Jörn Maier - Head Coach der Elmshorn Fighting Pirates Jörn Maier - Head Coach der Elmshorn Fighting Pirates All-About-Football.de

Jörn Maier: “Man wünscht sich Orientierung und Klarheit“

geschrieben/veröffentlicht von/durch  Alex Kieser 08.05.2020
Corona und kein Ende. Wie geht es weiter? Was passiert innerhalb der Teams? Jörn Maier, Head Coach der Elmshorn Fighting Pirates, hat mit Touchdown24 über die Situation des Aufsteigers gesprochen.
Weitere GFL-Interviews mit Patrick Esume (DC, Elmshorn Fighting Pirates) und Markus Ley (Präsident, Cologne Crocodiles) findet ihr in der kommenden Print-Ausgabe von TOUCHDOWN24.

TOUCHDOWN24: Herr Maier, die aktuelle Lage stellt für die gesamte Welt eine neue Herausforderung dar. Beschreiben Sie bitte kurz die Situation der Fighting Pirates.

Jörn Maier: Die Situation ist überschaubar. Es gibt wenige Aktivitäten, die Spieler versuchen sich fit zu halten, so gut es geht. Ich versuche den Kontakt aufrecht zu halten und informiere sie über neue Erkenntnisse und Details von Verbandsseite. Viele meiner Spieler und Coaches stehen momentan auch vor anderen Herausforderungen, sei es beruflich oder familiär. Footballtechnisch fahren wir momentan auf Sparflamme.

TOUCHDOWN24: Von Verbandsseite ist man bemüht eine Saison zu Stande zu bringen. Gleichzeitig wurden Großveranstaltungen bis Ende August untersagt. Hat sich eine Saison damit schon erledigt?

Maier: Es gibt viele Gedanken, die da mitspielen. Zum Einen: Was ist überhaupt eine Großveranstaltung? Wann ist Kontakttraining wieder erlaubt? Ist es wirtschaftlich tragfähig, auch ohne Zuschauer zu spielen? Da gibt es viele Punkte, die seitens des Verbandes und der Vereine betrachtet werden müssen. Ich persönlich sage, wir brauchen eine schnelle Entscheidung, da es sonst schwer wird, überhaupt einen Spielbetrieb zu gewährleisten. Ich weiß von Gedankenspielen nach drei bis sechs Wochen Vorbereitung in eine Saison zu starten. Die Ansicht teile ich gar nicht. Auf dem Niveau der GFL reichen keine sechs Wochen, um Spieler, die das nicht täglich machen, auf eine Saison vorzubereiten. Ich war Trainer in der NFL Europe. Wir hatten dort auch nur sechs Wochen Vorbereitung, aber die Jungs haben sechs Tage die Woche von morgens bis abends trainiert und waren nach der Vorbereitung leidlich in der Lage eine Saison zu spielen. Diese Voraussetzungen haben wir nicht, daher halte ich das nicht für möglich.

TOUCHDOWN24: Welche besonderen Probleme abgesehen von Trainingsausfall und dem finanziellen Aspekt gibt es?

Maier: Ich denke, das sind schon die wesentlichen Dinge. Football auf diesem Niveau ist eine kostspielige Sportart. Wenn Spieltags- und Sponsoreneinnahmen wegbrechen, kann das so manchen Verein in eine gewisse Schieflage bringen. Auf der anderen Seite hat man knapp 80 Personen, die sich im Normalfall momentan sehr weit in der Saisonvorbereitung befinden würden. In Kürze wäre Saisonstart. Man hat sich natürlich auf die erste Saison in der GFL gefreut. Das ist ein psychologisches Momentum, welches einen runterzieht. Je länger die Situation dauert, umso mehr zieht es einen natürlich runter.

TOUCHDOWN24: Gab es Unterstützung der Sponsoren oder Aktionen von Fans in diese Richtung?

Maier: Nein, aber ehrlicherweise haben wir uns auch nicht darum bemüht. Wir können mit der Situation gut leben. Unsere Angestellten sind in Kurzarbeit gegangen und genießen staatliche Unterstützung. Außerdem sind wir Sparte eines Hauptvereins (Anm. d. Redaktion: Elmshorner Männer-Turn-Verein von 1860 e. V.). Momentan sind keine besonderen Maßnahmen erfolgt.

TOUCHDOWN24: Wünschen Sie sich als Verein mehr Unterstützung von offizieller Seite (AFVD, Regierung)?

Maier: Da bin ich als Coach nicht zwingend der richtige Ansprechpartner. Was man sich natürlich immer wünscht, ist Orientierung und Klarheit. Die haben wir nicht. Es geht von Verbandsseite nur darum, zu versuchen, ob es eine Möglichkeit gibt, den Spielbetrieb zu gewährleisten. Man muss aber auch ehrlicherweise sagen: Wie lange soll ich die Motivation aufrecht halten? Fitnessstudios hatten ja auch geschlossen, das muss man bedenken. Ein Fakt, der nicht ganz unwichtig ist. Denn mit ein bisschen joggen kann man die Fitness nicht auf dem Level halten, wie es am Ende nötig ist. So gesehen ist es schwierig, wenn man keine Orientierung und Klarheit hat. Das ist auf jeden Fall eine Herausforderung.

TOUCHDOWN24: Sie sind nicht nur Head Coach, sondern auch Gründungsmitglied des Vereins. Haben Sie auch ein bisschen Angst um ihr “Baby“?

Maier: Nein, in keinster Weise! Auch wenn ich glaube, dass uns diese Situation noch eine Weile beschäftigen wird. Wir haben aber das Glück mit der NFL einen Werbe- und Imageträger zu haben in unserer Sportart, der immer wieder dafür sorgen wird, dass sich junge Menschen für diesen Sport interessieren. Von daher habe ich keine Existenzängste.

TOUCHDOWN24: Importspieler können nicht einreisen, das Training fällt seit Wochen aus. Welche Probleme auf das Sportliche bezogen gibt es sonst noch?

Maier: Das wesentlichste Problem sind nicht die Importspieler, ausfallendes Training und auch nicht die Taktik, sondern die Frage: Hat man rein zahlenmäßig eine Mannschaft, die in der Lage ist, sich auf den Sport zu fokussieren, oder haben die Spieler andere Prioritäten privater Natur? Die andere Frage ist, ob es realistisch ist, dass die Spieler auf einen Fitnessgrad kommen, der es ihnen ermöglicht Football auf diesem Niveau zu spielen.

TOUCHDOWN24: Wie halten sich die Spieler fit? Gibt es individuelle Trainingspläne? Sind die Spieler "Profi" genug, um diese umzusetzen?

Maier: Trainingspläne gibt es bei uns nicht. Die Spieler halten sich individuell fit, organisieren und motivieren sich untereinander. Es gibt zum Beispiel Challenges, denen sie sich aussetzen. Von Vereinsseite haben wir keine Vorgaben gemacht.

TOUCHDOWN24: Der Verein startete als durchaus ambitionierter Aufsteiger in die Saison. Sehen Sie den Verein als Playoff-Contender, sollte es noch eine Saison geben?

Maier: Ja, das war das Ziel, was wir ausgegeben haben. Wir haben von Seiten des Sportdirektors und der Coaches immer gesagt, dass unser Ziel die Playoffs sind. Ich hab immer davon gesprochen, dass wir als erstes versuchen in die Playoffs zu kommen, dann schauen wir ,wie weit die Reise gehen kann. Man muss realistisch sein: Am Ende sind wir der Aufsteiger, aber insbesondere unser deutscher Teil des Kaders hat eine sehr hohe Qualität, sodass wir uns durchaus zugetraut hätten, ein gewichtiges Wörtchen in der ersten Liga mitreden zu können.

TOUCHDOWN24: In Kürze wird ein Statement des AFVD zur GFL-Saison erwartet. Wird es eine Saison 2020 geben?

Maier: Wie gesagt: Es geht darum, dass wir Klarheit und Orientierung brauchen. Klarheit zum jetzigen Zeitpunkt kann nicht heißen, wir schauen mal, ob wir irgendwann eine Saison spielen. Das ist für mich keine Basis, auf der ich wochen- und monatelang weiter arbeiten und planen kann. Wenn man immer noch die Illusion hat, dass es eine Saison geben könnte, dann muss man natürlich auch versuchen den Kostenapparat aufrecht zu erhalten. Wenn es dann aber zu keiner Saison kommt, bleibt natürlich die Frage: Wozu macht man das? Als Verein begibt man sich dadurch in eine Situation, in der man irgendwann die Entscheidung treffen muss, das nicht weiter fortführen zu können, da man eben auch nicht die Existenz des Vereins aufs Spiel setzen darf. Aber das ist ein generelles Thema. Wie lange kann jeder die jetzige Situation durchhalten? Es gibt auch einige, die sagen, falls es keine Saison gibt, wird es meinen Klub nicht mehr geben. Ich kann dazu nur sagen, bevor es meinen Klub nicht mehr geben wird, da wir auf eine eventuelle Saison spekulieren, wäre stattdessen die logische Konsequenz zu sagen, dann ziehen wir uns aus dem Geschäft zurück. An irgendeinem Punkt muss man mit dem Geldausgeben aufhören und dann entsprechend wieder damit anfangen, wenn nächstes Jahr absehbar ist, dass es eine Saison gibt. Aus Gesprächen mit anderen Vereinen weiß ich, dass wir nicht alleine stehen damit. Am Ende muss auch die Politik Klarheit geben. Aber alles, was ich weiß, ist, dass Großveranstaltungen bis Ende August ausgesetzt sind. Somit bleibt die Frage: Wie viel Football ist dann wirklich noch möglich?

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Heft 34 Ausgabe JUN 2020 Deines American Football Magazins TOUCHDOWN24.



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