dilemma lösen?

Hanselmann: Weder auf dem Pott noch auf der Liga steht ja "Robert Huber“. Auch er ist lediglich ein Repräsentant des Produktes. Ich weiß natürlich nicht, was bisher alles geschehen ist und man hört es einfach so oder so. Sicherlich muss meines Erachtens der Weg des Dialoges gefunden werden. Diese Verantwortung haben wir all unseren Sportlern gegenüber, finde ich. Wenn es aber am Ende um Investoren geht und der Gedanke von Gewinnmaximierung im Vordergrund steht, weiß ich nicht, wie es ausgehen wird. Auf alle Fälle bin ich davon überzeugt, dass am Anfang immer der Traum und die Vision stehen muss, um im Sport erfolgreich zu sein.

TOUCHDOWN24: Wie lautet der Konsenz aus all diesen Gedanken? Welchen Appell wollen Sie entsenden?

Hanselmann: Dialog, Dialog und nochmals Dialog. Wir haben in Deutschland so viel Football-Wissen und sind gut beraten, dies in allen Bereichen zu nutzen. Da muss dann halt das eigene Ego hintenanstehen. Das wäre mein Appell an den AFVD, offen und ohne Vorbehalte auf die Leute zugehen und unbedingt Lösungen finden. Es kann eigentlich gar nicht so schwer sein, den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und zu reden. Allerdings natürlich gilt das für alle Beteiligten.

TOUCHDOWN24: Und abschließend, um den Kreis zu schließen: Ein AFVD-Präsident Martin Hanselmann ist vollkommen undenkbar? Ihr Anliegen klingt integrativ, nicht die schlechteste Eigenschaft, um ein solches Amt zu bekleiden.

Hanselmann: Man soll ja nie nie sagen. Momentan aber möchte ich das ausschließen. Es gibt gerade so viele Aufgaben im American Football, die viel Aufmerksamkeit benötigen und zu denen ich mich verpflichtet fühle. Außerdem habe ich während meiner Amtszeit als Präsident des American Football Verbandes Bayern gemerkt, wie schwierig ein solches Amt ist. Das benötigt schon die volle Aufmerksamkeit, um es auch gut auszuführen.

Das Interview führte Markus Schulz

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