GFL: Es geht um mehr als nur spielen oder nicht

geschrieben/veröffentlicht von/durch  24.07.2020
Der deutsche Football befindet sich einmal mehr in einer schweren Krise. Dass es so weit gekommen ist, dass sich mehrere Teams in einer gemeinschaftlichen Aktion gegen einen aktiven Spielbetrieb entschieden und insgesamt 10 von 16 Vereinen für eine Meisterschaft der höchsten deutschen Spielklasse nicht zur Verfügung stehen, hat auch Gründe, die über die Frage "spielen oder nicht" hinausgehen - es ist längst ein Politikum geworden und eine Rebellion gegen das Gebahren des Dachverbandes AFVD.

AFVD-Präsident Robert Huber bangt um sein Geschäftsmodell, die deutschen Football-Vereine um ihre Existenz. Anstatt in der Krise enger zusammenzurücken, haben sich der deutsche Dachverband und etliche GFL- und GFL2-Vereine immer weiter voneinander entfernt.
Das Tischtuch sei "zerschnitten", sagte kürzlich Alexander Korosek, Geschäftsführer der Frankfurt Universe, gegenüber hr-Sport. GFL-Sprecher Carsten Dalkowski sprach kurz darauf Korosek die Berechtigung ab, für die Liga zu sprechen. Vor wenigen Tagen legte Jörn Maier, Head Coach der Elmshorn Fighting Pirates und für seine klaren Worte bekannt, ausgerechnet in einem Interview auf der AFVD-nahen Plattform football-aktuell.de nach und relativierte: "Ich bin mir nicht sicher, ob man überhaupt noch an einem Tisch sitzt." Wahrscheinlich wird Dalkowski auch ihm das Recht absprechen, ein Mandat zu haben, um für die Liga zu sprechen. Seine Meinung äußern, darf er aber - wie auch Korosek und so ziemlich jeder Mensch in Deutschland. Und seine Eindrücke über den Zustand des deutschen Footballs schildern ebenfalls. So ist es nunmal, auch wenn AFVD-Funktionäre offenen Widerspruch nicht gewohnt sind.

Huber hatte in den letzten Wochen um die Aufrechterhaltung seiner Liga gekämpft, doch wie bei einem glitschigen Aal schien dem deutschen Football-Oberhaupt dabei immer wieder die Kontrolle aus den Händen zu gleiten. Es geht längst nicht mehr nur um den Spielbetrieb, mutmaßte auch Korosek in der Hessenschau: "(...) sondern um Geld und persönliche Einzelinteressen. Der heilige German Bowl soll mit Ach und Krach durchgeführt werden." In der Corona-Krise scheint sich zuzuspitzen, was jahrelang in vielen deutschen Vereinen hinter vorgehaltener Hand kritisiert wurde.

Es geht vielen Sportlern und Ehrenamtlern in Deutschland auch um das "Geschäftsmodell Robert Huber", welches spätestens seit dem Urteil vor dem Bundesverwaltungsgericht Köln im Jahr 2015 vor allem ein Dorn im Auge ist. Huber ist mit seinen Firmen, beispielsweise "German Football Partners", die sich um die Vermarktung der GFL kümmert, so tief im deutschen Football drin, dass er persönlich in dieser Krise mutmaßlich am meisten zu verlieren hat.

In einer Mail an die GFL-Vereine vom 16. Juli, die TOUCHDOWN24 vorliegt, verweist Huber auf ein Förderprogramm des Bundes, aus dem die GFL "evtl. über 1.000.000 Euro zu erwarten hat". Problem: In der gleichen Mail schreibt er: "Zweck des Förderprogramms ist die Kompensation von fehlenden Zuschauereinnahmen durch nicht Nicht-Zulassung oder Zulassung von weniger Zuschauern. D.h. es ist zu erwarten, dass nur solche Ligen einen Zuschuss erhalten, die auch spielen. Schließlich ist die Stoßrichtung des Programms der Erhalt von Arbeitsplätzen in den Profi-Ligen und nicht die Förderung des gemeinnützigen Sports."

Und genau hier liegt der Hund begraben: Ist American Football in Deutschland Profi-Sport? Oder werden wieder einmal Wortklaubereien betrieben, wie bei der Definition, dass Football kein Kontaktsport (sondern Kollisionssport) sei - in der Hoffnung auf Vorteile bei Corona-Lockerungen. Immer mit dem Ziel, in jedem Fall in diesem Jahr zu spielen - oder nun: Fördermittel zu erlangen, die für die Amateur-Liga GFL gar nicht vorgesehen sind. Noch im Mai hatte der AFVD in einer Meldung auf seiner Homepage eine Handlungsempfehlung zur Wiederaufnahme des Amateursports veröffentlicht und sich damit selbst dem Amateursportlager zugerechnet. 

Doch viele Vereine machen dabei nicht mehr mit. Zu lange wurden sie hingehalten, zu häufig wurde das Vertrauen erschüttert, wie Korosek in der Hessenschau bestätigt. Auch hätte Huber den Vereinen zumindest einen Verteilerschlüssel zusagen können, sofern die Amateur-Liga GFL Fördermittel aus einem Topf für Profi-Sport erhält, anstatt sie mit Konjunktiven zu umgamen, was alles sein könnte, aber nicht muss, wenn doch bitte nur gespielt wird. Das mangelnde Vertrauen in die Worte der AFVD-Führung wird auch aus einem Schriftverkehr mehrerer Vereine deutlich, der unserer Redaktion vorliegt. Ein Vereinsvertreter bestätigt auf Nachfrage von TOUCHDOWN24: "Wir (die Vereine, d. Redaktion) werden aus den Fördertöpfen keinen Cent bekommen. Wir sind bislang nicht berücksichtigt worden und werden auch zukünftig nicht berücksichtigt, weil wir nicht-olympisch sind".

Und so bleiben Huber nach aktuellem Stand sechs Vereine, um seinen German Bowl zu retten. Welchen sportlichen Wert eine Deutsche Meisterschaft in diesem Jahr hat? Dass unterschiedliche Trainings-Vorschriften in den einzelnen Bundesländern herrschen und somit von einem fairen Wettbewerb gar nicht gesprochen werden kann? Das alles scheint dem Verband egal zu sein. Für einen German Bowl hätten offenbar auch zwei willige Mannschaften ausgereicht.    

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Markus Schulz

Markus Schulz arbeitet seit 2009 beim Sport-Informations-Dienst in Köln. Seine Leidenschaft für den American Football entdeckte der Familienvater bereits mit elf Jahren während Super Bowl XXIII. 2017 schloss sich Schulz TOUCHDOWN24 zudem als Chefredakteur an. Außerdem hat der gebürtige Mönchengladbacher mehrere Bücher über den US-Sport publiziert und engagiert sich ehrenamtlich als Pressesprecher bei seinem örtlichen Football-Verein Remscheid Amboss.

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