Cheerleader der Washington Redskins Cheerleader der Washington Redskins imago images / ZUMA Press

Washington Irgendwas – mein Favorit für den First Overall Pick 2021

geschrieben/veröffentlicht von/durch  18.07.2020
Kürzlich unterhielt ich mich noch mit einem TOUCHDOWN24-Redakteur darüber, welches Team der Favorit für den First Overall Pick 2021 ist. Auch um ihn zu ärgern, der Kollege ist bekennender Fan der New York Jets, nannte ich die Gang Green meinen Favoriten. Bei genauerer Betrachtung kann es aber nur ein Team geben, dass schon jetzt der Verlierer der Saison ist. Der First Overall Pick 2021 ginge entsprechend konsequent an die Washington Ex-Redskins.

Wenn ein NFL-Team die Schlagzeilen der Offseason dominiert, obwohl es sportlich in den letzten Jahren keine Rolle gespielt hat, dann ist der Grund dafür meist nicht positiver Natur. So auch bei den Washington Ex-Redskins, die sich binnen kürzester Zeit auf mehreren Ebenen als “Chaos-Club“ präsentiert haben.

Zunächst ging es um die Namensposse. Wir brauchen an dieser Stelle nicht mehr zu diskutieren, ob der Name “Redskins“ zu Recht oder zu Unrecht und warum gerade nochmal jetzt besonders als rassistisch eingestuft wurde. Das ist von Übersee aus und als nicht betroffener Bevölkerungsteil auch extrem schwer zu bewerten. Fakt ist, die Kritik am Namen gibt es seit Jahren, Besitzer Dan Snyder hatte erst 2015 erklärt, dass seine Franchise niemals den Namen ändern würde. Dieses Statement hielt zwar noch einige Jahre, doch als finanzieller Druck der Sponsoren entstand, ging plötzlich alles ganz schnell.

So wie die NFL im Fall von Colin Kaepernick ließ auch Snyder jahrelang die Chance verstreichen, sich einer Kritik anzunehmen und sich gewissenhaft mit ihr auseinanderzusetzen. Er hätte den Prozess einer Umbenennung schon längst aktiv gestalten können, sich als Vorreiter gegen den Rassismus positionieren können. So wirkt er nur wie ein Getriebener seiner eigenen Aussagen und vielleicht sogar als allzu schneller Umfaller, jetzt wo es ans Geld, an den Wert der Marke und sein eigenes Vermögen geht.

Trotzdem hatte das Football-Team aus Washington die Chance eines neuen Brandings - als Aufbruchzeichen in eine neue und auch sportlich erfolgreiche Zeit, immerhin gab es den letzten Titel 1991. Nein, nicht kurzfristig, auch ohne diese Nebenkriegsschauplätze waren die damaligen Redskins einer meiner Top-drei-Pick-Kandidaten, aber mittelfristig. Mit Coach Rivera kann etwas aufgebaut werden, in Dwayne Haskins hat Washington einen jungen Quarterback, der noch etliches Entwicklungspotenzial mitbringt. Zudem hat das Team eine der besten Defensive Lines der Liga. Eine gewisse Basis ist auf Sicht durchaus vorhanden.

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Was jetzt aber die Washington Post veröffentlichte, rückt auch ein neues Branding in den Hintergrund. Insgesamt 15 Mitarbeiterinnen der vormaligen Redskins werfen männlichen Mitarbeitern, zum Teil hochrangigen, sexuelle Belästigungen vor. Dass sich dabei nur eine Person, Emily Applegate, namentlich zitieren lässt und der Rest lieber anonym bleiben möchte, zeigt, welch Druck auf den Geschädigten lastet. Ein Großteil der betroffenen Angestellten ist Teil der Cheerleader.

Nun ist Cheerleading nichts verwerfliches. Tanzen, Lächeln, gute Laune gehören zum Cheerleading dazu, ein sexy Outfit womöglich  ebenso und der Flirt mit dem Publikum hier und da auch. Das ist auch alles okay, sofern es auf freiwilliger Basis geschieht. In Washington wurden die Cheerleaderinnen zu besonders kurzen Röcken und tiefen Ausschnitten aber angehalten, der unfreiwillige Flirt mit dem Publikum in bestimmte Boxen war gefordert. Schlimmer noch, es soll Fotoshootings gegeben haben, bei denen Cheerleaderinnen aufgefordert wurden, sich "oben ohne“ ablichten zu lassen. Hinzu kommt ein sexualisierter Umgangston und scheinbar viel Druck, der ausgeübt wurde.

In einigen Online-Kommentaren war die Wut auf den “alten, weißen Mann“ zu lesen, der in seinem Machtbegehren Frauen als Mittel zum Zweck sieht, Belustigung, Spaß, sollen halt zeigen, was sie haben, wenn sie vorankommen wollen. Das greift mir aber zu kurz. In vielen Teilen der Welt, die nicht von “Weißen“ dominiert werden, haben Frauen noch viel größere Probleme, noch weniger Rechte. Das heißt nicht, dass man das Geschehene relativieren sollte, aber es ist ein weltweites Problem unterschiedlicher Ausprägung und kein Problem des Alters oder der Hautfarbe der “Mächtigen“.

Zurück zu den Redskins, oder dem Washington Football-Team: Fakt ist, Snyder, der sich von den Vorwürfen distanziert hat und bekannt gab, eine neue Unternehmens-Kultur schaffen zu wollen, hat seinen Laden nicht im Griff. Die Franchise hat aktuell so viele Brandherde zu bekämpfen, hat so viel mit sich selbst zu tun, dass sich nur schwerlich auf das Sportliche konzentriert werden kann. Ein Rücktritt von Snyder liegt nahe, beziehungsweise die Aufforderung, dass er das Team jetzt verkaufen sollte.

Das Washington-Football-Team braucht einen Neuanfang auf vielen Ebenen. An der Sideline ist mit einem neuen Head Coach dafür bereits gesorgt, doch traut man einem neuen Besitzer vermutlich eher zu, die internen Strukturen zu bereinigen, als Snyder, unter dessen Führung das alles möglich war. Ein neuer Name alleine scheint nicht mehr auszureichen, damit das Team aus der NFC East wieder positiv belegt ist.

Eine ganze Organisation, die sich so weit weg mit Dingen abseits des Sports beschäftigen muss und sportlich aktuell sowieso zu den schlechteren der NFL gehört, ist für mich Favorit auf den First Overall Pick 2021. Und wenn es doch die Jets werden, kann ich zumindest meinen Kollegen bei vielen Niederlagen im Saisonverlauf ärgern.

Markus Schulz

Markus Schulz arbeitet seit 2009 beim Sport-Informations-Dienst in Köln. Seine Leidenschaft für den American Football entdeckte der Familienvater bereits mit elf Jahren während Super Bowl XXIII. 2017 schloss sich Schulz TOUCHDOWN24 zudem als Chefredakteur an. Außerdem hat der gebürtige Mönchengladbacher mehrere Bücher über den US-Sport publiziert und engagiert sich ehrenamtlich als Pressesprecher bei seinem örtlichen Football-Verein Remscheid Amboss.

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